Lisa Spalt: Die zwei Henriettas.

Eine Odyssee.
Wien: Czernin Verlag, 2017.
144 Seiten; geb.; Euro 18,90 (A).
ISBN 978-3-7076-0598-3.

Autorin

Leseprobe

"Eine Odyssee" kündigt uns der Verlag auf dem Umschlag des neuen Werkes von Lisa Spalt an, direkt unterhalb des Titels. Die Zuschreibung "Odyssee" steht mithin just an der Stelle, an der einem bei anderen Büchern die Worte "Roman", "Novelle" oder "Gedichte" begegnen und somit für eine Gattungsbezeichnung - freilich eine, der man sich zunächst einmal etwas ratlos gegenübersieht, mag man doch assoziativ dazu neigen, dem Begriff der Odyssee gedanklich das homerische Versepos zuzuordnen und damit wiederum Titelgebung und Gattungsbezeichnung zu vermischen.
Das Anlesen der vorausgeschickten Motti wirkt da schon erhellender: Zitate aus der E-Flux-Sammlung "The Internet Does Not Exist" und Michel Serres' "Atlas" verweisen auf die Problematik der Kommunikationsstrukturen des World Wide Web, was immerhin schon einmal erahnen lässt, dass die formale Bezeichnung des Werkes als Irrfahrt mehr als plausibel sein könnte.
Dass es um Programmatisches gehen könnte, liegt zum einen in der thematischen Vorgabe begründet, mit der sich die Theoriebildner der letzten Jahrzehnte immer wieder intensiv befasst haben und dies im Zuge des neu aufgeflammten Diskurses um künstliche Intelligenzen und ihre Vernetzung nach wie vor tun, zum anderen an dem, was von einer stets als progressiv im besten Sinne des Wortes einzuordnenden Künstlerin wie Lisa Spalt zu erwarten sein könnte.

Der erste Teil des Buches macht nur vage Andeutungen über die Gründe dafür, weshalb die Erzählerin versucht, das Leben einer Person vergangener Zeiten über das Internet zu rekonstruieren - es wird nicht restlos klar, ob es sich dabei um einen (bezahlten) Auftrag handelt, ob das Unterfangen aus bloßer persönlicher Spielfreude oder gar aus künstlerischem Antrieb heraus begonnen wird. Es spielt auch keine vorrangige Rolle. Die ersten vierzig Seiten der Spaltschen Odyssee sind dagegen randvoll mit einer kritischen und sarkastischen Bestandsaufnahme unserer Lebenswirklichkeit, den Verwerfungen der Bildungsabwicklungs-Gesellschaft, in der selbst Lehrer die Abschaffung des Konjunktivs fordern:
"Du stellst dir vor, wie die Jugend, unsere Zukunft, in irgendeiner beliebigen Bäckerei herumsteht und stottert: 'Ich habe so gern ein Kipferl, bitteschön.'"
Dabei setzt die Erzählerin in einer großangelegten Suada zum Rundumschlag gegen den Kult obszöner Eitelkeiten an:
"...während sogar die total unterschiedlichen Gesichter der gesamten Menschheit einander gegenübertreten und sich selbstständig um die Sendezeit im Stadt-TV prügeln. Da trifft die Soldatin als Foltermagd aus dem Mittelalter auf den futuristischen Sternenreisenden, der beleidigt die Mundwinkel runterzieht, weil es immer noch keine App gibt, die ihm die Zehennägel in Lachsrosa lackiert."

