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Raoul Schrott: Erste Erde. Epos.


Leseprobe:

liebe anja: ich denke immer noch nach über unser telefongespräch

von letzter nacht - die schweren alphamännchen der orang-utans

die sich gegenseitig nicht ausstehen können · das revier dominieren

auf ihre einzelgängerische weise · und jedes willige weibchen zu sich

kommen lassen - während die kleineren betamännchen erwachsene

gefangen in den körpern von noch pubertierenden jungen darstellen

die mit den weibchen umherziehen - bis sie eine gelegenheit finden

sie zu vergewaltigen · bauch über dem gürtel und in grabenkämpfe

mit den abteilungsleitern verstrickt stets meine präsenz markierend

und dabei von meinem büro lange tiefe rufe in die leere ausstossend

auf eine frau wartend · was ich stolz nenne heissen andere arroganz

aber es ist jene innere ruhe die sich einstellt wenn man einen status

und rang erreicht hat - all die über jahre entwickelten aggressionen

um an eine spitzenposition zu gelangen in der man vor keinem mehr

kriechen muss - ein gesichtsausdruck genügt missfallen kundzutun

was ich als leistung eines lebens erachte - umsomehr als es stets galt

mein einmal brütendes ein andermal unkontrolliertes wirres wesen

hinter einer gleichmütigen maske zu halten - sieht man als stereotyp

eines erfolgreichen wirtschaftsmenschen wenn nicht gar als karikatur

denn das eigentlich private - die unerklärliche liebe für gewisse dinge

grosse wie kleine macken und das kindliche in einem - versteckt man

damit es nicht angetastet werden kann · deine beobachtungen jedoch

haben mir klar gemacht dass in einem solchen karrieredenken auch

primatenhafte notwendigkeiten zum vorschein kommen - männchen

die grösser und muskulöser als die weibchen werden weil sie in sich

keine kinder austragen und darum das futterrevier der kleinen truppe

zu verteidigen haben: bestrebt es weiter auszudehnen · konkurrenten

auszuschalten · die eigenen weibchen zu ernähren · neue zu erobern


ich sehe mich also als orang-utan - während ich es in meinem beruf

mit gorillas zu tun habe die neben ihrem silberrücken noch weitere

statusmarkierungen ihres rangs vorweisen: sie überragen die gruppe

und geben tiefere laute von sich · nehmen raumgreifende posen ein

schlagen sich auf die brust und strahlen jene körperliche stärke aus

die ich von den allermeisten managern kenne - keiner von ihnen

ist kleiner als 1,80 · ihre stimme ein bass · der körper gut trainiert

für ihr alter · das haar noch voll aber graumeliert: ah - wie sie sich

raumfüllend vor ihren untergebenen aufbauen und sich ausbreiten

hinter ihren büroschreibtischen · ihre reden voll von prestigepausen

und apodiktischen sätzen · und ich musste auch über anderes grinsen:

‘könnten wir doch wie gorillas auf irgendeiner bergwiese sitzen und

friedlich an blättern kauen um in stabilen gruppen zu leben’ hast du

gesagt: ‘doch weil wir nicht deren verdauungstrakt besitzen sind wir

beständig auf nachschub an kalorienreicher aber seltener nahrung

angewiesen’ · wenn ich nur daran denke wieviel zeit wir investieren

um gut essen zu gehen und wie wir die einzelnen gänge zelebrieren

muss ich lachen · ‘verlorenes territorium bedeutet für ein männchen

den tod’ - das bestätigt mir jede gescheiterte werbekampagne - doch

das entscheidende ist die hierarchie in unseren affenmänner-bünden:

wer sein revier und seine truppe dominiert erhält den besten zugang

zu den weibchen - so simpel ist das · und die kulturelle verbrämung

dieses faktums genau das: ein tranquilizer den wir - ironie der ironie -

an affen auf seine verträglichkeit testen · um damit nun umso besser

in der lage zu sein das eigene futterrevier gegen fremde zu behaupten

sie möglichst ganz beiseite zu schaffen und am liebsten abzuschieben

ah wie lächerlich wenn wir schweizer uns brüsten wir wären neutral

und unsere gesellschaft ein modell des zivilen: wir profitieren bloss

von unserer alpenlage - minen vergraben an strategischen brückenund

passübergängen · bunker in die berge gesprengt mit genügend

nahrung und wasser versehen um lange belagerungen auszusitzen

wehrpficht · manöver · und jeder ein gewehr zuhause im schrank


aber was ist das ‘schweizerische’ - im unterschied zum ‘deutschen’?

