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Regina Hilber: ÜBERSCHREIBUNGEN von Wald bis Wien.

Wien: edition ch, 2017.
88 S., brosch.;
mit Fotografien; Euro 12,-.
ISBN 978-3-901015-69-4.

Autorin

Leseprobe

Regina Hilbers lyrische Kurzprosa präsentiert sich im neu erschienenen Band ÜBERSCHREIBUNGEN als erkenntnistheoretische Sprachstudie, die das Motiv "von Wald bis Wien" als Ausgangspunkt für poetische Variationen nimmt. Anders als bei Raymond Queneaus berühmten Stilübungen aus dem Jahr 1961, bei denen der kurze Ausgangstext in mehr als hundertfacher Variation jeweils einer anderen stilistischen und rhetorischen Vorgabe unterworfen wird, während der Inhalt stets derselbe ist, bleiben bei Regina Hilbers Überschreibungen Sprachstil, Rhythmus und Klang gleich und nur das Motiv wird ausgewechselt (Prolog, S.5).
Es sind sieben Sequenzen, um nicht zu sagen Strophen, die sich mit jedem neuen Motiv wiederholen, Wald und Wien agieren in allen Textvarianten als maßgebliche Anknüpfungspunkte.

Der titelgebende erste Abschnitt "WALD bis Wien" gibt also den Ton des ganzen Heftes an und beginnt bzw. klingt folgendermaßen:
Ach dieses Fieber immer / wenn es ein Korsett / und der Schmerz ein Schmerz / aber lassen wir das / was es da sagt / dass ich in den Wald gehen müsse / und dass wenn es seinen Fuß hier reinsetzte ich ein Baum sein müsse / ein Baumwesen innen und außen / eine Ulme auf der Lichtung / immer wolle ich bloß eine Blume sein / im Alsergund und anderswo und so fort / wirft es mir vor.
(S.9)
Unter der zweiten Überschrift "FASSADEN" lesen wir korrespondierend dazu diese Zeilen:
Diese Fassade immer / wenn ein Wort zur Gewissheit / was es da sagt / die Vorderfront / der repräsentative Teil / dass ich mitlaufen müsse und dass die Schaupackung zu meinem Selbstverständnis und Schutz / ein Zeitgeistwesen innen und außen / ein Wegbegleiter in einem straßenlosen Hier / immer wil ich ein Suchender sein / im Veranschaulichten und im Verinnerlichten und so fort / wirft es mir vor / das Ich und Ich vor dem Spiegel / durch die ganze Gegenwartsgeschichte / Eigenes umgestülpt und zum Konformismus transformiert / vielleicht muss eine Fassade einfach nur laut sein, um eine Wirklichkeit werden zu können, oder um alle Fenster nach Süden schauen zu lassen.
(S.24)
Im Abschnitt "Rotmütze goes BERLIN" wird der Wald zum Märchentopos, die bunt besprayten Betonwände, die nun als Fotografien den Text begleiten, sind Teil des Dunkels, in dem Rotkäppchen dem Wolf begegnen will:
Es ist / es sind / Rotmütze und die bunt besprayte Betonwand / aber fangen wir an / was es da ausheckt / dass es in den dunklen Wald gehen müsse / und dass wenn es seinen Fuß dort reinsetzte ihm ganz merkwürdig werden würde / eine Märchenstunde in Berlin / Kakophonie zu Eklektizismus / eine Blase zwischen Friedrichshain und Mitte / immer wolle es bloß das volle Körbchen tragen / die absolute Wahrkeit als Konzept verkaufen / wirft man ihm vor.
(S.35)
Weiter geht's dann mit dem Zirkus – ZIRKUS /Circus / Zierkuss / Lippenfluss / hereinspaziert (S.49), dem Theater – Dieser Staub immer / wenn das Kleid aus dem Schrank / wie dramatisch (S.64) und einem sehr unterhaltsam illustrierten SchilderWALD, die Dinge sind DEFFEKT oder KABUTT und eine Rebsorte trägt auf einem schwarzen Taferl mit goldener Schrift den Namen Vladimir Putindie richtige Benennung ist alles / so ein Drehen und Wenden im richtigen Winkel / Hand und Hände reiben aneinander / ein Diktat ist wie jedes andere auch / die Tafel blickt auf sich selbst und erkennt sich nicht mehr (S.83).

Beim aufmerksamen Lesen findet man immer wieder Textstellen und Metaphern, die sich wiederholen bzw. die nur geringfügig variiert werden, um einem neuen Motiv entsprechen zu können. "Es ist also möglich, dem Textstück ein ganz anderes Narrativ abzuringen und den Klang dabei beizubehalten", schreibt Regina Hilber in ihrem Prolog zu dem kleinen Heft, das sich als Miniatursprachstudie und als spielerische Fingerübung versteht.
Sehr illustrativ und gleichzeitig unverzichtbarer Teil des Experiments sind die Fotografien von Regina Hilber, Wolfgang Hilber und Gerlinde Zehetner, einmal geht ein Text ganz plakativ von einem Bild aus, ein andermal sind Bezüge und Wechselwirkungen dezent in und zwischen den Zeilen versteckt.
Wer Lust an der Sprache und am assoziativen Spiel mit Bedeutungen hat, vielleicht auch am lauten Sprechen von Texten – denn Melodie und Rhythmus sind ist hier ganz wesentliche Elemente –, die/der wird sich über diesen Band freuen, der dem Motto der edition ch auf sehr anschauliche Weise gerecht wird: ein "Projekt zur Förderung devianter Wahrnehmungsweisen".

Sabine Schuster
20. April 2017

 

 

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