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Simon Konttas: Bagatellen.


Leseprobe:

Das Kind war dem Weinen nahe und Mara, auf einen Lehrer wartend, wurde von solchem Mitleid für den Buben ergriffen, dass sie Frau Jarold am liebsten vor allen angeschrien hätte, aber da kam auch schon Herr Werner, der nette Herr Werner, und sie hörte nur, mit ihm in den Werkraum gehend, wo sie am Vortag einen Schlüssel verloren hatte, wie der Bub zu weinen begann und Frau Jarold ihn ankeifte, dass er es in Deutsch niemals zu etwas bringen werde, dass es ganz ausgeschlossen sei, dass er eine gute Geschichte schreiben könne, dass sie seine Eltern über sein totales Versagen in Kenntnis setzen wolle … daran denkt Mara, die Schlüssel umklammernd und hört, wie Dora und Elisabeth sich erheben. Sie schluckt und beginnt, krampfhaft in ihrem Schüsselchen zu löffeln. Dora betritt die Küche.
"Bist du noch immer nicht fertig? Was trödelst du denn so?", fragt sie Mara, sie, zu einem Kasten gehend, in dem sich die Zahnstocher befinden, zur Seite schiebend.
"Geh weg, du stehst immer im Weg", sagt sie und schubst das Mädchen. Die Schüssel mit dem kalten Brei entgleitet ihr, fällt zu Boden und zerbirst.
"Bist du wahnsinnig!", schreit Dora und kaum hat sie sich versehen, holt sie aus und schlägt Mara ins Gesicht.
"Was ist hier los? Was ist schon wieder!", ruft Elisabeth. Sie stürmt in die Küche, sieht das weinende Kind und den auf den Kacheln ausgelaufenen Brei.
"Das ist die vierte Schüssel in drei Monaten!", schreit sie, packt das Mädchen an den Haaren und zerrt es aus der Küche heraus.
"So, du kommst jetzt einmal mit", sagt Bruno, der sich mittlerweile ebenfalls erhoben hat, packt das Mädchen an den viel zu dünnen Armen und zerrt es durchs Wohnzimmer, vorbei an der Jesusbüste, in einen von hohen Buchregalen beherrschten Raum. Er zwingt Mara in einen Ohrensessel, verlässt das Zimmer und wirft die Tür hinter ihr zu.
Mara spürt, wie ein eiskaltes Kribbeln, wie ein Fieberschauer von ihren Knien bis in die Zehen rieselt. Sie sieht den Lampenschirm auf einer kostbaren alten Biedermeierkommode, sie sieht den schweren, dicken Perserteppich. Ein goldener Buchrücken fesselt ihre Aufmerksamkeit und ihre Blicke saugen sich an dem Buchrücken fest, als ob die goldglänzenden Gravuren mit ihr sprächen. Sie atmet schwer und blickt die goldenen Lettern an, die im schwachen Lampenschein des Zimmers wässrig fiebern. Sie krampft ihre Hände zusammen, spürt den kalten Schweiß auf den Handinnenseiten und starrt auf den Buchrücken.
Sie hört Schritte im Wohnzimmer. Irgendwo wird eine Tür zugeworfen und ihr ist, als könne sie sich nicht mehr zurückhalten, als müsse sie Wasser lassen. Sie presst ihre Beine zusammen, senkt den Kopf und spürt, wie ihre Lippen zittern; absichtlich stößt sie winselnde Laute aus in der Hoffnung, sich selbst abzulenken. Sie sieht ein Muster in dem Teppich, ein Muster, das sie davor noch nie bemerkt hat, eine Blume in einer Vase darstellend und da sieht sie einen Blumentopf … ja, ein Blumentopf, wo hat sie schon einmal einen Blumentopf gesehen? … und das Wort >Blumentopf< geht ihr nicht aus dem Sinn und ihr ist, als könne sie den Topf, den sie sieht, nicht fassen, als entgleite er ihrer Vorstellungskraft und sie stößt immer klagendere Laute aus, winselt und plötzlich ist ihr, als müsse sie lachen, sie muss sich beherrschen, das fühlt sie, sie muss sich beherrschen und zugleich fühlt sie, wie im selben Augenblick etwas in ihr ganz leicht wird, als sei sie angefüllt mit großer Freude und eine tiefe Wärme macht sich unter ihren Beinen breit, eine angenehme, beruhigende Wärme, aber sie winselt und hört wieder Türen zugehen und will den Blumentopf schnappen, der ihr davonläuft, dieser Blumentopf läuft ihr immer davon und doch weiß sie, wo sie ihn gesehen hat und plötzlich geht die Tür auf und es ist wie ein kalter Luftzug …
"Was ist denn das! Ich glaub', ich …!", hört sie Brunos Stimme und spürt, wie ein harter Griff sie aus dem Stuhl zerrt.

(S. 53-55)

© 2016 Sisyphus, Klagenfurt

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