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Marcel Atze, Volker Kaukoreit (Hg.): "Gedanken reisen. Einfälle kommen an". Die Welt der Notiz.

Mitarb.: Tanja Gausterer, Martin Wedl.
Wien: Praesens 2017.(Sichtungen. Archiv. Bibliothek. Literaturwissenschaft. 16/17).
400 S.; brosch.; m. Abb.; EUR 31.-.
ISBN 978-3-7069-0837-5.

Seit 1998 erscheint das Jahrbuch "Sichtungen. Archiv. Bibliothek. Literaturwissenschaft", herausgegeben vom Österreichischen Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Seit dem Doppelband 2005/06 mit dem Titel ",Aus meiner Hand dies Buch ...'. Zum Phänomen der Widmung" haben die Bände jeweils ein Thema. 2007/08 – dem Beginn der Kooperation mit der Wienbibliothek im Rathaus – lautete es: "akten-kundig? Literatur, Zeitgeschichte und Archiv", 2011: "Lesespuren – Spurenlese? Wie kommt die Handschrift ins Buch?" und 2014: "Erledigungen. Pamphlete, Polemiken und Proteste".

Der neue Band widmet sich der "Welt der Notiz" und trägt den Titel "Gedanken reisen. Einfälle kommen an". Diese poetische Formulierung eröffnet eines der vielen Notizbücher Marie von Ebner-Eschenbachs, die in der Wienbibliothek aufbewahrt werden – und denen leider keiner der folgenden Beiträge gewidmet ist.

Wie alle seine Vorgängerbände ist auch dieser neue von höchster Lesekulinarik. Das Vorwort von Marcel Atze umreißt die Fragestellungen zum Thema: Was kann alles zum Notieren verwendet werden? Wie gehen AutorInnen mit ihren Notizen arbeitstechnisch um? Was kann der Verlust eines Notizbuchs oder -konvoluts für die Literaturgeschichte bedeuten? Im Fall Armin T. Wegeners vielleicht einen nicht geschriebenen Roman über den Genozid an den Armeniern (S. 13). Wie AutorInnen mit derartigen Verlusten oder der Verlustgefahr umgehen, verrät auch etwas über die jeweilige Charakterdisposition. Doderer schrieb den potentiellen Finderlohn von 5 Schilling gleich auf Seite 1, direkt unter seine Anschrift. Martin Walser ließ 2012 einen Finderlohn von 3.000 Euro annoncieren, hatte allerdings keine Adresse im Büchlein vermerkt, da er ja nicht "vorgehabt" habe, "es liegen zu lassen" (S. 16) – und zwar in der Eisenbahn, wo es pflichtgetreue Reinigungskräfte wohl ordnungsgemäß entsorgt haben. Verloren haben ihre Notizen auch viele jener AutorInnen, die 1933/34 bzw. 1938 ins Exil fliehen mussten – und nicht wie Thomas Mann die Möglichkeit hatten, ihr Schreibpult samt der mit Notizbüchern gefüllten Schublade nach Pacific Palisades nachreisen zu lassen (S. 17).

Den Beitragsteil eröffnen Berichte, Bekenntnisse und Poetisches von AutorInnen, darunter Sabine Gruber, Andreas Weber, Linde Waber, Christine Huber, Bodo Hell, Franz Josef Czernin oder Herbert J. Wimmer. Auch Erwin Einzinger liefert ein "paar Notizen zu Notizbüchern" (S. 60), und sie stehen, wie häufig bei Einzinger, im Zeichen des Understatements, denn man erfährt daraus nichts von den bezaubernden Zeichnungen und Skizzen, die der Autor in seinen Notizbüchern als Gedächtnisstützen für Szenen, Bilder, Landschaften häufig anfertigt – hier wäre eine analytische Aufarbeitung ein absolutes Desiderat. Interessant wäre vielleicht auch einmal eine prinzipielle Beschäftigung mit der Frage, wie der florierende Vorlasshandel die Eigendokumentationspraxis der AutorInnen verändert hat. Während vieles vom konkreten Schreibprozess im PC verschwindet, erhöht die Menge der aufbewahrten Materialien – und seien es alltagspraktische Zettelberge – potentiell den Marktwerk der Sammlung.

