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Andrea Stift-Laube: Die Stierin.

Roman.
Wien: Kremayr & Scheriau, 2017.
174 Seiten; geb.; Euro19,90.
ISBN: 978-3-218-01068-9.

Autorin

Leseprobe

Die Dichter wurden herbeigerufen und befragt, ob sie die Geschichte der Maeve in ihrer Gesamtheit erzählen konnten. Und alle gaben zu, dass sie nur Bruchstücke davon wussten.
(Nach dem Book of Leinster, um 1160)

Auf altirische Sagen greift die steirische Autorin Andrea Stift-Laube in ihrem jüngsten Roman Die Stierin zurück. Sie verwebt die Geschichte der Königin und Halbgöttin Maeve mit ihrer aktuellen Figur, die auf den ersten Blick gar nichts mit ihrer Namensgeberin zu tun hat. Sie hat einen Käseladen in einer Kleinstadt und lebt ein zurückgezogenes Leben. Den Laden hat sie von ihrem Mann, der sie, so erfahren wir nach und nach, brutal misshandelt hat.
Maeve kommt mit 18 Jahren in die Stadt, fremd und ohne Geld, sie wohnt und arbeitet beim Besitzer des Käseladens und heiratet ihn schließlich, ab diesem Zeitpunkt wird alles anders. Nach dem Tod des viel älteren Mannes übernimmt Maeve das Geschäft und ist erstmals in ihrem Leben frei.

Vor der ehelichen Gewalt flieht Maeve in ihre Fantasie, sie sieht Bilder aus den Sagen rund um Königin Maeve, die jedoch vorläufig keine Geschichte ergeben. Erst die drei rätselhaften Frauen Bod, Morrigen und Macha, die im Käseladen einkaufen, stellen eine Verbindung zwischen Maeves beiden Welten her. Die Frauen entstammen den irischen Sagen und leben doch ganz real in Maeves Gegenwart, immer wieder fungieren sie – oder sind es doch die Raben? – im Text als antiker Chor:
Wir warten ungeduldig. Wir sind ein lächerlicher Chor, aber das waren wir nicht immer. Bloß drei Frauen, wir singen in den verschiedensten Tonlagen und solange wir singen, solange werden wir gehört. Wir sehen, was kommen wird, wir sehen die Enttäuschung, die erste große Wunde. Wir rufen dir seit jeher zu. Bis heute hast du nicht auf uns gehört.

Mit Hilfe der drei rätselhaften Frauen erfährt Mave, die sich gerade ein zweites Mal auf einen gewalttätigen Mann einlässt, die ganze Geschichte ihrer irischen Namenspatronin. Die stolze und schöne Königin erweist sich als kompromisslose Kriegerin. Der Sage nach gab es in Irland zwei magische Stiere, einer davon war im Besitz des Königs. Dessen machtgierige Frau Maeve provozierte einen langen Krieg, der das ganze Land verwüstete, weil sie mit ihrem Mann gleichziehen und den zweiten Stier besitzen wollte.
Andrea Stift-Laube verschränkt die historische Erzählung so lange mit der Gegenwart, bis sich die Grenze auflöst und das Messer, mit dem Maeve in ruhigen Stunden ein Heer und zwei Stiere aus altem Käse geschnitzt hat, zum blutigen Schwert wird.

Der mythische Rahmen für die Darstellung von häuslicher Gewalt, Rache und Selbstbestimmung erscheint eigenwillig, die Auflösung der Geschichte radikal. Ein archaischer Gegenentwurf zu heutigen Deeskalationsprogrammen und zur modernen Psychologie. Andrea Stift-Laube hat, um eine andere Rezensentin zu zitieren, ein "Heldinnengedicht für Frauen" geschrieben:
Einen anderen Ausweg, etwa den, einfach wegzugehen, sich aus dem Einfluss der Gewalt hinauszubegeben, den gibt es hier nicht, weil es kein Außen mehr gibt, wenn die Gewalt in die Frauen selbst eingedrungen ist. Etwas ist geschehen, und es muss gesühnt werden. Wir befinden uns in einer Urzeit, im Mythos, in einem Heldinnengedicht für Frauen, die geschlagen werden, vergewaltigt, misshandelt. Ein Mythos über weibliche Solidarität, der eine extreme Antwort gibt auf die Frage, wo eine geschändete Frau Hilfe findet, wo Erlösung. (Theresa Oehler, https://woerterbeet.com)

Der Roman "Die Stierin" lebt von seinen starken, einprägsamen Bildern. Da ist der Berg, den die Heldin aus dem Fenster ihrer Wohnung sieht; er verrückt sich, und zwar auf das Haus zu. (S. 11) "Sein Haus liegt auf der anderen Seite des Flusses. Er sieht den Berg nur von seiner Küche aus. Ansonsten hat er freie Sicht auf die Welt." (S. 18) So schlicht und wirkungsvoll ist dieser Text gebaut, so klar die Macht verteilt. "Und wenn die richtigen Worte fehlen, ist stets der Chor zur Stelle." (S. 21).

Andrea Stift-Laube hat, nach einigen Erzählbänden und einem Südsteiermark-Krimi, mit diesem Roman einen ganz neuen Ton angeschlagen und ein mutiges formales Experiment umgesetzt. LeserInnen sollten allerdings Geduld und Phantasie mitbringen, denn die Fragmente verdichten sich nur langsam zu einer lebendigen Geschichte.

Sabine Schuster
2. August 2017

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