Während die Erzählerin also sich und der Leserschaft einen Eindruck ihrer Befindlichkeit zu vermitteln sucht, bleiben reihenweise entlarvte Wichtigtuer auf der Strecke, etwa wenn sie den exzentrischen Modedesigner Harald Glööckler als die "zeitgemäße Inkarnation Stefan Georges" bezeichnet und über sich selbst feststellt: "Das alles bist du, dieser Umstand ist so verbürgt wie die Tatsache, dass Melchisedek, Haile Selassie und Jesus von ein und demselben Gott gespielt wurden, der nur aufgrund dieser drei Rollen ein Stipendium für die Unendlichkeit aushandeln konnte."
So schält sich Stück für Stück auch eine mögliche Antwort auf den Zweck des Rechercheunterfangens zur Person der Henrietta Goeritz heraus, die sich freilich nicht als letztgültige Erklärung verstehen will: "Es ist sicher kein Zufall, dass die schöne Henrietta gerade in deinem unzulänglichen Körper geboren werden will: Es gibt da etwas an dir, das hoffnungslos antiquiert ist, und in so einem Biotop fühlt sich ein Gespenst eben wohl", konstatiert die Erzählerin und schlägt im Laufe ihrer sprachlich grandiosen, mal politisierenden, mal kunst- und alltagsphilosophischen Reflexion den Bogen von der vermeintlich virtuellen zur vermeintlich realen Lebensinszenierung: "Das bedeutet alles nichts mehr, das ist."
Was auf den nächsten neunzig Seiten folgt, ist dann zum einen das Protokoll jener Internetrecherche zu mehreren Personen, die im 19. und 20. Jahrhundert von Österreich und Deutschland aus in die Vereinigten Staaten von Amerika emigrierten und in deren Mittelpunkt die Figur der erwähnten Henrietta Goeritz steht. Im Laufe der Nachforschungen zu ihrem Leben stößt das erzählerische "Ich", das wie bereits angedeutet fortlaufend als "Du" von sich berichtet und damit sozusagen einen Schritt von sich selbst zurücktritt, auf Distanz zur eigenen Erzählung geht, auf eine weitere Person namens Henrietta Knuth, von der nicht ganz klar ist, ob es sich um ein und dieselbe Person handelt. Das eigentlich Interessante für die Leserschaft ist nun nicht etwa das sich nach und nach auffächernde Leben der Auswandererfamilien (das unter rein historischen Gesichtspunkten sicherlich auch auf andere Weise hätte anschaulich dargestellt werden können), sondern es sind die Schwierigkeiten, die das namenlose "Du" mit den zahllosen Einzelheiten, vagen Informationen und gescannten Bildern hat, mit den Assoziationen, die sie bei ihm selbst auslösen und die sich bis zum Schluss (zumindest für die Leserschaft) nicht zu einem befriedigenden Ganzen fügen wollen. "Die zwei Henriettas" ist also auf dieser Ebene vor allem die Geschichte der Recherche selbst, die fortlaufend jeweils auf den ungeraden Seiten des Buches dokumentiert wird, angereichert mit zahlreichen Abbildungen des Personenkreises, von dem hier berichtet wird.
Diesem Prosa-Strang gegenüber steht auf der jeweils linken Seite ein in unterschiedlicher Schrift zu diesem gehaltener Part, der kommentiert, philosophiert, Kunstprogramme ent- und verwirft, aussetzt, wieder einsetzt und dabei nicht selten den Suada-Ton vom Anfang des Buches wieder aufnimmt. Hier spielt sich eigentlich der wesentlich interessantere Teil dieser Odyssee ab, der Stück für Stück wie in einem komplizierten Puzzlespiel Welt und Leben auf sehr subjektive Weise zusammensetzt und in diesem Bild natürlich auch den kontrastierenden Berichts-Strang auf den rechten Seiten in gewisser Weise widerspiegelt. Augenfällig ist überhaupt, mit wie vielen Analogien, inhaltlich und formal, Lisa Spalt zwischen den beiden parallel gedruckten Teilen Bezüge aufbaut und wieder einreißt. Auch die Leserschaft wird sozusagen interaktiv eingebunden, denn sie muss entscheiden, wie sie diesen Teil des Buches rezipieren möchte: erst den einen, dann den anderen Strang von Anfang bis Ende oder ein gelegentliches Hin- und Herwechseln. Ein lineares Lesen Seite für Seite ist jedenfalls kaum möglich ohne totalen Sinnverlust, und das kann man getrost als intendiert voraussetzen.

Das zu Beginn vermutete "Programm" der Autorin Lisa Spalt hinter dem Textkonvolut von den beiden Henriettas scheint mithin ein im Kern dekonstrukivistisches zu sein, das immer wieder mit Verweisketten, anagrammatischen Wortumstellungen und wechselnden Sinnzuschreibungen arbeitet; Spalt selbst bemüht den Begriff des Psittacismus, was für eine "Verwendung von Worten, Zitaten etc., ohne Verständnis für deren Bedeutung" stehe in einem sogenannten "Manisoft", welches eben gerade keine festen und unverrückbaren Aussagen über endgültige Zuordnungen zu machen imstande ist und mit liebenswerter Ironie das eigene ewige Ringen um einen künstlerischen Standpunkt auf die Spitze treibt: "Zunächst gibt es in der Welt der Psittacistin wahrscheinlich kein Alles und kein Nichts, ganz sicher ist das aber eigentlich nicht. Ferner nimmt die Psittacistin nicht wenig ein bisschen ernst. [...] Aber das Phänomen ist bisher nur unvollständig erfasst. Und auch seine Existenz muss noch erschöpfend bewiesen werden."
Solch launige Paraphrasen auf Alltags- und Wissenschaftssprache vermögen die Leserschaft das gesamte Buch hindurch zu faszinieren. Es bietet sich an, den Band nach Abschluss der Lektüre immer wieder an beliebigen Stellen aufzuschlagen und sich sofort wieder an glanzvoll ausgefeilten Details festzulesen. So ist Lisa Spalts "Die zwei Henriettas" wirklich die versprochene Odyssee, die zwischen Zeiträumen hin- und herspringt, von den eigenen zerebralen Verschaltungen auf das Internet, von der Kunst auf das Leben und vom 2nd Life auf die gute alte Flaschenpost verweist - ein Lesevergnügen für alle, die ab und an literarischen Trost für ihr tägliches Verrücktwerden an "Sprache" und "Sinn" benötigen.

Marcus Neuert,
20. März 2017

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.