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Roland Innerhofer, Daniela Strigl (Hg.): Sonderweg in Schwarzgelb?

Auf der Suche nach einem österreichischen Naturalismus in der Literatur.
Innsbruck: Studienverlag 2016.
260 Seiten, broschiert, Euro 32,90.
ISBN: 978-3-7065-5468-8.

Der Ausgangspunkt dieses Sammelbandes ist der Befund, dass der Naturalismus in Darstellungen der österreichischen Literaturgeschichte üblicherweise wegerklärt wird, indem die zeitlich "passenden" österreichischen Autoren und Autorinnen aufgrund ihrer Schreibweise oder wegen ihrer expliziten Ablehnung des deutschen Naturalismus zum Sonderfall erklärt werden. Aus dieser Beobachtung ergibt sich die grundsätzliche Frage, wie weit ein literarhistorisches Etikett und eine Epochenbezeichnung überhaupt stimmig und erhellend sein können. Im vorliegenden Band wird dieser Frage mit Fokus auf die "innerästhetische Entwicklung" (S. 8) und auf narrative und poetische Verfahren nachgegangen. Die HerausgeberInnen sind erklärtermaßen weniger an literatursoziologischen oder ideologischen Zuordnungen interessiert – die sich aber natürlich bei der Suche nach einem österreichischen Naturalismus schon wegen der nationalen Abgrenzung in den Vordergrund spielen –, sondern an der Analyse von Texten bzw. Werken.

Voran stehen zwei Überblicksdarstellungen von Werner Michler und Jacques Le Rider; es folgen drei Aufsätze, die sich "Verfahren" widmen, vergleichend vorgehen und Schnitzler, Rosegger und Saar in den Kontext des europäischen Naturalismus stellen, wobei der Beitrag von Moritz Baßler ein Auszug aus seinem Buch "Deutsche Erzählprosa 1850-1950" (Berlin 2015) ist; fünf Fallstudien konzentrieren sich auf Ebner-Eschenbach, Saar, Anzengruber, Bertha von Suttner und Jakob Julius David und werden auf unterschiedliche Weise dem Anspruch der offenen Relektüren gerecht, der für den Sammelband zentral ist. Immerhin fünf Beiträge sind unter der Rubrik "Ausstrahlungen und Nachwirkungen" zusammengefasst, was auf die Nachhaltigkeit des österreichischen Naturalismus verweist, die im einleitenden Befund der Herausgeber festgestellt wird: Österreichische Autorinnen und Autoren begegneten dem deutschen bzw. europäischen Naturalismus skeptisch bis unbefangen, so dass er Impulsgeber, Katalysator und Stimulus von Dauer sein konnte. (S. 17)

Aus den Beiträgen seien drei herausgegriffen, die sich mit Werken befassen, die über das von Jacques Le Rider für die österreichische Literatur konstatierte air de famille mit dem zeitgenössischen europäischen Naturalismus (S. 53) auf die eine oder andere Weise hinausgehen. Konstanze Fliedl liefert ein "Close Reading" zu Marie von Ebner-Eschenbachs autobiographischem Text "Meine Kinderjahre". Ausgehend von der Beobachtung, dass Schriftsteller-Autobiographien "in besonderem Maß zur Beglaubigung einer Lebensleistung" tendierten, da in ihnen "Metier und 'memoire' zur Deckung kommen", schaut Fliedl bei Ebner-Eschenbachs Text von 1905 genauer hin und stellt fest, dass er "von poetologischen und genrespezifischen Widersprüchen unterlegt ist" (S. 98). Fliedl bescheinigt dem Text eine "besondere ästhetische Virulenz" und liest ihn auch gegen die Forschungstradition, die darin das "genregemäße Telos des Schriftstellertums" (S. 99) sucht und es – außertextuell findet. Fliedl weist mit ihrer genauen Lektüre nach, dass in "Meine Kinderjahre" das Schreiben und das Lesen auffallend oft und immer wieder auf spielerische Art misslingen, was der Erzählabsicht einer Schriftstellerinnenautobiographie zuwiderläuft. Am Ende ihrer Analyse stellt Fliedl explizit die Frage nach der Nähe dieses Texts zu avancierten literarischen Entwicklungen der Jahrhundertwende. Das Moderne des Textes bestehe im Widerstand gegen die "kanonisierten autobiographischen Strukturmuster" und gegen die "Gerichtetheit des Schriftstellerlebenslaufes" (S. 108), ein Befund, der der Einpassung des Beitrags in das Überthema des Sammelbandes dient. Fliedls Relektüre ist auch ohne diesen Bogen voller lesenswerter Textbeobachtungen, die zeigen, dass eine kritische Überprüfung literaturwissenschaftlicher Vor-Urteile und Zuschreibungen, seien sie nun in Epochen- oder Genrerastern getroffen, den Blick auf den Text mit Erkenntnisgewinn freimachen kann.

