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Magda Woitzuck

© Lukas Dostal



Geb. 1983 in Wien, ist seit 1997 schriftstellerisch tätig. Es entstanden Hörspiele, u. a. „Vom Fehlen des Meeres auf dem Lande“ (2013) und „Sieben Leben“ (2015), für den ORF. Ihr Romandebüt „Über allem war Licht“ (Wortreich, 2015) wurde mit der Prämie der Stadt Wien und der AutorInnenprämie für besonders gelungene Debüts ausgezeichnet.
www.magdawoitzuck.com

Wüstenwasser

Der große Regen ist vorbei. Rowley steht im Schatten der Platanen. Auf der Wiese ein paar Bäume weiter sitzen drei Schwarze, zwei Männer und eine Frau, sie trinken Bier, neben ihnen ein Plastikbehälter vom Take Away. Weiß und Schwarz lebt hier wie Licht und Schatten – nebeneinander, nie zusammen. Rowley zieht an seiner Zigarette, ein Mal, ein zweites Mal, es ist heiß, er zieht eine Gummischnur von seinem Handgelenk und bindet sich die Haare im Nacken zu einem Knoten. Die Hitze der Wüste ist ein seltsames Wunder, sie macht die Dinge gleichzeitig groß und klein. Der Fluss rauscht, Rowley kann ihn hören, alle können ihn hören und alle hören ihn, weil er so selten rauscht. Es ist das Geräusch von reißendem Wasser, das Alice Springs in diesen Tagen erfüllt, Wasser in der Wüste.

Der Todd River ist ein Fluss, der kein Fluss ist, zumindest nicht in den meisten Jahren. Wenn er es doch einmal ist, dann nie länger als für eine von zweiundfünfzig Wochen. In dieser einen Woche nimmt das reißende Wasser alles mit, was es kann: Bäume, Äste, ausgebrannte Autowracks, vergessene Schlafsäcke, angekohlte Feuerstellen, es nimmt Steine mit, Tiere, Nester, leere Flaschen und Dosen, kaputte Motocrossräder, Kühlschränke, Reifen, Kondome, Bauschutt und was ihm sonst noch so im Weg ist. Weil diese Wüste aus rotem Dreck besteht, ist der Todd River rot. Der einzige Grund, warum man ihn Fluss nennt ist, weil das Wasser in dieser Zeit ein tiefes, trügerisches Bett aus der Erde fräst. Einen kühlen, sandigen, dreihundertvierzig Kilometer langen, von Bäumen beschatteten Graben in der glühenden Wüste des Northern Territory. Ein Graben, der sich nur füllt, wenn großer Regen kommt. Der Todd River ist ephemer, so heißt das: Er lebt nicht länger als einen Tag.

Rowley spuckt aus, dann bückt er sich und drückt seine Zigarette in die zähe, blasige Spucke auf dem Asphalt, er reibt den Stummel, bis Tabakkrümel aus dem grauweißen Papier rollen. Wüstenkinder wissen Wüstendinge: Glut macht Feuer, Feuer bringt Tod. Ähnlich wie Feuer in der Wüste ist Wasser in der Wüste. Man weiß nicht, was gefährlicher ist. Rowley sieht das Auto seines Freundes Pirate an der Kreuzung halten, Pirate hupt, Rowley steigt auf sein Skateboard und stößt sich von der Bordsteinkante ab. Die drei Schwarzen blicken ihm nach, in ihren glasigen Augen ist nichts, sie beobachten den jungen Mann, der auf seinem Brett die Straße entlang gleitet, der schneller wird und einem Impuls folgend die Blumeninsel in der Straßenmitte überspringt, das hölzerne Klappern des Brettes bei der Landung echot zu ihnen hinüber. Kurz ist es lauter als das Rauschen des Flusses, die drei sehen ihm nach, sehen, wie er die Kreuzung überquert, wie er vom Brett springt, die Autotür aufreißt und sein Board hineinwirft, wie er sich auf den Beifahrersitz setzt und vor allem sehen sie, wie glücklich er ist.

