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Bettina Gärtner: „Unter Schafen“, Roman, 2015

Die Frau des Ladenbesitzers freut sich auf den Empfang morgen. Ob er sich auch freue? Auf den Empfang ihm zu Ehren. „Sie kommen mir noch um vor Hitze“, sagt sie dann und bietet ihm an, in ihrem Büro zu warten. Er überhört die Einladung, worauf sie über den Parkplatz schaut wie eben vom Himmel gefallen. Sich aus der Affäre zu ziehen, zählt nicht zu ihren Stärken, sagt Fredd immer. Er muss es ja wissen, er hatte eine mit ihr.

In dem von Bettina Gärtner beschriebenen Universum ist nichts, wie es scheint, alles hat einen doppelten Boden, eine zweite Bedeutung, alles ist Lüge, alles ist Betrug. Der Roman spielt in einem Ort irgendwo im Westen an der Grenze zum Osten, in einer Kleinstadt, die ganz im Zeichen eines Konzerns steht. Der Konzern verarbeitet das Fett von Swanenschafen zu Salben. Die Swanen sind ein archaisches Bergvolk aus Georgien, es besteht der begründete Verdacht, dass sie seinerzeit bei der Konzerngründung übers Ohr gehauen wurden.

Der Konzerngründer und seine Erben leben gut oder zumindest in Wohlstand, der Alltag in den Backsteinhäusern ist im Sinne der Konzerninteressen straff organisiert, jeder spielt die ihm zugedachte Rolle, sogar die Kinder sind in einem sogenannten „Trupp“ zusammengefasst und erledigen geringfügige Aufgaben wie Mülldienst und die Entfernung toter Tierkörper. Klara ist die Frau Maneks, Norma die Frau Fredds, der in Wirklichkeit gar nicht so heißt, und auch nicht Alfred, wie alle vermuten, denen er sich als Fredd vorstellt, sondern Fridolin.

Klara, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, hat – nicht als einzige – eine Affäre mit Fredd, sie verdächtigt wiederum ihre beste Freundin Norma (die Tochter des Konzerngründers), eine Affäre mit ihrem Mann, Manek, zu haben.

Doch was eigentlich ist eine Affäre, wenn die Männer abwesend sind? Manek und Fredd verbringen endlos lange Monate in Swanetien, es besteht der begründete Verdacht, dass sie die Swanen noch einmal übers Ohr hauen wollen, man arbeitet an einem geheimen Rezept, und das Schaf, das unschuldig in Klaras Garten weidet, ist geraubt und dient der Forschung. Die Frauen führen derweil ein Ballett auf, folgen einer strengen Choreografie, die sich in Damennachmittagen und Empfangsvorbereitungen, dem Falten von Tischkarten, Einladungen und Kuverts, erschöpft. Eine Idylle wie in den Fünfzigerjahren, wie aus den Stepford Wives.

Last but not least taucht auch noch ein georgischer Forscher auf, der nur gebrochen georgisch spricht. In Wirklichkeit ist er Klaras Bruder oder auch nicht. Jedenfalls haben die beiden in einem fernen, heißen Sommer etwas miteinander gehabt und aus einem nicht näher genannten, aber leicht zu erratenden Grund versucht Klara ihm das Geburtsdatum ihrer Tochter zu verheimlichen, die sich im Übrigen sehr seltsam benimmt. Sie führt etwas im Schilde. Nach seiner Abreise ist auch das Schaf weg.

Spätestens an diesem Punkt weiß man, dass man sich nicht unter Schafen, sondern unter Wölfen befindet.

