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Peter von Matt: Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur.

München: Hanser, 2017.
288 S.; geb.; Euro 22,70.
ISBN: 978-3-446-25462-6.

Mit diesen ebenso scharfsinnigen wie kurzweiligen Studien, die Peter von Matt rechtzeitig knapp vor seinem 80. Geburtstag herausgebracht hat, legt er (wieder einmal) ein Buch vor, dessen Lektüre so spannend und faszinierend ist, wie es schon die Spitzentexte sind, die er sich vornimmt: In diesem Fall sind es Erzählungen und Romane der Weltliteratur, über die sich die Literaturwissenschaft nie so ganz einig geworden ist, Texte von Virginia Woolf, F. Scott Fitzgerald, Gottfried Keller, Franz Grillparzer, Heinrich von Kleist, Marguerite Duras und Anton Tschechow. Im Zentrum aller dieser Texte (das ist dann auch das einzige, was sie zusammenbindet) steht ein Kuss, ein allerdings jeweils singulärer Kuss; und mit ihm das Wissen, was Glück bedeutet, bedeuten könnte, stünde nicht das Unglück (in der Literatur) immer schon ebenfalls vor der Tür. Man denke nur an Verdis Otello, die Kuss- bzw. Schluss-Szene des ersten Aktes.

So wird denn auch nie etwas aus dem großen Vorhaben, das Paradies auf Erden zu gründen. "Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen." Zu dieser Erfahrung, festgehalten in Ottiliens Tagebuch, in Goethes Wahlverwandtschaften, gelangen mehr oder weniger auch alle Figuren, die hier als Protagonisten erscheinen. – Über Goethes Roman aber schreibt Peter von Matt einmal, ganz wie nebenbei: "Eine Gruppe guter, kluger, liebesfähiger Menschen will die Epochenvision vom selbstgeschaffenen Paradies in einem überschaubaren Raum von Schloss und Dorf und ausgedehnter Natur verwirklichen. Kein Bösewicht stört die planvolle Arbeit. Dennoch endet sie schrecklich." Eine Kürzestinterpretation, scheinbar schnell hingeworfen; trotzdem eine Interpretation, die doch sofort einlädt zum Nachlesen, wie alle Interpretationen, die dieses Buch vermittelt.

Was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass Peter von Matt immer wieder abschweift von seinem zentralen Gegenstand und ergiebige Fragen aufgreift, die sich ihm gleichsam unterwegs stellen, ohne aber, das versteht sich, je den Faden zu verlieren, den er einmal in die Hand genommen hat. So zitiert er das berühmteste Kuss-Gedicht der Antike, Catulls "Da mi basia mille, deinde centum", nicht ohne gleichzeitig Mörikes Übersetzung hervorzuheben, die das irritierende "Zahlengeprassel" des Originals souverän korrigiert und dennoch an keiner Stelle verfälscht. Nicht anders hält er es mit allen jenen Szenen, die um einen einzigartigen Kuss kreisen: Da gerade diese Szenen ein besonderes erzählerisches Geschick verlangen, kann ihre "genaue Beobachtung", so Peter von Matt, "zu neuen Aufschlüssen über die Geheimnisse des Erzählens führen." Darum aber geht es ihm, auf nicht mehr und nicht weniger sind diese Studien angelegt.

An den Anfang stellt er zwei Romane, die beide 1925 erschienen sind und als herausragende Manifestationen ihrer Epoche gelesen werden können: Mrs Dalloway von Virginia Woolf und The Great Gatsby von F. Scott Fitzgerald. Es sind nicht nur die Kuss-Szenen, in denen die Kühnheit dieser Romane aufleuchtet, es sind auch die vertrackten Erzählstrategien, die für Irritationen sorgen, es ist namentlich die Verzerrung des Blicks auf die Geschichte, mit der sich zurechtfinden muss, wer sich auf die Lektüre dieser Werke einlässt. In den Kuss-Szenen allerdings überstürzen sich jeweils alle Mehrdeutigkeiten des Erzählens und dort entfalten sich am stärksten die Widersprüche, die (auch von der Leserin / vom Leser) nicht aufzulösen sondern auszuhalten sind.