Rowley und Pirate fahren aus der Stadt, nach Norden. Die Fenster haben sie hinunter gelassen, der heiße Wind fährt ihnen durch die Haare. Im Kofferraum sind die beiden großen, schwarzen Reifen, es sind aufgepumpte Schläuche von Traktorreifen, der Gummi riecht stark, ist weich und widerstandsfest. Die Jungs reden über die Band, über einen Song, den Pirate geschrieben hat, dann fragt Pirate, ob Rowley den Trick drauf hat. „Fast“, antwortet Rowley, „ein paar Tage noch“, er klopft auf sein Skateboard. Pirate lacht. Beide denken an Pirates Knie. Die Narbe ist lang und gerade, in regelmäßigen Abständen sieht man die dünnen, weißen Striche der Nähte. Er bewahrt die Schrauben in einem Marmeladenglas auf, es steht auf seinem Schreibtisch, an dem er eigentlich nie sitzt. Pirate fährt nicht mehr Skateboard, er hat jetzt ein BMX. Sie reden über die Party, die später stattfinden wird, sie reden über ihren neuen Bassisten. „Ist er schon in der Stadt?“, fragt Pirate und Rowley holt sein Telefon aus der Hosentasche, er wählt die Nummer, eine weibliche Stimme informiert ihn über die Unmöglichkeit einer Verbindung. „Er ist unterwegs“, sagt Rowley und Pirate sagt: „Cool“, denn Wüstenkinder wissen, auf dem schnurgeraden Highway zwischen Adelaide und Alice Springs gibt es keinen Empfang. Im Fahrtwind flappern die Schwimmreifen im Kofferraum des Autos.

Der Fluss ist laut. Er ist zu groß. Gieriges Wasser auf dem Weg nach Süden. Er kühlt die Luft. Pirate versteckt die Autoschlüssel unter einem Stein neben dem Vorderreifen. Ihre Handys, ihre Geldbeutel haben sie im Auto gelassen, sie tragen alte Sneakers, Badehosen und verwaschene T-Shirts, Rowley eines von „The Clash“, Pirate ein weißes, dessen rechter Ärmel fehlt. Sie stehen am Ufer des reißenden Flusses und starren auf das rote Wasser. Ihre Augen flirren hin und her, doch so schnell, wie das Wasser fließt, können sie ihm nicht folgen. Pirate spürt die Gänsehaut, die sich trotz der Hitze auf seinem Körper breitmacht. Über das Tosen des Wassers hinweg stößt Rowley einen Schrei aus. Er reiht sich ein in die Geschichte der Schreie, wie sie nur auf Schlachtfeldern ausgestoßen werden, auf unerreichbaren Gipfeln. Es ist der Schrei, der die Geburt von Adrenalin begleitet. Eine Sekunde lang bedeckt Pirates Hand seine Kniescheibe. Er sieht seinen Freund am Ufer stehen, Rowley hält den Schwimmreifen über seinen Kopf. Da ist es, das Leuchten, Pirate kennt diese irisierende Hybris an seinem Freund, er kennt sie zu gut. So wie der Schrei gehört sie zu Rowley, so wie der Mond zur Sonne gehört und das Wasser zum Land. Im Rauschen des Todd gehen all diese Gedanken unter. Rowley dreht sich nach Pirate um. Es ist kurz vor sechs, die Sonne sinkt. Sie lächeln nicht, sie grinsen, eine schmerzende Mimik, die ihnen die Haut um den Mund zu eng werden lässt und ihre Lippen spannt, bis alle Farbe daraus gewichen ist. „Gehen wir“, schreit Rowley und Pirate schreit: „Okay“, und Rowley schreit: „Telegraph Station“, und Pirate antwortet: „Telegraph Station“, denn dort bietet ein flacher Sandstrand die Möglichkeit, dem Fluss zu entkommen. Rowley nickt, er hält den Daumen hoch, dann wendet er sich ab und macht einen ersten Schritt auf das Wasser zu, das die Luft zum Singen bringt, weil es selber so brüllt. Es sind diese Sekunden, in denen eine Grenze sichtbar wird, von der sie sagen, sie sei verwischbar, diese Grenze zwischen Dummheit und Mut, zwischen Sieg und Niederlage, wie ein mit dem Finger gezogener Strich im Sand dieser Wüste.

