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Verena Hepperle, Oliver Ruf, Christof Hamann (Hg.): Wie aus Theorie Praxis wird.

Berufe für Germanisten in Medien, Kultur und Wissenschaft.
München: edition text + kritik, 2016.
278
S, Euro 29,-.
ISBN: 978-3-86916-473-1.

Wang Yirong, Paläograph und Rektor der Universität Beijing, erkrankte 1899 an Malaria und ließ sich aus der Apotheke so genannte »Drachenknochen« bringen, alte Tierknochen, die in der traditionellen chinesischen Medizin als Medikamenten-Zusatz verwendet werden. Als er auf den Knochen eingeritzte Zeichen fand, ließ er sich alle verfügbaren Knochen aus der Apotheke bringen und machte auch die Lieferanten ausfindig, Bauern aus dem Dorf Xiatun, welche die Knochen aus den Feldern gepflügt hatten. Es stellt sich heraus, dass die Knochen die frühesten Schriftzeugnisse der chinesischen Kultur aufwiesen.

Diese schöne Geschichte erzählen Christoph Cox und Christof Hamann in ihrem Beitrag »Der revolutionäre Akt des Lesens« (S. 49-63), der im vorliegenden, aus der Ringvorlesung »Germanistik und Beruf« an der Universität Köln hervorgegangenen Sammelband zu finden ist. Und sie erzählen auch, was es braucht, damit aus Geschichten erfolgreiche Geschichten werden, nämlich nicht nur eine*n kompetente*n Leser*in, sondern auch viel Glück, das aus einer ganzen Reihe von Zufällen eine Lösung generiert, für das es gar kein Problem gab.

Entscheidend »für den Prozess des Lesens, wie er von uns vertreten wird, ist […] die Arbeit des pflügenden Bauern, welcher, wenn man so will, zufällig über die Knochen gestolpert ist. Spielt man mit diesem Bild, so besteht die literaturwissenschaftliche Arbeit nicht in der Lösung gestellter Probleme, was nicht heißen sollte, dass wissenschaftliche Überprüfung einer Hypothese nicht zum Arbeitsfeld von (zukünftigen) Germanistinnen und Germanisten gehört, sondern zunächst in einer wiederholenden Lektüre. Jedes Jahr pflügt der literate Bauer sein Feld, den Text, mal mit mehr, mal mit weniger Gewinn.« (S. 62) Cox und Hamann erinnern auch an die Etymologie des Begriffes »lesen«, der bekanntlich mit »sammeln« und »zusammentragen« zu tun hat (S. 50/51).

Ja, lesen, lesen und noch einmal lesen – das ist sicherlich die Basis aller philologischen Berufe, die allerdings oft genug vergessen wird. Lesen ist aber nicht dasselbe wie Decodieren (diese Ansicht nennen Cox und Hamann den »funktionalistischen Ansatz«), sondern Lesen ist vielmehr, und das wäre auch eine schöne Moral der erzählten Geschichte aus China, eine (re)konstruierende, dialogische Lektüre, die Cox und Hamann als »hermeneutische« bezeichnen: Erst in einem hermeneutischen Zirkel werden Lektüren performativ, also wirklichkeitsbildend. Und genau das tun Geisteswissenschaftler*innen (oder sollten es zumindest): Sie bilden nicht einfach ab, sie bilden auch nicht einfach aus – sondern sie bilden, sie machen sich ein Bild, das sie verwirklichen. Aber (hoffentlich) nicht alleine bei sich selbst, sondern in der Gesellschaft.

Mit Lesen alleine ist es nicht getan, denn es braucht noch zwei entscheidende Dinge mehr (die von Cox und Hamann – wie auch viele andere Beiträger*innen des Bandes – in der einen oder anderen Form auch ins Spiel gebracht werden): Leidenschaft für das eigene Tun und den Gegenstand dieses Tuns sowie etwas, das hier einfach einmal Können genannt werden soll, um die modischen und konformen Begriffe zu vermeiden. Ohne Leidenschaft keine Könner*innen, aber ohne Übung auch nicht: Darum gibt es die Germanistik und auch die anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen.

