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Marianne Gruber: Ins Schloss.

Roman.
Innsbruck, Wien: Haymon, 2004.
231 S.; geb.; Eur[A] 19,90.
ISBN 3-85218-447.

Link zur Leseprobe

"Als K. erwachte, war es früher Vormittag." Er ist in steif gefrorene Decken gehüllt, selbst fast ein Eiszapfen und kann sich kaum bewegen. Er befindet sich also keineswegs in einer angenehmen Lage, aber das ist er ja von Kafka bereits gewohnt. Warum sollte Marianne Gruber zimperlicher mit ihm umgehen? Nun, zimperlich vielleicht nicht, aber es ist doch ein anderer K., dem wir hier begegnen, ein Landvermesser, der sich über alle Autoritäten hinweg setzt, und deshalb schafft er es auch schließlich bis "Ins Schloss".

Marianne Gruber hat sich an ein hochtrabendes, heikles Unterfangen gewagt: Sie wollte Kafkas "Schloß" zu Ende schreiben. Allerdings unter anderen Vorzeichen. Denn Franz Kafka hat seinen Landvermesser K. zum Scheitern verurteilt. An Erschöpfung sollte er schließlich zugrunde gehen. Marianne Gruber hat ein völlig anderes Ende im Sinn. Und zwar ein ziemlich rebellisches.

Aber zunächst kann sich K. an überhaupt nichts erinnern. Deshalb erzählt uns Marianne Gruber die Geschichte noch einmal. Wir wandeln auf den Spuren des Kafkaschen Landvermessers, begegnen noch einmal den bekannten Figuren aus dem Dorfe, den Gehilfen, die ihn auf Schritt und Tritt begleiteten, der Brückhofwirtin, den Barnabasschen und der (Ex-)Verlobten Frieda, die dem Landvermesser dabei helfen möchte, sein Gedächtnis wiederzuerlangen. Der aber zweifelt an allem und wandelt durch die ihm fremde Welt wie ein Doppelgänger seiner selbst. Er ist Kafkas Schöpfung und doch ein anderer.
Das zeigt uns die Autorin mit den Kunstgriffen aus der fantastischen Literatur, mit der Doppelgängermotivik und dem Verschwimmen von Traum und Wirklichkeit. Und K.s (Alp)-Träume kennen vor allem einen Inhalt: das Schloss.

Marianne Grubers Text wird Diskussionen auslösen, das ist gewiss. Ist es legitim, sich an einen der größten Romane des 20. Jahrhunderts zu wagen, um ihn nach eigenem Gutdünken zu Ende zu schreiben, oder hat sich hier jemand ganz gewaltig übernommen? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Gruber die Autoritätsgläubigkeit der Kafkaschen Protagonisten dermaßen gegen den Strich ging, dass sie dieser ihre eigene Version gegenüberstellen wollte. Und es geht dabei nicht einmal nur um "Das Schloß". Der Landvermesser wird mal K., mal Josef K. genannt, und der Gemeindevorsteher des Dorfes ähnelt in seiner herrischen Kränklichkeit gewaltig dem Advokaten aus dem "Prozeß". Hier haben sich Versatzstücke aus verschiedenen Kafka-Texten eingefunden zu einem neuen Ganzen.

Marianne Gruber geht dabei durchaus respektvoll um mit dem Original - so ist es ihr etwa gelungen, die Dorfatmosphäre recht authentisch wiederzugeben - aber gänzlich unter die Kafkasche Autorität will sie sich dann doch nicht beugen. Genausowenig wie ihr Protagonist unter jene der geschilderten Untertanengesellschaft. Grubers K. trägt einen Sieg davon, einen Sieg, der ihn allerdings auch nicht wirklich glücklich macht. Und das Schloss - ist leer. Die Belegschaft nimmt Reißaus vor dem Eindringling.
Ein Vergleich mit Religion bzw. Atheismus liegt nahe. Woran man nicht mehr glaubt, kann keine Herrschaft mehr ausüben, hört im Extremfall auf zu existieren.
Dabei ist es keineswegs das Dorf, das sich geändert hat. Die Leute sind die gleichen geblieben. Ihre Denkweise ebenfalls. Der Landvermesser ist es, der sich verändert hat, er begegnet ihnen mit einem neuen Selbstbewusstsein, das sie entwaffnet.

Den weit gefächerten Spielraum der Interpretationsmöglichkeiten, der Generationen von Germanisten und Philosophen antreten ließ, sich mit dem Kafkaschen Universum zu beschäftigen, kann Marianne Gruber nicht bieten, aber trotzdem ist ihr ein höchst spannendes Romanprojekt gelungen. Bei ihr weicht die Spannung des Unangenehmen, die sich bei Kafka daraus ergibt, dass (Josef) K. jedwedes Spiel so bereitwillig mitspielt und sich demütig den Regeln beugt, der Genugtuung, dass er genau das nicht tut. "Ins Schloss" gelangt man durch literarisches Aufbegehren, poetisches Rebellentum - und indem man seine Illusionen hinter sich lässt.

Sabine E. Selzer
4. August 2004

Originalbeitrag

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