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Lisa Spalt: Die zwei Henriettas. Eine Odyssee.

Leseprobe:

"In dieser bald erscheinenden Odyssee geht es um Telemachos, den 'Kämpfer in der Ferne', mithin den Avatar schlechthin, dessen Mutter die bekannte Auflöserin PENELOPE ist, die ganz gern auch unter dem Decknamen Apollonia (zu Deutsch: 'Verkünderin' oder 'Zerstörerin') operiert. Der Typ, Telemachos, surft in der Geschichte mit seinem EPEN-OPEL herum wie ein Weberschiffchen und lässt sich dabei vom Faden der Geschichte, der natürlich immer nur nach rückwärts führen kann, vorwärtsziehen."
(S.70).

"Wir präsentieren hier eine Künstlerin, die weder schreiben noch lesen kann, außerdem gehörlos und stumm ist, also auf keinem gewöhnlichen Weg zu kommunizieren vermag. Die Frau produziert ausschließlich Schriftbilder, und diese halten in willkürlich gesetzten Buchstabenansammlungen fest, was die Frau gerade nicht zu sagen weiß (denn man weiß etwas zu sagen, oder man kann es nicht). Gerade weil diese Person aber nicht über einen allgemein verständlichen Code verfügt, vielleicht nicht einmal über eine Denkweise, die einem solchen folgt, wird von ihr exakt das ausgedrückt, was sie auszudrücken hat: In einer Art konkreter, visueller Verdoppelung schreibt sie mehr oder weniger unwissentlich über ihre Freiheit von jeglicher Kommunikation, gerade indem diese Freiheit sie an der gewöhnlichen Nutzung jeder Schrift hindert. Diese Freiheit ist Ursache und Form und Unterstreichung der Botschaft ihrer Texte. Du aber verstehst die entstehenden Bilder sogar, du weißt, in welchem Rahmen sich die Botschaft bewegt, und das bedeutet es doch, wenn die Leute meinen, dass sie Kunst kapieren. Allerdings liest du aus all ihren Texten immer wieder dasselbe heraus, was dir eigentlich zu denken geben müsste. Und dabei gibt es bereits andere, die die Buchstabengebilde der beschriebenen Autorin als dramatische Berichte ansehen können, welche in einer fremden, in Wirklichkeit besonders attraktiv gurrenden Sprache verfasst sind. Sie werfen dir, die du eine künstlerische Sicht auf die gewissen Daten hast, vielleicht mit Recht mangelnde Differenzierungsfähigkeit und einen Hang zur Identitätspolitik vor, sie arbeiten beharrlich daran, den bisher widerständigen Code zu knacken, um sich einen Zugang zu der Kultur zu verschaffen, welche sich hier - in Gestalt einer vielleicht letzten Vertreterin - selbst in spiegelartigen Bruchstücken festzuhalten versucht. Woher stammt dieses Surfervolk, dem die Frau angehört, die die wunderbaren Tafeln geschaffen hat? Können wir von ihm in puncto Weltentschlüsselung oder -deutung noch etwas lernen, etwas, was das Handling der Unterscheidungen betrifft? Du bist dir jedenfalls sicher, dass es den Leuten eines Tages gelingen wird, eine Botschaft aus den Buchstabenansammlungen herauszulesen. Sicher wird sich hier dann vieles lösen und neu verbinden und alle Handlungen, die du heute setzt, müssen in jenem Moment der Wahrheit wahrscheinlich neu konzipiert werden.5
(S. 92/94)

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5Dieser Text ist ein Portrait von und eine Hommage an die Künstlerin Katharina Etzl."

 

© 2017 Czernin Verlag, Wien

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