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Paul Divjak Tamagotchi Tanzmusik.

Klagenfurt: Ritter Verlag, 2017.
120 Seiten; brosch.; Euro 13,90.
ISBN: 978-3-85415-558-4.

Autor

Leseprobe

Wer kennt noch Tamagotchi, die virtuellen Küken, die es von den SpielerInnen zu füttern galt? Um 1997 tauchten sie ebenso schnell auf wie sie wieder auf den virtuellen Friedhöfen verschwanden. Tanzmusik hingegen ist eine menschliche Allzeitkonstante. Im Prinzip geht es in Paul Divjaks vorliegendem neuen Buch aber gar nicht so sehr konkret um Tamagotchi oder Tanzmusik, sondern im übertragenen Sinne um das Auftauchen, ja Aufblitzen und Verschwinden von Wörtern, Namen und Titeln sowie auch das immer Wiederkehrende mancher Begriffe in der riesigen Medien- und Informationsflut, somit um lexikalische One-Hit-Wonders und Allzeitgrößen und das Zusammenbringen von klangähnlichen Wörtern als eine Art Ordnungsprinzip, das zu überraschenden Konstellationen führt. Und über allem thront als mächtigste Konstante das "Wir", das heimeligste und zugleich unheimlichste aller Personalpronomen, scheinbar mit Millionen Augen, Ohren und Mündern und vielleicht gerade deshalb blind, taub und stumm. Fast jede Zeile des Buches wird mit "wir" eingeleitet und jedes Nomen ist ein Objekt zum Subjekt "wir", die häufigsten Verben sind "sein" und "haben". Und der rhetorisch vereinnahmende Slogan "wir sind" wird im vorliegenden Werk nach allen Regeln der Sprachkunst vorgeführt und ironisch oder drastisch gebrochen.

Als "luftig-feingliedrige Partitur" wird diese Montage aus rhythmisch und assonant angeordneten Buch- und Filmtiteln, Songtext-Zitaten, Produktnamen, Werbeslogans, Namen berühmter Personen, Begriffen aus der Naturwissenschaft und Philosophie und Schnipseln aus vielerlei Textsorten, die von philosophischen Abhandlungen bis Fernsehprogrammen reichen, im Klappentext beschrieben und in der Tat könnte der Text auch gesungen werden oder zumindest gerappt, immerhin wird das Lied "MfG" von den "Fantastischen Vier" auch mal an einer Stelle in den Text geholt und variiert: "ABC ABS und AfD / BMX und BMW // die da / und die dort / – Die Fantastischen Vier – (wir sind selbst unsere größten Fans)" (52). Vorstellbar wären auch Visualisierungen, etwa eine überdimensionale Collage aus Textschnipseln, die in Summe in großen Lettern WIR SIND ergeben, eine Endlosschleife auf einer LED-Anzeigetafel wie der "Lichtzeile" im Wiener "Flex" oder eine Art Hologramm oder Flüssigkeit, in der die Verse wie Bläschen auf- und absteigen.

Denn die Blase ist ein wichtiger Gegenstand poetischer Reflexion und Gestaltung in Paul Divjaks Partitur-Projekt, nicht umsonst ist dem Buch als Motto ein Zitat des Sprachphilosophen John R. Searle vorangestellt: "Die Konstruktion von Gesellschaft ist eine riesige Blase, die uns zu allem fähig macht" – wohl im Guten wie im Schlechten. Und mit dem vom Internet-Aktivisten Eli Pariser eingeführten Begriff "Informations-" oder auch "Filterblase", dem zufolge sich die Ergebnisse bei Suchmaschinen-Recherchen nach dem Suchverhalten richten, ist auch eine Transponierung des Begriffs in die virtuelle Welt gegeben, die durch Divjaks Spiel mit Klangähnlichkeiten, Assoziationen, Portmanteauwörtern, Paragrammen, Doppel- und Mehrfachbedeutungen oder einfach Kalauern eine witzige poetische Auslotung erfährt, die auf eindringliche Art und Weise vorführt, wie vor lauter "Wir" das "Ich" verschwindet. So gesehen liest sich "Tamagotchi Tanzmusik" wie eine große Paraphrase auf den Kraftwerk-Song "Wir sind die Roboter".

Ein eindrucksvolles Leseerlebnis ist das Staunen, wie viele von den vorbeiflimmernden Namen und Titeln bekannt sind, obwohl man eigentlich nur selten über sie nachdenkt. So erscheint beispielsweise an der Stelle "wir sind Jack Nicholsons Grinsen / hinter halb geschlossenen Lidern" (83) in den Gedanken wie auf Knopfdruck die Szene aus "Easy Rider", in der er als Anwalt George Hanson einen Schluck aus dem Flachmann nimmt. Bisweilen entsteht bei der Lektüre der Eindruck, als würde ein ganzer Tsunami aus Fast-Food-Wörtern der heutigen Zeit über eine im Grunde traditionelle Gedichtform hereinbrechen, wodurch Wörter lyrisch werden, die sonst nie in ein Gedicht gekommen wären. Manchmal wirkt der Text auch so, als würde er in Echtzeit Wörter präsentieren und arrangieren, die beim Surfen im Internet von unterschiedlichsten Web-Sites der Reihe nach aufgelesen, ja aufgesogen worden wären, gewissermaßen wie eine Such- und Sortiermaschine von Sprachmaterial als literarische Text-Partitur. Und darüber schwebt stets Googles Frage beim Suchen: "Meinten Sie ...?" En passant wird damit auch der Wegwerfcharakter des gegenwärtigen Medienwortmaterials deutlich vor Augen geführt, Einwegwörter, jederzeit variier- und recycelbar. Nicht zuletzt ist "Tamagotchi Tanzmusik" auch eine große Dada-Party, auf der nach Herzenslust collagiert und montiert und von Wortklang zu Wortklang getanzt wird.

Mit "Tamagotchi Tanzmusik" präsentiert Paul Divjak ein lustvolles Surfen von Wortwelle zu Wortwelle mit einigen überraschenden Take-offs und Turns.

Günter Vallaster
27. März 2017

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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