soweit ich es verstehe beruht es weniger auf territorialen grenzen

als auf jeweils anderen ameisenartigen eigenschaften: das was man

‘verfassungspatriotismus’ nennt - der jeweils etwas andere aspekte

des gemeinwohls akzentuiert · ihm nützt dass die natur nicht nur

das fitteste individuum bevorzugt sondern gleichzeitig die gruppe -

den staat den sie bilden - auf überlebensfähigkeit prüft · einerseits

befördert sie das egoistische - andererseits jedoch das kooperative

eigennutz heisst sich bei jeglicher gefahr zu verdrücken · auf kosten

anderer sich zu bereichern · bei bedarf zu lügen und zu betrügen

eines kleinen vorteils wegen - doch wird eine solche ansammlung

von egoisten einer gesellschaft von uneigennützig kooperierenden

immer unterlegen und ihr territorium schnell eingenommen sein -

jeder profitiert und prosperiert ja von und in einer gemeinschaft -

gehts allen gut gehts auch dem einzelnen gut - was man umgekehrt

nicht behaupten kann · weshalb sonst ziehen soldaten in den krieg?

wir mögen noch so auf uns selber schauen - letztlich gehen wir auf

in der familie · in firmen und parteien · in gesetzen und hierarchien

in sozialstaat und gesundheitswesen · selbst in sprache und religion

gegen solche körperschaften wird man jedoch nie gewinnen können

der widerstreit zwischen einzelnen und der gruppe in der sie leben

bedingt all das was wir ‘gut’ und ‘böse’ · ‘tugend’ und ‘laster’ nennen

einer gegen alle - und alle gegen einen - solitäres wie solidarisches

selbstsucht zwischen hass und liebe in prekärem ungleichgewicht

wir alle haben ein doppelgesicht - bloss zeigen wollen wir es nicht

unangenehme wahrheiten - die allgemeinen wie meine allzu privaten

ich trage hier gewissermassen mein herz auf dem manschettenärmel

weiss das macht mich wenig attraktiv - und beharre dennoch darauf

als wäre gerade eine derartige offenheit der ausweis eines alphatiers

das sich unverblümte ehrlichkeit leisten kann - ganz egal was kommt

während die frau - wenn wir an den in uns verborgenen affen denken -

sich dann durch solche arten von männlichkeit verführen lassen will?

solche zuwendungen - die dann vergewaltigung und häusliche gewalt

nach sich ziehen - sollen laut dir bei den primaten nur eines bewirken:

sich das weibchen verfügbar zu halten · wollen wir das durchschauen?

wäre die liebe dann immer noch illusion? wenn wir auch diesen tiger

über uns sich strecken sehen - so gelassen und unberechenbar wie je

ein gott · doch seine gewalt von der winterhelle des himmels enttarnt

schwarze längsstreifen auf einem rotgoldenen fell · dein christopher


lieber christopher: das ist die wohl seltsamste brautwerbung die mir

bisher untergekommen ist · und ich weiss jetzt offen gestanden nicht

wie darauf reagieren · ja - da war der eine augenblick vor dem gehege

ja - das sind unsere stimmen am telefon und unsere schreiben · aber -

nein: ich sehe dabei nicht dich sondern vielmehr - oder viel weniger:

zwei unterschiedliche silhouetten - ohne dass diese für mich als eine

greifbar würden: da ist die person die du darstellst und das geheime

denken hinter dieser maske · da ist eine körperliche anziehung - ja -

und ein interesse zwischen uns - trotzdem weiss ich nicht zu sagen

was liebe ausmacht: wie sie einen findet und womit sie einen bindet

will ich es überhaupt wissen? nein und ja · denke ich daran schaue ich

auf das armdicke stück ast in meinem regal - auf die dünnen tunnel

der käferlarven darin · die kratzer und bissmarken · diese eine stelle

wo ein zweig abgerissen wurde · ich sah einen etwa achtjährigen affen -

maluma - es am boden aufgreifen es sich an den bauch halten damit

umherrollen und es dann hinter sich herschleifen · er zog es hinauf

in den baum · legte es beim fressen neben sich - oder spielte damit

indem er es - auf dem rücken liegend - über sich hin und her drehte

bis seine truppe weiterzog und er es im sumpf zurückliess · das ist

liebe für mich - und ich meine damit nicht das für mich oder jeden

naheliegendste - kinderwunsch · trophäe · spiel - vielmehr dass sie

ein symbol ist für etwas das ich nicht anders benennen kann als mit

der bedeutung dieses harten und dunklen stück holzes · deine anja

(S. 550-553)

 

© 2016 Hanser Verlag, München

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