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Marie Luise Lehner: Fliegenpilze aus Kork.


Leseprobe:

Drei werden.

Kurz nachdem sich meine Eltern getrennt haben, fährt er nach Griechenland. Dort kauft er ein oranges Kleid. Es hat breite Träger und ist knöchellang. Er möchte es meiner Mutter schenken. Sie nimmt es nicht an. Das Kleid hängt viele Jahre in seinem Schrank. Ich finde es schön. Es ist aus einem gekräuselten, leichten Stoff, der um die Beine weht, wenn eine große Frau darin geht. Es riecht fremd.

Ich sehe meinen Vater nach der Trennung lange nicht.


Vier werden

Er macht mir mir einen Ausflug auf den Schneeberg. Ich bin zu klein, um den Weg zu gehen, also trägt er mich die ganze Strecke auf den Schultern. Ich trage nichts als eine rote Strumpfhose und ein T-Shirt. Am Rückweg verläuft er sich. Seine Schultern sind hart und ich bin müde. Um uns herum sind seit Stunden nur noch dunkle Tannenstämme zu sehen. Er atmet schwer und spricht kaum. Ich habe Angst. Nachdem es dunkel geworden ist, findet er ein Gasthaus. Man kann dort normalerweise nicht übernachten. Der Wirt gibt uns trotzdem ein Bett, in einem kleinen Zimmer, das für Sommerpersonal gebraucht wird, aber gerade leer steht.

Überall, wo wir hingehen, nehme ich ein Wesen mit, das "Puppele" heißt. Er hat es aus einem Stofffetzen gknüpft. Im Kopf ist Getreide eingefüllt, sodass er größer ist als die Arme und Beine. Ich spreche mit dem Puppele. Es ist eine junge Frau, die sehr elegant ist. Sie ist ein bisschen eingebildet und will vor allem schön sein. Ich versuche ihr Frisuren zu machen. Das Puppele hat Haare aus gelbem Flachs. Ich weine, als es seine Haare verliert. Ohne Haare ist es ein Stück Stoff mit Knoten. Es sieht schäbig aus. Ich schäme mich für das Puppele. Ich hätte gerne eine echte Puppe mit Augen, Fingern, Lippen.

(...)

Er liest mir den kleinen Prinzen zum siebten Mal vor. Wenn er liest, verstellt er die Stimme. Wenn die Blume im Buch spricht, geht seine Stimme manchmal in ein Flüstern über, weil er den hohen Ton nicht halten kann und seine Stimme versagt. Ich lehne mich an seinen Bauch, der sich bewegt, wenn er spricht. "Irgendwann bist du eingeschlafen", sagt er am nächsten Tag. Ich kann mich nur mehr an die ersten Sätze erinnern. Aber ich kenne die Geschichte schon auswendig. Ich weiß, wie er klingt, wenn er wie der betrunkene Mann oder der Prinz spricht.

In der Früh des ersten Jänners sammeln wir Sektkorken und Raketen aus der Silvesternacht auf dem Wilhelminenberg. Er schüttet das Schwarzpulver aus allen Raketen, die wir gefunden haben, zu einem kleinen schwarzen Berg zusammen und zündet ihn an.
Die Köpfe der Sektkorken bemalen wir rot mit weißen Tupfen. Sie sehen aus wie Fliegenpilze. Wir schenken sie allen, denen wir in den folgenden Tagen begegnen: der Billa-Verkäuferin, meiner Mutter, Leuten, die er flüchtig kennt. Manchmal schäme ich mich für ihn.
"Papa, bitte, gehen wir jetzt."


(S. 8-12)


© 2017 Kremayr & Scheriau, Wien

 

 

 

 

 

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