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Günther Kaip: Ankerplätze.

 

Leseprobe

Dann haben wir eben einen vergnüglichen Aufenthalt, in dem wir nach Herzenslust klettern und von Gipfel zu Gipfel springen, die Dohlen in der hohlen Hand halten, ihren Herzschlag spüren und sie in den Schlaf wiegen. Sind die Dohlen in unseren Achselhöhlen gebettet, richten wir flüsternd ein Wort an den vor uns Stehenden, ein zufällig vorbeigekommener Einheimischer, der uns staunend betrachtet. Aus Verlegenheit knien wir vor ihm nieder, putzen ihm mit unseren Taschentüchern die Schuhe, ziehen sie ihm aus, streifen die Socken ab, waschen seine Füße mit Speichel und trocknen sie mit unserem Atem. Das dauert einige Minuten – und noch immer staunt der Einheimische, während wir schwiegen und uns auf den Herzschlag der Dohlen in unseren Achselhöhlen konzentrieren, auf die Wärme und das Pulsieren dieser kleinen schlafenden Körper. Dann streifen wir dem Einheimischen die Socken über die Füße, ziehen ihm die Schuhe an, vorsichtig, dass durch eine unbedachte Bewegung nicht die Dohlen in unseren Achselhöhlen geweckt werden, während Wälder und Tiere und Flüsse und ein Hügel an uns vorüberziehen, der für einen Moment den Horizont grün färbt. Aus dem Rucksack nehmen wir Wasser, trockenes Brot, Äpfel, Brennnessel, Honig – wir bieten davon dem Einheimischen an, essen und trinken gemeinsam, vorsichtig, denn die Dohlen schlafen noch immer.

(S. 15)

© 2017 Klever Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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