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Evelyn Grill: Vanitas oder Hofstätters Begierden.

Roman.
St. Pölten, Salzburg: Residenz Verlag, 2005.
181 S.; geb.; EUR 19,90.
ISBN 3-7017-1405-3.

Link zur Leseprobe

Mit Erzählungen aus der österreichischen Provinz, in denen Frauen als Opfer und Täterinnen im Mittelpunkt stehen, hat sich die in Deutschland lebende Oberösterreicherin Evelyn Grill einen Namen gemacht. So fühlt sich eine alternde Jungfer in ihrem 2004 neu aufgelegten Debütroman Winterquartier (1993) nach ihrer Vergewaltigung "in Betrieb genommen" und kann sich nur durch einen Mord aus der Opferrolle befreien. Die Erzählerin des etwa zehn Jahre später erschienen Monologs "Ins Ohr" (2002) wirkt schon emanzipierter. Sie nimmt in einer kritischen Situation ihr Leben in die Hand und wird - wenn auch mit wechselndem Erfolg - mit einem anstrengenden Job, komplizierten Männern und beginnenden körperlichen Gebrechen fertig, was für einige heitere Lesestunden sorgt.
Mit "Vanitas", erschienen im Jänner 2005 im Residenz Verlag, geht Grill wieder einen Schritt weiter. Schauplatz des kurzen Romans ist nun die mondäne südwestdeutsche Societywelt rund um Baden-Baden, im Mittelpunkt steht nicht mehr eine alleinstehende Frau, sondern ein Paar. Und was für eines.

Eitelkeit und Vergänglichkeit, die beiden Bedeutungen des Wortes "Vanitas", werden von ihm perfekt verkörpert. Anwalt Alois Hofstätter, um die sechzig, ist homosexuell, kunstsinnig und am Leben gescheitert. Die Ehe mit der um vierzehn Jahre älteren Schauspielerin Olga Diotima Schachowskoj, Witwe eines adeligen Klienten, ist der damals Dreißigjährige nur wegen ihrer Schwangerschaft eingegangen. Olga, die trotz ihres Alters eine magische Anziehungskraft auf Männer ausübt, ist eine unbarmherzige Tyrannin, die sich den durch das Glücksspiel ruinierten, von ihr finanziell abhängigen Alois völlig unterworfen hat. Seine Kanzlei musste er genauso verkaufen wie seine Lieblingsgemälde, in der gemeinsamen Villa bewohnt er eine kleine Kammer, Olgas Bedürfnissen hat er zu Willen zu sein. Nur in der Öffentlichkeit, bei Bällen und Empfängen in Baden-Baden, wird der Schein gewahrt - der attraktiv und schlank gebliebene Hofstätter dient Olga, deren Körper "in seinem Verfall eine irritierende Geräumigkeit ausgebildet" hat, als Aufputz. Für dieses Paar kann es keinen Ausweg aus der Beziehungshölle geben. Sie verachtet ihn, er hasst sie, sie brauchen einander.

Aus seiner jämmerlichen Existenz hat sich Hofstätter längst in eine Scheinwelt aus Kunst und Design geflüchtet. Im Alltag sucht er Entsprechungen zu berühmten Kunstwerken, was seine Reaktionen eigentümlich verzögert. Dass es genau diese distanzierte Wahrnehmung der Welt ist, die sein Leben zerstört hat (nie wäre er den Reizen Olgas verfallen, hätte sie ihn damals nicht an eine Tizianmadonna erinnert) ist ihm nicht bewusst. Zudem macht er sich dadurch am verpfuschten Leben und grotesken Sterben seines Sohnes Mario schuldig - als dieser beim Essen zu ersticken droht, überlegt er zu lange, an welches Renaissance-Gemälde ihn die Szene erinnert, anstatt die Rettung zu rufen.

Marios Tod, der nur bei einem Dienstmädchen, das sein Gesicht hinter einer Maske verstecken muss, wahre Trauer auslöst, steht am Anfang einer Serie von Todesfällen, die Hofstätter teils willentlich, teils durch Indifferenz verursacht und an deren Ende er völlig isoliert und vereinsamt übrig bleiben wird.
Die grausame Lächerlichkeit des gewaltsamen Sterbens und langsamen Verfalls im Roman steht in scharfem Kontrast zur Erlesenheit der Umgebung, in der gestorben wird. "Memento mori!" scheint Stoßkopfs "Große Vanitas", die zwischen anderen Originalgemälden über Designerstücken von Otto Pankok und Richard Riemerschmid prangt, dem Betrachter entgegenzurufen, doch die Botschaft hört man wohl nicht. Selbst die Obdachlosen verfallen in Grills barockem Totentanz mit Stil. Sie tragen Designerkleidung von Gucci und Versace, die sie sich aus den ausgesonderten Garderoben eines "eleganten" Freundes Hofstätters besorgen.

Für Kunstkenner, Designliebhaber und Fashionvictims ist "Vanitas" eine Fundgrube. Doch nicht nur für diese: Der Text weist zahlreiche Bezüge zum tagesaktuellen Geschehen auf, wie Gunther van Hagens "Körperwelten" und Boris Beckers "Samenraub"-Affäre. Vor allem aber ist er gespickt mit Zitaten und literarischen Querverweisen (u. a. George, Rilke, Gracq). Freunde intertextueller Detektivspiele kommen zudem auch bei den Figurennamen auf ihre Rechnung: Der moderne Frankenstein Edgar scheint einer der "Tales of Mystery and Imagination" seines berühmten Namensvetters entstiegen zu sein, und Olgas Künstlername Diotima lässt genauso wie der ihrer Geliebten Hermione an den "Mann ohne Eigenschaften" denken (die Musilsche Diotima heißt eigentlich Hermine und nennt sich aus ästhetischen Gründen Ermelinda - was wiederum an Alois erinnert, der lieber Louis A. genannt werden möchte...)

Vom Realismus vorangegangener Erzählungen hat sich Evelyn Grill mit "Vanitas" verabschiedet, ohne an Genauigkeit und Beobachtungsgabe einzubüßen. Trotz der bizarren Handlung und der stark überzeichneten Figuren wird man beim Lesen den Eindruck nicht los, dass die Autorin - die ja nicht allzu weit von Baden-Baden entfernt lebt - das eine oder andere Vorbild für die Charakterschwächen ihrer Antihelden in ihrer Umgebung gefunden haben dürfte. In präzisen, eleganten Sätzen zeichnet sie ihre Figuren mit tiefschwarzer Tinte und blutrünstigem Humor, ohne ihren Lesern eine Moral von der Geschicht' auf dem silbernen Tablett zu servieren.
Ihren Wechsel vom deutschen Suhrkamp- zum österreichischen Residenzverlag hat Evelyn Grill mit der Hoffnung verbunden, hierzulande stärker als bisher wahrgenommen zu werden. Man kann es ihr und dem österreichischen Lesepublikum nur wünschen.

 

Georg Renöckl
9. Mai 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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