Aber die schöne Geschichte aus China ist an dieser Stelle vielleicht noch nicht zu Ende erzählt, denn man könnte ja auch noch fragen, was die Bauern in Xiatun von der ganzen Sache mit den Knochen gehalten haben: Haben sie Wang Yirong fleißig beliefert und für die Knochen aus ihren Feldern einer weit höheren Preis erzielt? Wurden sie übers Ohr gehauen und man hat ihnen weis gemacht, dass man zwar alle Knochen umgehend erwerben wolle, dass diese aber nicht viel wert sind? Hat man den Bauern die Felder abgekauft, und wenn ja: zu welchem Preis? Oder wurden sie von den Beamten des Kaisers enteignet, um gleich eine ganze Ausgrabungsstätte den Wissenschaftlern aus Beijing zur Verfügung zu stellen?

Weniger metaphorisch formuliert: Leidenschaft und Können alleine sind vielleicht noch nicht genug, man muss sich auch die Frage gefallen lassen, in wessen Diensten und unter welchen Bedingungen man was wo wie beforscht. (Auch in Diktaturen hat es leidenschaftliche Könner*innen gegeben.) Weniger metaphorisch gefragt: Wie gehen die Geisteswissenschaften mit der Gesellschaft um, in der sie wirken? Und wie geht die Gesellschaft mit den Geisteswissenschaften um und welche Rolle spielen diese? Ist die Germanistik eine Ausbildungsstätte, wo man jene »Kompetenzen« und »soft skills« erwirbt, ohne die man in Zeiten kapitalistischer Verwertungslogiken keine Chance mehr auf einen Job hat (der einem vielleicht nicht Erfüllung, aber doch Broterwerb ist)? Sei es als Lehrer*in, als Archivar*in, als Bibliothekar*in oder als universitäre*r Germanist*in? Ist die Germanistik eine Bildungsstätte, wo einige wenige Auserwählte hehren und dem Alltag enthobenen Interessen nachgehen? Dient sie der Reproduktion vormals »bürgerlich« genannter Eliten, die sich den eigenen Genuss von Hochkultur wissenschaftlich eloquent zurechtargumentieren lassen? Ist sie eine Stätte der Kritik und des Widerstands gegen Kapitalismus, Populismus oder Kulturindustrie? Ist Geisteswissenschaft objektiv oder performativ? Oder beides zusammen?

Dass der Sammelband diese Fragen nur am Rande stellt, sei ihm nicht zum Vorwurf gemacht: Erstens ist das ganze Hin und Her mit den Knochen ja als eine Metapher zu lesen und zweitens geht es dem Band nicht um Wissenschaftskritik oder Moral, sondern ganz konkret um bestimmte Berufe, die für Germanist*innen interessant sind oder sein könnten. Aber dass man bei der Lektüre des Bandes auch an die ›großen‹ Fragen von Ethik und Ideologie denkt hat mit dem Band sehr wohl zu tun, denn die Einleitung (sowie andeutungsweise auch der eine oder andere Beitrag) spannt die Auseinandersetzung mit dem Thema »Germanistik und Beruf« in den Rahmen größerer Zusammenhänge, weil gleich auf der ersten Seite mit Jacques Derridas Ausführungen aus »Die unbedingte Universität« und mit den Bedeutungen von professere – »lehren«, »öffentlich erklären« und »sich bekennen zu« (S. 7) – argumentiert wird. Derrida gehe es, so heißt es da, um eine »Erneuerung der Hochschullehre«, die »einen geradezu widerständigen Gehalt« aufweise.

