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Karl Markus Gauß: Wirtshausgespräche in der Erweiterungszone.

Mit Fotografien von Kurt Kaindl.
Salzburg/Wien: Otto Müller Verlag, 2005.
Geb.; 88 S.; beigelegte CD; Eur 17,-.
ISBN 3-7013-1102-1.

Link zur Leseprobe

Für gewöhnlich drücken wir, wenn von uns eine Unterhaltung als "Wirtshausgespräch" qualifiziert wird, damit eine Abwertung aus. Oft schwingt darin auch unser Unmut über belanglose Uninformiertheit mit. Als Titel für die zehn Zeitungsartikel (neun davon sind davor im "Standard" erschienen), die Karl-Markus Gauß im Otto Müller Verlag vorlegt, erscheint das Wort höchst ironisch. Es handelt sich wohl um ein typisch (?) österreichisches Understatement, eine sympathische Form der Übertreibung also, die durchaus zutrifft. Was wir in dem Band nachlesen können, ist weder belanglos noch uninformiert, vielmehr höchst anregend.

Die "Erweiterungszone", auch dieses Wort erfährt durch die Texte neue Konnotationen, meint die Länder, die 2005 in die EU aufgenommen wurden. Ihre Hauptstädte sind bereits seit Jahren Teil regen touristischen, kulturellen und wirtschaftlichen Austauschs. Gauß allerdings lenkt unseren Blick auf die Ränder, die verwunderlich genug tatsächlich Einsicht in oftmals verdrängte oder einfach übersehene Zusammenhänge als Folge des europäischen Zusammenschlusses gewähren.

Da ist zum Beispiel Andrejko aus dem slowakischen Presov, von dem wir erfahren, dass die neue EU-Außengrenze zur Ukraine für die beidseits der Grenze lebenden Ruthenen durchaus keinen Fortschritt bedeutet. Oder das "Dorf der vierzig Tartaren", Keturiasdesimt Totroriu (mit diakritischen Zeichen über dem zweiten 's' und unter dem letzten 'u'), in dem Litauisch, Russisch, Weißrussisch und Polnisch und kein Tartarisch gesprochen wird, ein Ort, in dem Muslime leben, "bei denen die Männer Schnaps trinken und die Frauen fremde Besucher auf der Straße ansprechen, um ihnen stolz ihr Gotteshaus zu zeigen und sie darüber aufzuklären, was es mit Sprache, Geschichte und Religion der Tartaren Europas auf sich hat."

Raffiniert angelegt wurden die beiden Gespräche, die Zypern und Ungarn zugeordnet sind. Das eine wird in einem griechischen Restaurant in Salzburg, das andere im Speisewagen des EC 63, des Bártok-Béla-Express, geführt. Diese Unterhaltungen verblüffen mit dem Offenkundigen, dass die Grenzen zwischen den Kernländern des wirtschaftlich erfolgreichen Europas und der Erweiterungszone längst obsolet geworden sind. Der Ungar Gyula erlebt, dass sich, seit "der Westen ein wenig wie Ungarn und Ungarn ziemlich stark wie der Westen geworden ist", eine neue Frage stellt: "Wo ist noch Deutschland und wo Ungarn?". Erweiterungszone und Kernzone sind gewissermaßen längst austauschbar geworden.

Karl-Markus Gauß ist ein journalistischer Glücksfall, ein literarischer Grenzgänger. Er reiht sich dabei würdig ein in die Reihe österreichischer Literaten, die seit Karl Emil Franzos' "Kulturbilder aus Halb-Asien" eine große Tradition literarischer Durchleuchtung der "Peripherie" geschaffen haben. Wie bei Joseph Roth und Christoph Ransmayr finden wir bei Gauß Reportagen voll Poesie und Wissen. Gut, dass diese Texte jetzt auch in einem Buch gesammelt sind, sie bleiben interessant weit über das Ablaufdatum der Journale hinaus. Kurt Kaindl, Fotograf und Medienwissenschafter in Salzburg, hat Karl-Markus Gauß auf seinen Reisen begleitet und für den Band Bilder von großer Ausdruckskraft zur Verfügung gestellt. Sie liefern quasi das Beweismaterial dafür, dass die "Erweiterungszone" nicht wirklich auslotbar ist, wie das auch die "Wirtshausgespräche" belegen. Dass gerade die Bilder die Offenheit noch betonen, hinterlässt einen starken Eindruck. Der wird durch eine wohl überlegte Anordnung begünstigt, die die eigene Sprache der Fotografie hervorhebt und die Bilder nicht als bloße Illustration der Texte missversteht.

Beigelegt wurde dem Buch eine mit Hilfe des ORF aufgenommene CD, auf der der Autor mit einer Ausnahme (sie kann auf der Homepage des Verlages gefunden werden) sämtliche Texte vorliest. Ein hübscher Service in Zeiten der populären MP3-Player speziell für Menschen, die sich etwa unterwegs in die Erweiterungszone gerne darüber vorlesen lassen wollen.

 

Helmut Sturm
30. März 2005

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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