Bodo Plachta und Maren Jäger liefern Überlegungen zu editionstheoretischen Problemen beim weiten Feld der Notiz, auch als Teil des werkgenetischen Prozesses, für den die digitale Editionspraxis die Option eröffnet, das Zeitliche des Schreibprozesse in einer "dritten Dimension" (S. 113) darstellbar zu machen.

Den Hauptteil bilden jene größeren (im Kapitel "Beispielhaftes") und kleineren (im Kapitel "In Kürze") Fundberichten, die seit Anbeginn die Seele der "Sichtungen" ausmachen. Hier kommen traditionell nicht nur ausgewiesene Experten zu Wort, die seit Jahren mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung eines Vor- oder Nachlasses beschäftigt sind, sondern auch jene, die in den Archiven die Grundlagenarbeit der Sichtung und Aufbereitung der angelieferten Kisten und Kartons der "Bestandsbildner" (S. 230) leisten und dadurch diese Bestände oft am besten kennen.

Spannend sind auf die eine oder andere Art eigentlich alle Beiträge, sei es zu Ludwig Hohl (Markus Wieland), Peter Weiss (Marcel Atze), Theodor Fontane (Gabriele Radecke), Heiner Müller (Maren Horn) oder, ein absolutes Highlight, zu Alexander von Humboldt (Dominik Erdmann). Greift man die österreichischen Beispiele heraus, reicht die Bandbreite vom Reisenotizbuch Johann Nestroys (Walter Obermaier) zu Hans Weigels eigenwilligen Verträgen, mit denen er seine sogenannten Schützlinge zum Abschluss literarischer Projekte motivieren wollte (Tanja Gausterer). Heimito von Doderer (Gerald Sommer) fehlt ebenso wenig wie Peter Handke (Katharina Pektor) oder Ernst Jandls Notizen zum schwierigen Geschäft der Frankfurter Poetikvorlesung (Vanessa Hannesschläger).

Anregend sind auch jene Beiträge, die sich mit AutorInnen befassen, die in solchen Kontexten nicht immer behandelt werden, etwa Viktor Matejka (Kyra Waldner), Peter Marginter (Gerhard Hubmann), Günther Anders (Kerstin Putz), Enrica von Handel-Mazzetti (Petra-Maria Dallinger), Franz Josef Heinrich (Georg Hofer/Bernhard Judex), Heidi Pataki (Christa Gürtler) oder Gunter Falk (Werner Rotter). Anderes besticht durch die Besonderheit des Gezeigten, etwa Felix Mitterers mit Exzerpt-Zetteln gespicktes Arbeitszimmer (S. 326) als begehbares Notizbuch (Ursula Schneider/Annette Steinsiek), Hermann Bahrs "das – mir"-Notiz auf dem Ankündigungsplakat eines "Gastspiel-Vortrag[s]" von "Hofrat Herrmann [!] Bahr" (Kurt Ifkovits), Hubert Fabian Kulterers Versuch, sich in Bernhards Erzählung "Der Kulterer" als Vorbildfigur hineinzuschreiben (Tanja Gausterer) oder der Bericht über die Schwazer Kulturgröße Jup Rathgeber – dessen umfangreicher Nachlass kaum etwas zu Tage förderte, sondern seine Rolle als "Autor eines nahezu nicht vorhandenen Werk[s]" bestätigt (S. 294, Anton Unterkircher).

Unbestritten lohnt jeder einzelne der Beiträge – auch die hier nicht erwähnten – eine Lektüre. Als Gesamtkunstwerk ist der Band – wie seine Vorgänger – mit den zahlreichen Abbildungen in herausragender Qualität eine Augenweide und dank der sorgfältigen Aufbereitung inklusive Register auch Arbeitsbuch und Nachschlagewerk.

Evelyne Polt-Heinzl
20. Februar 2017

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