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Neuerscheinungen zu Ruth Klüger und Marie von Ebner-Eschenbach

 

Hubert Christian Ehalt, Konstanze Fliedl, Daniela Strigl:
Ruth Klüger und Wien. (Wiener Vorlesungen 182)
Wien: Picus 2016.

Ruth Klüger:
Marie von Ebner-Eschenbach. Anwältin der Unterdrückten.
Wien: mandelbaum 2016.

Das erste hier zu besprechende Buch (eigentlich ein Büchlein mit einem Umfang von 60 Seiten) wird von Hubert Christian Ehalt, Initiator und Planer der Wiener Vorlesungen, als "Porträtband" (S. 16) bezeichnet. Geboten wird ein Porträt der Literaturwissenschaftlerin und Autorin Ruth Klüger, die sich als "Kulturvermittlerin zwischen den USA und Österreich und zwischen der Literatur und der Geschichte und ihren Textformen" (S. 16) betätigt, wie Ehalt in seiner Einleitung bemerkt. Neben zwei Laudationes von Konstanze Fliedl und von Daniela Strigl enthält der Band Ruth Klügers Dankesreden anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Wien und bei Verleihung des Paul-Watzlawick-Ehrenrings. Unter dem Titel "Ortschaften geistiger Freiheit" denkt Ruth Klüger pointiert über ihre Beziehung zu Wien, New York, Berkeley und zum "akademischen Dorf" nach. Letzteres ist für Klüger die "merkwürdige internationale und wahrlich multikulturelle Gemeinde der Intellektuellen, die an allen Universitäten der Welt lehren und forschen" (S. 32) und zu der zu gehören sie für den besten Preis hält, "den man sich als Geisteswissenschaftlerin wünschen kann." (S. 33) Das Denken und Vermitteln im großen, aber überschaubaren Zusammenhang – keine Rede ist bei Ruth Klüger vom Elfenbeinturm oder von der Massenuniversität – macht ihre literaturwissenschaftlichen Texte lesenswert. Ihre Gastprofessur an der Universität Wien im Jahr 2003 war von Dissonanz begleitet, denn Ruth Klüger hat sich nicht willkommen gefühlt, ein Umstand, den Konstanze Fliedl in ihrer Laudatio umsichtig zur Sprache bringt: "Eine Massenuniversität wie die unsere mag mitunter […] als anonym und unfreundlich erscheinen. Es bleibt aber darüber nachzudenken, ob sich die Sachzwänge nicht auch durch individuelle Akte überspringen lassen – zugunsten einer Uni, die wir alle vor Augen haben: als zugänglicher, gastfreundlicher und offener Ort einer interessierten und aufnahmebereiten Community."(S. 24f.)

Das Fazit von Ruth Klügers Dankesrede bei Verleihung des Paul-Watzlawick-Ehrenrings ist ein konstruktivistisches: "Die Lust, mit der alle Menschen Geschichten erzählen, hören, erfinden, durchspielen, ist kein müßiger Zeitvertreib, sondern die ebenbürtige Schwester der Wissbegierde." (S. 57) Und das "Wissen ist vom Erfinden abhängig" (S. 50). Hubert Christian Ehalt würdigt Ruth Klügers genauen Blick auf die Konstruiertheit der Welt. Sie habe "als Germanistin den Unterschied zwischen Geschehenem und erzählter Wirklichkeit, zwischen den Wahrheiten der Betroffenen und den Fiktionen stets einer genauen und differenzierten Analyse unterzogen" (S. 16), schreibt Ehalt.

