Elisabeth Reichart: Frühstück bei Fortuna.

Roman.
Salzburg: Otto Müller Verlag, 2016.
220 Seiten; geb.; Euro 19,-.
ISBN: 978-3-7013-1247-4.

Autorin

Leseprobe

"… dem Zittern meiner Zellen"

"In die Arbeit fallen, in meine Zeitlosigkeit, drei Wochen zeitlos leben, immer noch fasziniert von unserer Zellen. Ich möchte ihnen ihre Vollkommenheit zurückgeben, nichts Schöneres vorstellbar als vibrierende Zellen, absolute Perfektion. Ein Gedanke der Lust, nicht des Leids." Zellen, Zellen und nochmals Zellen. Das ist die große Liebe der namenlosen Protagonistin in Elisabeth Reicharts neuem Roman Frühstück bei Fortuna. Daneben gibt es noch Erik – ihren Geliebten. Er ist Redakteur in Berlin und besucht die Forscherin alle drei Wochen in Wien. Die Leidenschaft für Zellen ist ihm alles andere als recht. Doch sie sind nicht seine einzige Konkurrenz im Wettkampf um das Herz der Forscherin: Übereifrige Assistentinnen, misstrauische Flüchtlinge, eine vergangene Liebe. Gleich Zellen bewegen sie sich auf einander zu und verbinden sich – wenn auch teils mit Verzögerungen.

Zellkerne, Stammzellen, Zellteilungen bestimmen das Leben der namenlosen Forscherin. Bereits zu Beginn des Buches wird klar: Zellen sind mehr als nur Untersuchungsobjekte. So kommt es nicht von ungefähr, dass sie gar die Welt um sich herum nur mehr als Ansammlung von Zellen wahrnimmt: "Je länger ich menschliche Zellen unter dem Mikroskop beobachtete, desto öfter passierte es mir, dass ich die Menschen um mich in ihrer Zellstruktur sah: Das freundliche Lächeln, die zärtliche Geste der Frau, die Achtsamkeit, mit der er das Benzin einfüllte, jedes wütende Gesicht der Wartenden, alles löste sich in wundervolle Zellbilder auf." Doch genau diese Zellbilder sind es, die die Beziehung zu Erik belasten: "Da bin ich, ein erfolgreicher Mann, ein gut aussehender Mann, ein Mann, begehrt von den Frauen!" Doch sein Aussehen nutzt wenig und so ist ihm klar, "statt mich zu lieben, liebt sie Zellen, noch dazu kaputte Zellen!" Allerdings hängt das Herz der Protagonistin auch noch an einer kaputten Liebe.

Neben den Zellen schwirrt auch Leo ständig im Kopf der Protagonistin herum. Ein temperamentvoller Draufgänger, der anders als etwa Erik das Risiko liebt. Er war es, der die Protagonistin aus ihrem provenziellen Leben in Salzburg geholt und ihr gezeigt hat, was die Welt sonst noch zu bieten hat: "Als Kind war ich glücklich, als mir das Glück abhanden kam, wollte ich nur erwachsen sein und die Welt entdecken, überzeugt, es müsse eine andere geben als meine. Anders hieß: eine liebevolle, interessante, aufregende. Gott erfüllte mir meinen Wunsch. Ich begegnete Leo, der es als seine wichtigste Aufgabe sah, mich davon zu überzeugen, mit ihm leben zu wollen, sein Leben mit ihm leben zu wollen." Das gemeinsame Leben endet abrupt: Leo stirbt bei einem Tauchunfall. Doch seinen Mut zum Draufgängertum hat auch die Forscherin weiter vererbt bekommen.

Eines Tages werden ihr von einer alten Mitarbeiterin des Instituts zwei Flüchtlinge anvertraut: Omid und Hadi. Sie soll sich um die Integration der beiden kümmern. Die Forscherin gerät in Panik. Ihre innere und äußere Ordnung reißen auf. Und plötzlich erscheint da dieser riesige Pilz im Wiener Wald und droht zu einer Gefahr zu werden. Die Forscherin, hin und her gerissen zwischen den Problemen der Vergangenheit und der Gegenwart, lässt die LeserInnen an ihren Ängsten teilhaben. Dabei gelingt es Reichart den aufbrechenden 'Knacks' der Figur auch auf sprachlicher und formaler Ebene sichtbar zu machen. Die verschiedenen Erzählelemente verwehren sich teils jedweder Verortung. Ein Gang durch den Wald setzt sich im Inneren fort: "Der Pilz im Wald um Roberts Fuß, dachte ich, bevor sich die herrlichsten Kurzfilme in mir abspielten. Die Filme waren wunderschön, spielerisch folgte ihnen meine Aufmerksamkeit. Farben, die ineinanderglitten, Sternenstaub, der auf mich sank, Galaxien, die auftauchten und verschwanden, Wunderblumen, Fabeltiere waren da und lösten sich auf. Das letzte, woran ich mich erinnere, ist Dunkelheit; ich glaubte, ich sei in einer Höhle, das beruhigte mich, mit Höhlen kannte ich mich aus."

In dem Roman geht es nicht um das Einzelschicksal eines Menschen. Reichart nutzt die namenlose Forscherin als Beobachtungsobjekt. Eine Figur, die kaputt ist. Lädiert durch Erlebnisse aus der Vergangenheit. Doch sie verdeckt keineswegs die Brüche, sondern folgt den Verästelungen dieser Bruchlinien. Der Knacks eines menschlichen Lebens liegt hier unter dem Mikroskop. Seine Konturen werden festgehalten, seine Tiefe vermessen und seine Wirkung mittels einer präzisen Sprache dokumentiert.

Erkan Osmanovic
13. Dezember 2016

Originalbeitrag
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