Oben und unten gibt es nicht mehr. Die Kollision mit etwas Großem bricht vier von Pirates Rippen, er spürt, wie sie mit einem Knacken nachgeben. Seine Hände bekommen etwas zu fassen, Blätter schlagen ihm ins Gesicht. Er reißt die Augen auf, in die das Wasser roten Dreck spült. Die Welt ist Dreck, wird Pirate später denken und noch später wird er unter der gleißenden Sonne, in seinem Hemd schwitzend, die schlanke Krawatte am Kragen gelockert mit zitternder Stimme in ein Mikrophon sagen: „Rowley kam aus dem roten Staub und dort müssen wir ihn heute begraben“. Er wird sagen: „Ich weiß nicht, wie es sein kann, dass wir dieselbe Entscheidung trafen und ein unterschiedliches Ergebnis bekamen“, und das, dieser letzte Satz, wird an Pirate zerren und drücken wie das Wasser des Todd an jenem Tag. Es wird sein Leben von nun an bestimmen und er wird nach vielen, vielen Ästen greifen müssen, um diesem Fluss, dieser Entscheidung wieder und wieder sein Leben zu entreißen und wer weiß, vielleicht wird es ihm am Ende ein Mal zu wenig gelingen.


Pirate zieht sich an dem Ast ans Ufer, er liegt auf dem Rücken, er japst, er saugt, er atmet, fünf, zehn gierige Atemzüge lang. Er dreht sich zur Seite, das Wasser bricht in einem Schwall aus ihm hervor, und dann der Name seines Freundes, Rowley. Pirate kommt auf alle viere, er hat beide Schuhe verloren, sein T-Shirt klebt an seinem Oberkörper, er kotzt noch einmal Dreck in den Dreck und kommt hoch.

Er beginnt zu laufen, in taumelnden, unregelmäßigen Schritten, er nimmt diffusen Schmerz wahr, der sich nicht lokalisieren lässt. Pirate läuft das linke Ufer des Todd entlang, barfuß, durch das Land der Schlangen, der Skorpione, der Spinnen. Er ruft und seine Augen suchen das Wasser ab, der Fluss hat ihn weit mitgerissen, an der Telegraph Station vorbei, wo sie eigentlich aus dem Wasser kommen wollten. Er läuft bis nach Alice, bis er an die Brücke kommt und begreift, dass Rowley weiter unten sein muss. Rowley hat das Wasser geritten, so wie nur er auf dem Skateboard die Luft reiten kann. Einen irren Augenblick lang lacht Pirate. Es ist alles okay, denkt er, wenn einer das Wasser der Wüste reiten kann, dann Rowley, aber er denkt es nur, wird er später denken, damit er den Mut findet, das Ufer zu verlassen, um über die Undoolya Brücke zu laufen und jemanden zu finden, der weiß, was zu tun ist.

Sie suchen ihn die ganze Nacht, aber sie finden ihn erst am nächsten Morgen. Um zwanzig nach zehn entdeckt jemand Rowleys verdrehte, helle Gliedmaßen in der Krone eines gestürzten, vom Wasser entlaubten Baumes. Es kostet große Anstrengung, den leblosen Körper aus der starken Strömung zu bergen. Im Vorraum ihres Hauses stehend verliert Rowleys Mutter um zweiunddreißig nach zehn ihren Verstand, wie sie ihr Kind verloren hat, hart und schnell. Mit bizarrer Faszination muss sie sich der Ordnung des Chaos fügen – endlich hat ihr das haltlose Leben ihres einzigen Sohnes seinen Sinn offenbart. Ihr bleibt nichts, als ihn so aus der Welt zu entlassen, wie er sich selbst entlassen hat: Unter Schreien. Nicht anders hat sie ihn geboren.

(Rowley H. starb Anfang Jänner 2013. Er wurde 23. Als er elf war, hat die Autorin ihm dabei geholfen, sein Motocrossrad zu starten - zu ihrer Überraschung ein echtes Motorrad in der passenden Größe für Kinder. Anschließend fuhr er mit seinen Freunden an den Todd River, wo sie im stets leeren Bett des Flusses einen Hindernisparcours für ihre Motorräder aufgebaut hatten.)

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© Magda Woitzuck, 2017

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