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Ágnes Czingulszki: ich dachte an siracusa.

Kurzgeschichten.
Wien: edition exil, 2016.
153 Seiten; brosch.; Euro 12,-.
ISBN: 978-3-901899-75-1.

Autorin

Leseprobe

Buchpräsentation

Ágnes Czingulszkis dreizehn Kurzgeschichten in ihrem Debut-Band "ich dachte an siracusa" blicken in viele verschiedene Leben und erzählen oft in suggestiven Erinnerungsbildern von Menschen, die eine Liebe verloren oder nie wirklich gefunden haben, von einer Zweckehe zum Beispiel, die mit der Anzeige "Ost trifft West" beginnt und mit der Erlangung der Staatsbürgerschaft ein schnelles Ende findet. Wir begegnen einem Bankangestellten, einer jungen Frau zwischen Budapest und Innsbruck, einer Bardame und einer Prostituierten, SelbstmörderInnen, EhebrecherInnen und einem nervösen Fotografen vor seiner ersten Vernissage. Czingulszkis HeldInnen sind auf der Suche nach PartnerInnen und nach einem Leben, das Sinn macht, sie wollen dazugehören, wissen jedoch nicht, wie man das anstellt. Manchmal schaffen sie es, Momente des Glücks in ihrer Erinnerung einzufangen oder zumindest eine Weile voneinander zu profitieren, wobei auch letzteres durchaus ein Glück sein kann.

Die erste Figur, der wir begegnen, ist Friedrich, ein unscheinbarer Fotograf, der einer kleinen Ausstellung seiner Bilder entgegenfiebert, dort seine erste Freundin wiedertrifft und bei dieser Begegnung schmerzlich erkennt, wie wenig er sein eigenes Leben weiterentwickelt hat. Zwischen dem Beruf als Fotoreporter und seiner familiären Enge mit Mutter und Oma herrscht gähnende Leere, nicht nur in seiner Eineinhalbzimmerwohnung, die er nie wirklich eingerichtet hat.
In der Erzählung "zauberberge" (Kapitelüberschriften und Zwischentitel des Bandes sind klein geschrieben) kommt eine junge Ungarin nach Innsbruck, um die Berge zu sehen, sie trifft dort einen schönen Argentinier und fährt drei Tage später wieder nach Hause, wo ihr Vater das Haus der Familie verkaufen will. Obwohl die Erzählerin längst in Budapest lebt und der Vater bei seiner Freundin, wird der Abschied vom leerstehenden Haus zu einem einschneidenden Erlebnis, zu einem endgültigen Abschied von der Kindheit, die mit ambivalenten Gefühlen verbunden ist: mit einer bösen Stiefmutter, furchtbaren Geburtstagsfeiern, streitenden Eltern, aber auch mit rosa Mandelblüten, wildwachsendem Liebstöckel, Kleidern im Wind, einer Schaukel unter dem Aprikosenbaum. Die Erzählerin hatte bis dahin gedacht, das Haus bleibe stehen und eines Tages käme sie wieder zurück (S.23). Sie arbeitet in einem Callcenter und kann sich kaum ihren Lebensunterhalt verdienen, geschweige denn ihrem Vater das Haus abkaufen. So fährt sie erneut nach Innsbruck, einmal, zweimal, um schließlich dortzubleiben, bei den Bergen und dem Argentinier, den sie kaum kennt. "Zwei verirrte Vögel auf einem unbekannten Ast" (S.29), aber immerhin ein Leben, in dem die Familie keine Rolle spielt.
"venedig bei sturz" rekapituliert das Leben des Bankangestellten Albert in jenem Moment, in dem er in Venedig aus einem Fenster stürzt, anscheinend ohne Absicht, jedoch mit unerhörter Leichtigkeit, ja sogar Heiterheit: "Der Teppich war schuld, der unter seinen Füßen wegrutschte, der ihn nicht hielt. Er hatte sich gerade mit seiner Socke in der Hand über die Leinen gebeugt. Schade, denn ihm hatte der Alltag hier Spaß gemacht. Seine Hunde, die Kanäle, die Kleider. Noch immer hält er die Socke fest, als ob sie ihn retten könnte." (S.64)
In Venedig war Albert auch schon früher gewesen, einmal mit 28 Jahren, als er sich auf der Rialtobrücke in ein Mädchen mit weißer Haut und roten Haaren verliebte, später mit Esther aus Rumänien, die er über ein Inserat kennengelernt und die ihn zum Zweck ihrer Einbürgerung geheiratet hatte. Auch sie hatte weiße Haut und rote Haare, sie kochte gut und lachte viel, zumindest anfangs, später schwieg sie nur noch, und irgenwann packte sie ihre Sachen und verschwand wortlos aus seinem Leben.
Die Titelgeschichte "ich dachte an siracusa" portraitiert eine junge Frau, die einen Tumor in ihrer Brust entdeckt. Während der Biopsie in der Klinik denkt sie an Siracusa, an ihren Urlaub mit Pedro. Acht Jahre lang hat sie mit ihm in einer Wohngemeinschaft gelebt, mit wechselnden Mitbewohnern, nun ist sie ausgezogen, doch der Freund ist bei ihr, als sie die endgültige Diagnose erhält: "Ich muss irgendwohin, wo ich weit hinaus sehen kann", sagte ich zu Pedro nach den langen Besprechungen, die auf die Aussage des Arztes folgten, und wir fuhren an den Fuß des Berges und ließen uns von einer Gondel auf die Spitze bringen, wo wir dann in Liegestühlen saßen und glaubten, trotz allem gehöre uns noch immer die Welt." (S.103)
Die Erzählung "das begräbnis", die sich ebenfalls im Band findet, wurde 2013 mit dem Schwäbischen Literaturpreis ausgezeichnet. Sie führt eine junge Frau zurück in das Dorf ihrer Kindheit zur Beerdigung der Großmutter, die sie kaum gekannt hat:
"Ich kam nach Baja, weil ich musste. Nichts rief mich zurück in diese Stadt. Niemand war hier, der mich gezwungen hätte, am Tisch zu sitzen und Brot und Schmalz zu essen oder ein weiches Ei. Ich sollte nur erzählen, was los ist. Was denn los ist, mit Vater und Mutter und meinen Brüdern.
Die alten Weiber eben. Die sehen jemanden, der von 'draußen' kommt, wie einen Fernseher an. Wie das Radio, die Zeitung.
" (S.49)
Diese ersten Sätze der Kurzgeschichte
machen tatsächlich "in überraschenden Bildern und einer sinnlich dichten Sprache Brüche deutlich", wie es in der Jurybegründung für den Preis nachzulesen ist. Eine Zuschreibung, die übrigens für eine ganze Reihe der im Band versammelten Texte passend wäre.