Die Welt der Lüge und des Betrugs ist luftdicht verpackt, hat keine Risse, durch die die Wahrheit einsickern könnte. Einzig und allein Klaras Ohr hat ein Bewusstsein dafür, dass mitunter etwas nicht stimmt. Wenn es brenzlig wird, beginnt es aufgrund eines von der Autorin als „Glühanomalie“ bezeichneten Symptoms warm zu werden und zu jucken. Ein Signal, das zwar von der Trägerin des Ohrs perfekt verstanden und interpretiert wird, jedoch absolut folgenlos bleibt. „Ich weiß manchmal nicht, ob ich mich aus der Wirklichkeit oder die Wirklichkeit aus mir entferne; Begleiterscheinung der Glühanomalie, sagen die Ärzte, harmlos, wenn ich sie zu nehmen weiß.“ Niemand nimmt das Symptom ernst, niemand macht sich die Mühe, herauszufinden, was das Ohr sagen will. Wozu auch? Was würde es bringen, der Wahrheit zum Durchbuch zu verhelfen, wenn die Lüge bei weitem vorzuziehen ist? Wenn die Lüge state of the art ist? Wenn sich unter der Lüge gar keine Wahrheit mehr verbirgt und um der Lüge willen gelogen wird, so wie um des Betrugs willen betrogen wird? Die Affäre scheint nicht länger eine Angelegenheit zwischen Mann und Frau, sondern vor allem zwischen Frau und Frau zu sein. Die Frauen umkreisen und beschnüffeln einander argwöhnisch, gehen einander aus dem Weg, obwohl ihnen der Grund des Beschnüffelns, des einander argwöhnisch Umkreisens und aus dem Weg Gehens, der Mann, längst abhanden gekommen ist.

Bettina Gärtner beschreibt eine Welt der Rituale, der leeren Formen, deren Hüterinnen die Frauen sind. Während die Männer in der Ferne den Tätigkeiten des Geschäftemachens und Verführens durchaus mit Leidenschaft nachzugehen und in Swanetien einen Ort gefunden zu haben scheinen, wo es noch so etwas Ähnliches wie Authentizität gibt „wo die Uhren des Lebens noch anders gehen und die Rollen klar verteilt sind, wo Schnaps aus mit Hefe vergorenem Brot gereicht und zu jedem Schluck ein neuer Trinkspruch gefunden wird“, bleibt den Frauen nur die Leere und die Entwirklichung. Selbst Leidenschaft und Eifersucht sind zu Gesten verkommen, zu einem Ballett, zu einer Art Postmoderne der Gefühle, zum Zitat. Die Frauen füllen die Leere hysterisch, gar nicht so sehr mit hausfraulichen Tätigkeiten, sondern mit einer aufgeregten Betriebsamkeit – was eigentlich tun sie den ganzen Tag? –, sie rauchen viel, unter anderem auch Kräuter, die sie im Wald finden. Dann müssen sie kichern.

Auf die Zumutung einer solchen Welt – unserer Welt? – antwortet Bettina Gärtner mit Witz, mit Ironie, mit Zynismus, mit einem gelegentlichen Kalauer. Ihrer Protagonistin Klara legt sie eine Sprache in den Mund, die ihr, obwohl das Joch des Konzernlebens schwer auf ihren Schultern lastet, zu einer Art von Souveränität verhilft. Klara steht darüber. Mit jedem Wort gibt sie zu erkennen, dass sie, obwohl tief eingetunkt, nicht untergehen will. Sie distanziert sich.

Bettina Gärtner knüpft damit an eine gewisse Tradition österreichischer Literatur an, die ihre Figuren als merkwürdige Zwitterwesen darzustellen vermag: einerseits tumb ins Schicksal verstrickt, andererseits souverän über eben dieses Schicksal sprechend, als würden sie die Zusammenhänge durchschauen. Einer Definition von Ironie zufolge weiß der Redende mehr als er sagt, beziehungsweise sein Wissen weicht von seinen Äußerungen ab, aber so, dass er Leser oder der Zuseher die Diskrepanz ahnt oder durchschaut.

Wie ein Rezensent schrieb: „Die ins Detail driftenden Bewusstseinsströme Klaras sind immer wieder durchsetzt von Gedanken klarster Einsicht über die Abhängigkeiten ihres Daseins. Deren Bedeutungen verkehren sich aber mit der darauffolgenden Handlung oft in ihr Gegenteil. Worüber man zuerst noch lachte, das erweist sich im Nachhinein als etwas, das zum Weinen ist.“ (Franz Schörkhuber, Der Standard, 9. Juli 2015)

Bettina Gärtner schildert eine Tragödie, doch die Art der Schilderung trägt Züge der Komödie. Allen ihren Figuren haftet etwas Marionettenhaftes an, sie führen ein Stück auf, das eine ungreifbare kapitalistische Logik sich für sie ausgedacht hat. Einem unsichtbaren Demiurgen zuliebe inszenieren sie die gesellschaftlichen Verpflichtungen der Damennachmittage und Empfänge, falten sie Kuverts und Tischkärtchen. In der Hoffnung, ihm zu gefallen.

