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Kurt Palm: Strandbadrevolution.

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Leseprobe:

Als ich am Abend auf dem Weg zum Reisinger an der Kirche vorbeifuhr, traute ich meinen Augen nicht. Dass Mü in Latein eine Niete war, wusste ich, dass er aber DEVLORA schreiben würde, überraschte mich dann doch etwas. Abgesehen davon war der Spruch kaum lesbar, weil einige Buchstaben zu abstrakten Gebilden zerronnen waren. Während ich Müs Kunstwerk betrachtete, bog der Pfarrer um die Ecke, gefolgt von zwei Arbeitern in weißen Overalls. Sie trugen Farbeimer und Pinsel. Ich sah zu, dass ich so schnell wie möglich wegkam. Auch wenn ich der Kirche ablehnend gegenüberstand, fand ich Müs Aktion ziemlich schwachsinnig. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was er damit bezwecken wollte.
Doch dann fiel mir ein, dass sich Mü in der Schule einmal vor der Klasse über den Pfarrer lustig gemacht hatte. Mü hatte allerdings vergessen, dass der Pfarrer Gangaufsicht hatte und durch die offene Tür alles mithören konnte. Am Ende der Pause stürmte er mit hochrotem Kopf in das Klassenzimmer und schrie: "Müller, das wird Konsequenzen haben. Ich erwarte dich nach dem Unterricht beim Direktor." Mü bekam daraufhin eine Betragensnote, und seine Eltern wurden in die Schule zitiert. Vielleicht war die Sprayaktion ja ein verspäteter Racheakt Müs.
"Fuck the Army heißt die Live-Show mit Jane Fonda." Candy biss in seinen Käsetoast und wischte sich die Ketchup-Reste vom Mund. Als Einziger von uns aß er keine Bratwurst, weil er beschlossen hatte, Vegetarier zu werden. "Wer Tiere tötet, tötet auch Menschen", hatte er gesagt und sich dabei auf Nikolai Gogol berufen.
Ich fragte mich, weshalb in der Volksstimme nichts über dieses Fuck-The-Army-Ding stand. Jetzt hatte Candy erst recht wieder das Heft in der Hand.
"Der Donald Sutherland ist da auch dabei", fuhr Candy fort, "wisst’s eh, der mit der Fonda in Klute spielt."
Wenn uns Candy jetzt auch noch erzählte, dass er den Film bereits gesehen hatte, konnte es sein, dass ich auf der Stelle durchdrehte. Also versuchte ich, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. "Vielleicht sollten wir eine Demonstration organisieren. Überall finden Solidaritätsdemonstrationen mit Vietnam statt, warum nicht endlich auch bei uns?"
Mü verzog das Gesicht. "Das rüttelt ja niemanden auf. Nach einer Stunde ist alles vorbei."
"Und was ist mit deiner Losung?", fragte ich gereizt. "Erstens war sie kaum zu lesen, und zweitens hast du deflora mit v statt mit f geschrieben."
"Ist doch egal. Es geht um den Symbolwert."
"Also machen wir jetzt noch etwas, oder wie soll ich das verstehen?", fragte Taylor.
"Doch, auf jeden Fall." Candy holte aus seinem Rucksack eine Le Monde, die er triumphierend in die Höhe hielt. "In Paris spielt es sich ziemlich ab, dort wird die Diskussion über den Vietnamkrieg ganz eng mit den politischen Vorgängen im eigenen Land verknüpft. Der Sartre spielt da eine zentrale Rolle." Auf der Titelseite der Zeitung blieben von Candys Ketchup-Fingern rote Flecken zurück; sie sahen aus wie Blut.
Ich runzelte die Stirn. "Seit wann kannst du so gut Französisch, dass du das verstehst?"
"Wozu gibt es Wörterbücher, mon ami?"
Schön langsam ging mir Candy mit seiner Klugscheißerei auf die Nerven, vor allem, wenn ich daran dachte, dass ich im September ausgerechnet in Französisch eine Nachprüfung hatte.
"Was ich sagen will", fuhr Candy fort, "ist Folgendes: Wir müssen über den Vietnamkrieg hinausdenken. Insofern bleibe ich dabei, dass die Losung Untertanen, erhebt euch! die einzig richtige ist. Und dass das natürlich eine symbolische Bedeutung hat, wenn eine solche Losung auf einem Bankgebäude steht. Das müssen wir ..."
"Sei doch ein bisschen leiser", unterbrach ihn Hendrix. "Es muss ja nicht gleich das ganze Wirtshaus wissen, was wir planen. Außerdem arbeitet meine Tante in der Bank. Wenn die mitbekommt, dass ich an einer solchen Aktion beteiligt bin, kann ich zu Hause gleich einpacken."
Candy sah sich um. "Wo ist denn da jemand? Die Spießer sitzen doch alle draußen im Gastgarten und besaufen sich."
"Und wann soll die Aktion stattfinden?", fragte ich. "Ich würde auf jeden Fall warten, weil es ja sein könnte, dass die Polizei wegen Müs Sprayaktion in nächster Zeit besonders aufmerksam ist."
"Ich fahre in einer Woche auf Urlaub", sagte Taylor, "ich komme erst wieder in vierzehn Tagen zurück."
"Wohin?", fragte Mü.
"Nach Lignano", antwortete Taylor wenig begeistert.
Mü hob die Faust. "Avanti popolo!"
"Übrigens hat mir Heike heute diesen Zettel für dich mitgegeben." Wie aus heiterem Himmel hielt mir Hendrix ein gefaltetes Blatt Papier hin. Ich war baff und brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, was das zu bedeuten hatte. Da es ein loser Zettel war, konnte ich davon ausgehen, dass ihn Hendrix längst gelesen hatte. Und wahrscheinlich auch die anderen.
"Brauchst nicht rot zu werden." Mü lachte blöd.
"Wieso? Ich meine ...", stammelte ich. Ich griff nach dem Zettel und steckte ihn ein.

(S. 80-82)

© 2017 Deuticke Verlag, Wien

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