Formal schreibt die Autorin ganz klassische Kurzgeschichten, sie portraitiert Personen, Orte und Situationen mit wenigen Worten in lakonischer Sprache, in personalem Erzählstil und im Präteritum. Es gelingt ihr scheinbar mühelos, Emotionen und Konflikte lebendig zu skizzieren und jeweils einen entscheidenden Moment aus dem Leben der gar nicht heldenhaften Figuren einzufangen. Die Autorin schafft dabei eine ganz bestimmte Atmosphäre der schwebenden Melancholie, die einen beim Lesen umfängt und danach noch lange präsent bleibt. Diese Atmospähre ist das Besondere an Ágnes Czingulszkis Erzählband, sie hält die Geschichten zusammen, noch mehr als die thematische Klammer der Einsamkeit und der Identitätssuche zwischen Ost und West - einige der Kurzgeschichten spielen zwischen Ungarn und Österreich und haben sichtlich ihre Wurzeln in der Biografie der Autorin, die als Kind aus Südungarn nach Deutschland kam und heute als Journalistin in Innsbruck lebt.

Die Edition Exil versteht sich als NewcomerInnen-Verlag, der mit Literaturpreisen, Schreibwerkstätten und Erstveröffentlichungen vor allem jungen AutorInnen mit Migrationshintergrund den Einstieg in den Literaturbetrieb ermöglicht. Mit Ágnes Czingulszki hat die engagierte Verlegerin Christa Stippinger wieder eine Autorin entdeckt, die ausreichend Potenzial für einen weiteren literarischen Weg mitbringt.

Sabine Schuster
18. April 2017

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