Komisch ist, einer Definition Henri Bergsons zufolge, wenn etwas Mechanisches das Lebendige überdeckt. Schon das Starre der leeren Rituale wäre demnach komisch, doch Bettina Gärtner setzt noch eins drauf. Sie inszeniert das Marionettenhafte auch auf sprachlicher Ebene. Semantik und Metaphorik sind von Mechanik geprägt: „Kinder tropfen aus dem Haus.“ Menschen werden verdinglicht, Abläufe als mechanisch und automatisch beschrieben, die Satzgefüge sind von Auslassungen geprägt, entsprechen nicht immer den Anforderungen der lebendigen Sprache. Es wird zusammengefügt und montiert, was nicht unbedingt zusammengehört: „Jetzt hocke ich wieder im Flur auf meiner Stufe eines Lebens, das nicht einfach zu errichten war.“ Der Kalauer schließlich presst zusammen, was absolut nicht zusammengehört: die Affäre, die man hat, und die Affäre, aus der man sich zieht. „Aufpassen, sonst beißen euch die Hunde eure Schwachköpfe auch noch ab.“ Verbindliches fehlt, auch Gefühle und Reflexionen werden anhand von Äußerlichkeiten beschrieben.

Selbst die Natur gehorcht einem ihr zugrunde liegenden Mechanismus und befriedigt auf offensichtlich unschuldige Weise kapitalistische Gier: „Ein Erdbeben hat dann so viele Wohnblocks zerstört, dass niemand mehr dort wohnen wollte, also wurde auf dem frei gebebten Grund mit frischen Fördergeldern ein Handelszentrum errichtet ... Das Beben hat auch einen kleinen Krater gerissen, der nur geflutet werden musste, fertig war der Tiefsee.“

Zynisch ist Bettina Gärtners Darstellungsweise, weil es aus dem von ihr entworfenen Universum kein Entrinnen gibt. Die Konzernwelt ist hermetisch abgeriegelt, „wenn’s drauf ankommt, regt sich halt nie auch nur ein Lüftchen“, es besteht keine Hoffnung auf Veränderung. Vom Anfang an weiß man, dass sich hier nichts entwickeln wird, dass das Geschehen um sich selber kreisen wird. Die Verhältnisse werden bleiben, wie sie sind. Die Männer werden in Swanetien ihren vermeintlichen Lüsten frönen, die Frauen werden zu Hause den Herd hüten.

Wie vielen österreichischen AutorInnen ist auch Bettina ein „böser Blick“ eigen, der sich nicht darauf beschränkt, die (negativen) Verhältnisse einfach abzubilden, sondern der mit Übertreibung und mit Auslassung arbeitet, der nichts erfindet, sondern andere Faktoren, die es unter Umständen auch noch zu erwähnen gäbe, ausspart. Auch Bettinna Gärtner hat einen Hang zum spöttischen Sarkasmus und zur Wirklichkeitsdeformation, zur Satire, einen obsessiven Hang zur negativen Idylle, zum Heraufbeschwören statischer, faszinierend unerträglicher Zustände. Einen Hang zur Fundamentalopposition, wonach die Welt als stahlhartes Gehäuse empfunden wird, an dem jede reformerische Anstrengung als vergeblich abgleitet. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, aber die Geißelung des falschen Lebens ist, so lässt der Roman „Unter Schafen“ vermuten, mit einem ungeheuren Lustgefühl verbunden.

© Karin Fleischanderl, 2016 ________________________________________________

Karin Fleischanderl ist Übersetzerin und Publizistin mit Schwerpunkt auf österreichische und italienische Literatur. 1997 gründete sie gemeinsam mit Gustav Ernst die österreichische Literaturzeitschrift „Kolik“; 2005 rief sie, wiederum gemeinsam mit Gustav Ernst, die Leondinger Akademie für Literatur ins Leben.

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