Während Fliedl gegen eine vorgegebene Zuordnung liest, stellt der Beitrag von Beatrix Müller-Kampel den Versuch dar, den Ausschluss eines Textes und seiner Autorin aus dem literaturwissenschaftlichen Klassifikationssystem zu korrigieren. Bertha von Suttners Roman "Die Waffen nieder!", erschienen 1889, dem "Schlüsseljahr des deutschsprachigen Naturalismus" (S. 139), (Erscheinungsjahr von "Papa Hamlet" von Holz und Schlaf; Jahr der Aufführung von Ibsens "Gespenster" in Berlin), wird aber weder damals noch heute diesem zugeordnet.
Mit Bourdieu schaut Müller-Kampel zuerst auf den Ausschluss Suttners aus dem literarischen Feld, um dann den Roman "Die Waffen nieder!" gegen den Vorwurf des Trivialen mit Verweis auf seine Hybridität zu verteidigen. So folge dieser Text "darstellerisch" dem Modell des Unterhaltungsromans, die mitverhandelten "pädagogisch-politischen Programme", notabene im Plural, machten ihn aber auch zu einem Bildungs-, Entwicklungs-, Thesen-, Ideen- und Tendenzroman. (S. 140) Müller-Kampel nennt die wichtigsten Elemente der "Populärliteratur", ein Ersatzbegriff für Trivialliteratur oder literarischen Kitsch, wie Identifikationsangebote an den Leser, Emotionalisierung und Stereotype, die in "Die Waffen nieder!" ebenso zum Einsatz kämen, wie in vielen anderen Texten Suttners. (S. 144) Suttner selbst hat bemerkt, dass ihr bei ihrem belletristischen Werk, das oft der finanziellen Notwendigkeit geschuldet war, die Politik und da in erster Linie ihr pazifistisches Anliegen in die Quere gekommen sind. Der realistischen Darstellung des Kriegsleids stellt Suttner immer auch Interpretation und Kommentar zur Seite. Suttner ist in ihrer detaillierten, ungeschönten Beschreibung des Kriegs in "Die Waffen nieder!" eine "Naturalistin (wenn auch pädagogisch-dozierenden Formats)", bemerkt Müller-Kampel (S. 147), argumentiert dann aber, dass Suttners generelle Literaturauffassung sich in ihrer "literarischen Praxis" nicht widerspiegle. Was Müller-Kampel konstatiert, ist eine Form des Ideenschmuggels, der jedes Mittel recht ist, und die sich auch "naturalistischer Sequenzen" bediente, was allerdings nach dem Erfolg von "Die Waffen nieder!" weder Kritik noch Publikum goutierten. Es bleibt offen, warum die Genreunentschiedenheit, die Müller-Kampel mit Mara Lisa Lerchner als "Hybridität" bezeichnet, und der formale Eklektizismus nur in einem Roman im umfangreichen Œuvre Suttners darstellerisch aufgegangen ist. Dass das in diesem Sinne in "Die Waffen nieder!"gelungen ist, macht es wert, den Roman "modernistisch" (S. 150) - oder überhaupt – zu lesen.

Clemens Peck schreibt über Jakob Julius David (1859-1906) und seine "Naturalismen". Auch David gehört zu den Vergessenen und Nichtkanonisierten der Literaturgeschichte, Peck will ihn aber gar nicht für den Kanon retten, sondern an Davids Verfahren und der Gegenüberstellung von Subjekt und Kollektiv in Davids Werk eine weitere Perspektive auf die Literatur am Ende des 19. Jahrhunderts eröffnen. Davids "Werkbiographie" scheint Peck ein geeigneter "Navigator" bei der Suche nach dem österreichischen Naturalismus. (S. 154) Peck interessieren die Elemente des Spätrealismus in Davids Werk, "die sich verschieden bündeln, radikalisieren und auch gegen das liberale Ethos wenden lassen, dessen Lösungsmodellen sie ideologisch verpflichtet sind" (S. 154). Anhand von zwei Texten geht Peck dieser These nach. Während in der Erzählung "Das Höferecht" (1886) die "biologistische Topographie eines mährischen Dorfes" dargestellt wird, widmet sich der Roman "Am Wege sterben" (1899) einer "literarischen Soziologie der Großstadt Wien". (S. 155) In beiden Werken wird der Konflikt zwischen sozialer Determination und Individualität verhandelt. Das mährische Dorf und das Mauthäuschen der jüdischen Familie an der Landstraße, die in den Sehnsuchtsort Großstadt führt, sind bei David selbstverständlich literaturfähig und darstellungswürdig. Dieses Dorf, in dem noch altes Höferecht durchgesetzt werden kann (der älteste Sohn erbt alles), steht in Verbindung mit der Großstadt Wien, in der andere Gesetze gelten. Der tragische Ausgang des Konflikts zwischen dem Alleinerben und seinem in der Stadt gescheiterten Bruder ist präfiguriert. Peck weist nach, wie in der Erzählung vorgegebene Mechanismus die Figuren antreiben und sie jeder geplanten Aktivität entheben. Mit Rekurs auf Gérard Genettes Trennung zwischen "Modus" und "Stimme" zeigt Peck, wie die erlebte Rede in "Das Höferecht" eine "Wahrnehmungsambivalenz" (S. 160) erzeugt, durch die sich dieses Verfahren von der realistischen Erzählweise unterscheidet. Im Roman "Am Wege sterben" werden die in der Erzählung wirksamen geheimen Mechanismen "in den Bereich der Sozialpsychologie" überführt (S. 165). Die (politisierte) Masse übernimmt die Regie, ihre Darstellung ist zentral für den Roman. Sowohl die analysierte Erzählung als auch der Roman arbeiten sich "auf mehreren Ebenen durch naturalistische Bestände und offerieren unterschiedliche Pointierungen" (S. 166), so Peck.

Alle drei Fallstudien bestätigen, was die HerausgeberInnen in ihrer Einleitung mit Werner Michler konstatieren, nämlich dass "das, was doch als Naturalismus aus Österreich bezeichnet werden kann", ein "multidimensionales Phänomen" sei (S. 8). Was im Vorwort wie eine wenig überraschende Beobachtung klingt und als Quintessenz für einen Sammelband "auf der Suche nach einem österreichischen Naturalismus in der Literatur" eher resignativ wirkt, gewinnt mit den Detailanalysen, Vergleichs- und Wirkungsstudien an Tiefe und Plausibilität, schärfen sie doch den Blick für die Grenzen der Dimensionen und für die Überschneidungen in den Randbereichen.

Karin S. Wozonig
22. November 2016



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