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Gabriele Kögl: Höllenkinder.

Erzählung.
Graphiken von Georg Koenigstein.
Krems: Edition Roesner, 2016.
96 Seiten; Hardcover mit Lesebändchen; Euro 26.90 € (A).
ISBN: 978-3-903059-13-9.

Autorin

Leseprobe

"Ich erzähle es dir, sonst wirst du niemals Ruhe geben!"

Die vielfach ausgezeichnete Autorin Gabriele Kögl, die zuletzt mit ihrem Roman Auf Fett sieben durchwegs positive Resonanz erfahren hat, legt mit Höllenkinder nun in der Edition Roesner eine kleine, listige Erzählung vor. Illustriert wird der Band vom Verleger und Künstler Georg Koenigstein, der in seiner Edition Koenigstein ansonsten bibliophile Bücher samt Originalgrafiken verlegt, zuletzt etwa Ausgewählte Gedichte von Stefan Zweig (mit original Farblinolschnitten). In der ihm eigenen, expressiven Bildsprache wird Koenigstein auch der geradezu haarsträubenden Lebensgeschichte, die Gabriele Kögl in Höllenkinder erzählt, mehr als gerecht.
Die Illustrationen zur Erzählung sind ebenso verstörend und irritierend wie die nach und nach entfalteten Schilderungen einer alten Frau, die anlässlich eines runden Geburtstags auf ihr von Mühen und Grausamkeiten gezeichnetes Leben zurückblickt. Die Erzählerin wird als ältestetes von elf Kindern auf einem Bauernhof geboren, das Leben ist hart auf dem Land und die Armut prägt ihren Alltag. Vor allem aber wird das Leben der ganzen Familie von den Launen und dem Willen des Vaters bestimmt, der – hart zu sich selbst – hart bis zur Erbarmungslosigkeit gegen sein Umfeld und seine Familie ist. Das klassische Bild eines maulfaulen Bauern, dessen Sprachlosigkeit ihn zum Dorftyrannen macht.
Dabei ist erst durch das Sprechen, das Erzählen so etwas wie Hoffnung, wie eine Lösung, ein besseres Leben möglich. Die Erzählerin selbst hat auch nie viel erzählt oder reflektiert, ihr Leben bestand nur aus Arbeit und Aufopferung zuerst für die kleineren Geschwister, dann für die eigenen zwei Kinder, zu denen sie – so scheint es – nach dem Tod ihrer Mutter wie die Jungfrau zum Kinde gekommen ist. Gabriele Kögl lässt diese alte Frau ganz authentisch zu Wort kommen, sie spricht assoziativ und sprunghaft, naiv und oft scheinbar ohne Zusammenhang, stur und bauernschlau zugleich, als jemand, der sich durch sein Leben mehr durchquälen musste.

Die Tochter, die nach dem Leben der alten Frau fragt und alles genau wissen will, die alten Fotografien sammelt und Antworten auf die ganze Sprachlosigkeit haben will, drängt die Mutter dazu, endlich alles zu erzählen. Dabei zeigen die alten Fotos ohnehin, wie sich die Mutter gefühlt haben mag. "Und wenn man genau hinschaut, dann sieht man, dass niemand glücklich dreingeschaut hat und ich am allerwenigsten, weil ich nun die Mutter haben spielen müssen für die Kleinen, und dann habe ich auch die Frau spielen müssen, als die Mutter nicht mehr war, zum Drauflegen für den Vater." (S. 54)
Die Tochter muss sich also ins Ehebett zum Vater legen und das Leben nimmt seinen Lauf, weil man doch gehorchen muss, weil man doch brav sein muss, wie es an einer anderen Stelle heißt. Das bestätigt der Frau auch der Dorfpfarrer, der ihr vaterloses Kind nicht taufen lassen will, wenn sie ihm nicht verrät, wie sie schwanger geworden ist. Ein Höllenkind würde es werden, droht er ihr, wenn sie ihm nicht beichten würde. Und da die Sprachlosigkeit so groß ist, muss sie dem Pfarrer an ihm zeigen, was der Vater mit ihr gemacht hat. Und dann natürlich darüber schweigen. Es wundert nicht, dass auf manchen Fotografien auch der Pfarrer in die Kamera lächelt und das zweite Kind der Frau dem Geistlichen wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Das erinnert an eine Episode aus der erotischen Erzählung
Josefine Mutzenbacher. Die Geschichte einer Wienerischen Dirne. Von ihr selbst erzählt, die vermutlich vom weltberühmten Autor des Kinderbuchklassikers Bambi, Felix Salten, geschrieben wurde. Auch dort ersetzt die Tochter dem Vater die Ehefrau und auch dort muss sie dem Beichtvater an ihm selbst zeigen, was für eine Sünde der Vater mit ihr begangen hat. Auch die Mutzenbacher ist naiv und unbedarft und versteht von so großen Begriffen wie Sünde und Hölle nicht viel, auch sie stolpert mehr durchs Leben als dieses selbst zu bestimmen.

Gabriele Kögl gönnt ihrer tristen Heldin zumindest auf den letzten Seiten ein wenig Gerechtigkeit; anlässlich der erwähnten Geburtstagsfeier der Frau kommt ihre Erinnerung in Gang und ermüdet von den Fragen der Tochter nach ihrer Vergangenheit beschließt sie, ihr dieses traurige Leben zu erzählen. Am Ende verschafft ihr das Leben selbst ein wenig Genugtuung. Den Vater befördert sie – anstatt den Arzt zu rufen – gleich selbst ins Jenseits, und vom Pfarrer weiß sie, dass er nur mehr sabbernd in seinem Rollstul vor sich hindämmert. Tröstlich oder angenehm ist aber auch dieses Ende nicht.

Bernd Schuchter
1. Dezember 2016

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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