Dass dies in Zeiten von kompetenzorientierten Ausbildungsschienen – Welcome to Bologna! – ein hehres und hoch gegriffenes Ziel ist, ist den drei Herausgeber*innen klar, aber trotzdem positionieren sie sich recht deutlich: »So sehr wir die Idee und Maßgabe der Ausbildung von auch hier zum Ausdruck kommenden weichen Fähigkeiten innerhalb eines Studiums unterstützen, so sehr stehen wir ihnen und der Art und Weise, wie sie derzeit weniger gefördert als vielmehr von politischer Seite gefordert werden, auch skeptisch gegenüber, und zwar aus zwei Gründen: (1.) aufgrund der Ökonomisierung auch geisteswissenschaftlicher Fächer und damit zusammenhängend wiederum durch die Aufgabe des Konzepts einer bedingungslosen oder freien Universität; (2.) wegen der Vernachlässigung der harten Fähigkeiten.« (S. 11/12) Mit harten Fähigkeiten ist im Wesentlichen gemeint: Lese- und Schreibkompetenz. Diese benötigt man in sehr vielen Berufen, für die die Germanistik ausbildet und den Herausgeber*innen zufolge – ja, auch! – ausbilden soll, »ohne die Idee des Widerstands, die Idee einer unbedingten Universität und die eines unbedingten Berufs aus den Augen zu verlieren« (S. 14).

Nur wenige der Beiträger*innen thematisieren dieses Spannungsfeld, wodurch der Verdacht nicht ganz von der Hand zu weisen ist, dass Derridas Gedanke der unbedingten Universität und die Kritik an (kapitalistischen) Verwertungsprozessen wohlfeiles Ornament bleibt. Nur Jürgen Gunia (»Traum und Albtraum der Kompetenz«, S. 17-29) und Felicitas Hoppe (»Die verkaufte Aura. Autorschaft als Geschäftsmodell«, S. 67-78) widmen ihm ausreichend Raum: Felicitas Hoppe stellt die Frage nach dem Verhältnis von Autor(schaft) und Markt und ist erfahren und klug genug, dabei nicht in zwei häufig vorkommende Fallen zu tappen: Die eine trennt zu deutlich in Autor*in und Buch, und nur das zweite wäre dann für die Germanistik wirklich interessant, die andere zu deutlich in Autor*innen und Markt – hier stellt man sich Autor*innen als Menschen vor, die, ohne den Markt zu berücksichtigen, schreiben, was sie aus innerer Leidenschaft heraus schreiben müssen, und auf dem Markt kommt es dann an, oder eben auch nicht. Aber so einfach ist es natürlich nicht. Jürgen Gunia drischt, auch wenn ihm die Sympathien dafür sicher sein werden, mit Unterstützung von Althusser und Adorno ein bisschen allzu stark, zumindest im Kontext dieses Bandes, auf PISA, Bologna, Kompetenzdiskurs, Verschulung, Ökonomisierung, Anpassung, Markt und Verdinglichung ein, was ihn selbst dann vor das Problem stellt, wie er denn ein bestimmtes zu erlernendes Können noch argumentieren soll. Den Begriff »Kompentenz« mit »Begeisterung« und »Passion« zu ersetzen (S. 24) ist sympathisch, aber vielleicht nicht unbedingt tragfähig.

Aber vielleicht liegt im Spannungsfeld von bedingter und unbedingter Universität bzw. in der Gegenüberstellung von ›Leidenschaft und Können ohne Nutzen‹ und ›Kompetenzerwerb für den Arbeitsmarkt‹ auch ein grundsätzliches Problem verborgen, nämlich diesen Gegensatz erstens als Ausschließung und zweitens als alternativlos zu denken. Und genau dieses Denken scheint implizit im Band wirksam zu sein. Aber es führt in ein Dilemma, aus dem es keinen Ausweg gibt, denn man kann – sofern man den genannten Gegensatz als gültig akzeptiert – nicht beides haben, auch wenn es noch so wünschenswert wäre: arbeitsmarkttaugliche und bedingungslos denkende, lehrende, forschende und arbeitende Germanist*innen. Und man kann nicht im Namen eines Bildungsideals gegen den Gedanken der kompetenzorientierten Ausbildung sein und gleichzeitig von der universitären Germanistik fordern, Studierende zu entlassen, die vielerlei Kompetenzen für den Arbeitsmarkt mitbringen.