Julia Danielczyk zeigt sich in ihrem Vorwort zum zweiten hier vorgestellten Buch, nämlich der Auseinandersetzung Ruth Klügers mit Marie von Ebner-Eschenbach im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Autorinnen feiern Autorinnen", Umfang 55 Seiten, beeindruckt von Klügers "genaue[m] Blick auf politische Bruchlinien, soziale und ästhetische Fragen" (S. 8). Und Danielczyk verweist auf die Parallelen der beiden Autorinnen, was ihren Aufenthalt an den Ortschaften geistiger Freiheit betrifft: "Marie von Ebner-Eschenbach wurde im Jahr 1900 als erster Frau das Ehrendoktorat der Universität Wien verliehen – seit 2015 ist Ruth Klüger die dienstjüngste Ehrendoktorin dieser Universität." (S. 8) In den Mittelpunkt ihrer Rede aus Anlass des 100. Todestages von Marie von Ebner-Eschenbach stellt Ruth Klüger die "Darstellung von Ungerechtigkeit und Unterdrückung […] und ihre Anteilnahme an den Geschädigten" (S. 16), sowohl an jenen, "die sich wehren können" wie den wehrlosen. Als Erstes widmet sich Klüger den weiblichen Opfern der Gewalt in Ebner-Eschenbachs Erzählungen "Der Erstgeborene", "Totenwacht" und "Unsühnbar" und setzt damit gleich einen deutlichen Kontrapunkt zum immer noch nicht verklungenen Ruf Ebner-Eschenbachs als harmloser Idyllenschreiberin. Körperliche und psychische Gewalt gegenüber Frauen sind Themen, die Ebner-Eschenbach umtreiben und bei deren Darstellung sie sich so weit im Hintergrund hält ("Wie James Joyce es vom Autor verlangt, steht sie meistens hinterm Vorhang und putzt sich die Fingernägel", 46), dass die Leserin und der Leser Moral und Ethik aus dem eigenen Wertesystem zu schöpfen haben. Ebner-Eschenbach habe besonders bei "Unsühnbar" "alle Register der möglichen Interpretationen" (S. 29) gezogen. Mit ihrem virtuosen Spiel mit den Perspektiven deckt die Erzählerin "die Bruchstellen einer Gesellschaft auf, die Vorbedingung sind für solche ungeahndeten Verbrechen" (S. 18). Der zweite Teil der Rede widmet sich dem Lebensweg Marie von Ebner-Eschenbachs und den Widrigkeiten, mit denen sie als schreibende Adelige zu kämpfen hatte. Dann wendet sich Klüger den Außenseiterfiguren im Werk Ebner-Eschenbachs zu, so ausführlich, wie es in dem eng gesteckten Rahmen dieser verschriftlichten Rede möglich ist, vor allem dem "Gemeindekind" Pavel, bei dem Klüger Parallelen zu Friedrich Mergel aus Annette von Droste-Hülshoffs "Judenbuche" sieht. Ebner-Eschenbach bietet keine Revolution, aber auch kein Happy End, und das macht sie lesenswert.

Immer wieder gelingt es Ruth Klüger bei ihren Re-Lektüren ungewöhnliche Verbindungen herzustellen, die eine neue Perspektive anbieten und deshalb sei hier auch noch auf eine Wiener Vorlesung hingewiesen, die 2012 im Picus Verlag erschienen ist (Ruth Klüger ist regelmäßiger Gast dieser Vortragsreihe). Klügers close reading des Librettos von Hugo von Hofmannsthal bringt ans Licht, dass der "Rosenkavalier" die erfolgreiche Therapie eines Durchschnittsmenschen in der ödipalen Phase (Octavian) ist, die Mutter keine wirkliche Mutter und der Todesstreich für die Vaterfigur nur ein Kratzer mit dem verniedlichten Degen. Beachtlich ist die feministisch informierte Ernsthaftigkeit, mit der Ruth Klüger auf den Text und seine psychoanalytischen Spuren schaut. Das ist Literaturwissenschaft, die Leserinnen und Leser (nicht nur der eigenen Zunft) darauf bringt, dass sie ihren persönlichen Kanon und ihr Textverständnis kritisch hinterfragen sollten; meiner Meinung nach die interessanteste.

Karin S. Wozonig
17. Jänner 2017

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