Später unterzieht Peter von Matt längst kanonisierte Werke der deutschsprachigen Literatur noch einmal einer sorgfältigen Nachprüfung: Kellers Sieben Legenden, vor allem Die Jungfrau und der Teufel sowie Die Jungfrau als Ritter, ferner Grillparzers Novelle Der arme Spielmann und schließlich Die Marquise von O.... (deren Namen Kleist wohl nicht zufällig mit vier Punkten abgekürzt hat). Wie nicht anders zu erwarten, erweitert Peter von Matt das Kapitel über die Sieben Legenden zu einem fulminanten Plädoyer, sich wieder einmal mit Gottfried Keller zu beschäftigen, mit "einem der unerschrockensten Erzähler seiner Zeit und einem poetischen Charme, für den es in ebendieser Zeit keinen Vergleich gibt." Er liest indes auch Grillparzers Spielmann als erstklassiges Schriftstück der zornigen Intelligenz der Vormärz-Ära und nicht nur als "Geschichte einer schrittweisen sozialen Verstoßung, einer großen Liebe und, in unmittelbarer Verbindung damit, einer Wesensverwandlung durch einen einzigen Ton"; und auch dieses Kapitel verrät, dass Peter von Matt (der seine Dissertation, seinerzeit noch bei Emil Staiger, über Grillparzer verfasst hat) den Diskurs über die Prosa dieses Dichters neu entzünden möchte (einen Diskurs, den er in der Germanistik vermisst, dem er in etlichen Arbeiten aus dem Bereich der österreichischen Literaturwissenschaft aber inzwischen doch hätte begegnen können). Allein, wie er Grillparzers Blick auf die Welt, insbesondere auf Gesten und Gebärden verfolgt, mit einer Aufmerksamkeit und Genauigkeit, die ihresgleichen sucht, macht deutlich, wie sehr er nach wie vor dieses Werk und seinen Titelhelden, der mit den ihn überfordernden Normen nicht und nicht zurechtkommen kann, schätzt. – Auch Kleists Novelle Die Marquise von O.... präsentiert zunächst eine innerfamiliäre Gerichtsszene. Dort allerdings erfolgt noch ein Umschlag, ein Akt der Versöhnung zwischen Vater und Tochter, der in einer Kussorgie kulminiert. Gegen die schon beinahe kanonische sexualpathologische Deutung dieser Szene führt Peter von Matt ins Treffen, dass sie doch auch ganz anders gelesen werden könnte, nämlich als Exempel eines ernsthaften Bemühens um Frieden.

Weitere Interpretationen widmet Peter von Matt dem Roman Moderato cantabile von Marguerite Duras, den er im Kontext von Alain Robbe-Grillets La Jalousie und als Zeugnis des intellektuellen Milieus rund um Sartre und Simone de Beauvoir liest, sowie Tschechows Erzählung Der Kuss von 1887/88, die von den Folgen eines Kusses berichtet, der nichts anderes als ein einziges Missverständnis gewesen ist. In alle diese Werke vertieft sich der Autor gelassen bedächtig, ohne sie durch eine jener Modell-Maschinen zu treiben, die von der Literaturwissenschaft entwickelt worden sind, um das sonst womöglich Unbegreifliche lückenlos aufzudröseln. Solche Verfahrensweisen liegen ihm ziemlich fern; denn er ist überzeugt, dass die Literatur im Unterschied zu anderen Systemen, zu den Wissenschaften, zur Philosophie und zur Religion, sich eine Perspektive bewahrt hat und bewahren muss, die "nie ganz abgelöst vom Blick des Kindes" (das die von den Erwachsenen geschaffene und geschützte Ordnung noch nicht anerkennt) Erfahrungen wachrufen oder illuminieren kann, die anders nie zu machen wären. Peter von Matt öffnet den Zugang zu dieser, mit Novalis zu reden, "ganz andern Welt", die in den von ihm besprochenen Geschichten sich zeigt, als wäre eben das die vornehmste Aufgabe aller Literaturkritik. Aber, ist's vielleicht nicht so?

Johann Holzner
18. April 2017


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