In diesem Gegensatz denkt man aber den Zusammenhang von Bildung und Ausbildung möglicherweise falsch oder zumindest ein wenig schief. Denn: Bildung geht nicht in der Pflege des Edlen, Wahren und Schönen auf, aber auch nicht in der Reproduktion bürgerlicher Eliten oder im Widerstand gegen Kräfte dieser Reproduktion. Auch der Ausbildungsgedanke greift zu kurz, wenn man von der zu schlichten Annahme ausgeht, dass es eine bestimmte Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt gibt, die entweder von geisteswissenschaftlichen Studiengängen zu befriedigen ist oder halt eben nicht (womit man dann wieder bei der Bildung gelandet wäre). Entkommen könnte man dem Gegensatz, wenn sich die Geisteswissenschaften nicht als wirklichkeitsfremd oder als Reaktion auf eine wie auch immer gefasste Wirklichkeit außerhalb von ihr denken, sondern wenn man sie sich, wie es der eine oder andere Beitrag zumindest sehr vorsichtig andeutet, als eine Kraft verstehen, die Wirklichkeiten generiert. Der arbeitsmarktfähige Schluss würde sehr vereinfacht formuliert folgendermaßen lauten: Guten Leuten gelingt es vielleicht, Jobs zu schaffen, die es vor ihnen noch gar nicht gab. Und auch wenn man die Latte ein bisschen tiefer legt, sollte man vielleicht doch etwas öfter, als es der Sammelband tut, fragen, warum man eigentlich das alles tut, was man in der Germanistik so macht. Die Frage nach dem Wie (und nach dem Wie-ich-einen-Job-Bekomme) muss man ja deshalb nicht über Bord werfen.

Zugegeben, das ist leichter gesagt als getan. Und es wäre unfair, dem Band daraus, wie schon festgehalten, einen Strick zu drehen. Denn nach dem Wie fragt der Band mit großer Detailgenauigkeit, mit einem weit ausgreifenden Blick und mit einer konkreten und pragmatischen Betonung der Schnittstellen zwischen der Germanistik als (universitärer) Wissenschaft sowie den Berufen, die für Germanist*innen in Frage kommen. (Wobei nicht immer klar wird, wie die Germanistik als Studium auf konkrete Berufsfelder vorbereitet.) Dabei ist positiv hervorzuheben, dass die Beiträger*innen wissen, wovon sie reden: Denn nahezu alle blicken nicht nur über den Tellerrand der universitären Germanistik hinaus, sondern haben auch unterschiedlich lange und in unterschiedlichen Kontexten ›dort draußen‹ gearbeitet und Erfahrungen gemacht – und tun es immer noch. Die Beschreibungen der unterschiedlichen Berufe sind daher weder abstrakt noch wirklichkeitsfremd, sondern glaubhaft und wirklichkeitsgesättigt.

Und daher kann man den Beiträger*innen auch glauben, wenn sie von ganz allgemein von den Zusammenhängen zwischen »Germanistik und Beruf« (Stefan Neuhaus) schreiben, vom »revolutionären Akt des Lesens« (Christoph Cox/Christof Hamann) oder vom literarischen Schreiben (Felicitas Hoppe), von Literaturförderung (Sonja Vandenrath), Literaturagenten (Uwe Neumahr) oder Lektoren (Olaf Petersenn), von Lesungen als eigenständige Kunstform (Karl Wolfgang Flender), Theaterdramaturgie (Stefan Schroeder) oder Literaturkritik (David Hugendick/Christof Hamann; Hubert Winkels), vom Fernsehjournalismus (Pola Groß/Verena Hepperle), vom Drehbuchschreiben (Eva-Maria Fahmüller) oder von »Medien. Design. Praxis« (Oliver Ruf) und, nicht zuletzt, von germanistischen Berufen in der Wissenschaft, also von der Literaturwissenschaft (Joachim Jacob), der Sprachwissenschaft (Klaus von Heusinger), von der Auslandsgermanistik (Ursula Paintner), der wissenschaftlichen Bibliotheksarbeit (Ute Olliges-Wieczorek) sowie der Archivarbeit (Enno Stahl). Wohltuend pragmatisch sind auch die »kommentierte Auswahlbibliographie« und eine »allgemeine Linksammlung« zu allen Themenfeldern am Ende des Bandes – mehr Über- und Durchblick kann man kaum zwischen zwei Buchdeckel bringen.

Martin Sexl
9. Jänner 2017

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