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Evelyn Grill: Ins Ohr.

Erzählung.
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002.
144 S.; brosch.; Eur[A] 7,20.
ISBN 3-518-39916-0.

Link zur Leseprobe

"Ins Ohr" flüstert man gewöhnlich Intimitäten, auch die Muschel des Telephons eignet sich zu diesem Zweck. So ist das, was Evelyn Grills Erzählerin hier ablegt, eine Art Ohrenbeichte, das stumme Gegenüber wohl eine gute Freundin. Während die Literatur heute allenthalben davon berichtet, wie herzlose junge Frauen männliche Skalps erbeuten, während sie, mit oder ohne Pop, den Kult der Jugend, der Szene, des Labels feiert, wird hier ungeniert die Geschichte einer, wie man wohl sagt, reifen Frau erzählt.

Es beginnt mit einer Überraschung zum zwanzigsten Hochzeitstag: Der Ehemann gibt bekannt, daß er fürderhin getrennt zu leben wünscht. Was für Elfriede zuerst ein Schock ist, eröffnet ihr sehr bald neue Chancen, nicht zuletzt in erotischer Hinsicht. Denn der Gatte, amtlicher Veterinär und Hofrat, ist seinen ehelichen Pflichten schon lange nicht mehr nachgekommen und selbst als er das noch tat, sei es kein Liebesakt, sondern "immer nur ein bürokratischer Akt gewesen". Ehe Elfriede die neue Freiheit genießen kann, muß sie sich um ihre berufliche Etablierung kümmern. Ihr Mann hat ihr nämlich just nach ihrer letzten Jus-Prüfung den Laufpaß gegeben, hat wohl auch ihr Bestreben, die unterste Stufe der Gesellschaft, nämlich die Existenz als "Ehefrau, Hausfrau und Mutter" zu verlassen, "die Leiter emporzuklimmen, sich dem Haushaltsvorstand auf Augenhöhe zu nähern", nicht verwunden. Und nun besteht Elfriede, Anfang fünfzig, die Anwaltsprüfung und richtet sich, mit der Hilfe ihrer Mutter, die die Sekretärin spielt, eine eigene Kanzlei ein.

Evelyn Grill, selbst Juristin, stammt aus der Gegend um Steyr und läßt ihre Erzählung ebendort spielen: Das Lokalkolorit, die provinzbürgerliche Umgebung, die eheliche Enge und der Sohn namens Mandi, der heimwehgeplagt das Internat von Bad Aussee übersteht, spielen unübersehbar auf Marlen Haushofers Pionierarbeit an. Für die Prosaheldin von heute gibt es immerhin die Möglichkeit zu offener Gegenwehr und ökonomischer Selbständigkeit.

Grill spielt den durchaus banalen Modellfall mit spürbarem Vergnügen an der individuellen Beleuchtung und der sprachlichen Revanche durch. Obwohl lauter gar nicht komische Dinge geschehen, ist dies ein ausgesprochen komisches Buch. Der Redeschwall hat Verve, er geht wirklich ins Ohr, gerät nur selten ins Stocken. Die Energiequelle für diesen Erzählfluß ist die Satire, die Ich-Erzählerin ätzt gegen ihre (meist männlichen) Kontrahenten, dabei drückt sie sich nicht immer damenhaft aus. Ihre Selbstkritik ist allerdings ebenso streng, ihre Berichte über sexuelle Aktivitäten sind offenherzig, in ihrem Mut zum Lächerlichen erfrischend, also nicht illustriertentauglich; die körperlichen Phänomene des Alterns, auch die weniger salonfähigen wie Blasenprobleme, kommen ebenso zur Sprache - schließlich sagt sie es ja nur "ins Ohr". Man kann es nachfühlen: "Durch das Bereden bekommen selbst schreckliche Vorfälle eine lustvolle Komponente."

Tatsächlich stirbt ihre jugendliche Mutter plötzlich, und der Ton wird glaubwürdig ganz ernst und zart. Dann findet Elfriede sich zwischen zwei Männern wieder, der eine, Wolfram, der Liebhaber par excellence, wohnt gottlob in St. Pölten, und obwohl sie ihm regelrecht verfallen ist, weiß sie die Distanz zu schätzen. Der andere, Theodor, ein pedantischer, pädagogisch übermotivierter Notar mit weniger Sexappeal, nistet sich bei ihr zu Hause ein, "saß in seinem pavianarschfarbigen (lila, orange und grün) Trainingsanzug auf meiner Couch vor meinem Fernseher, setzte sich an den gedeckten Tisch wie ein Ehemann und begann mich ebenso wie ein Ehemann auch zu tadeln." Weil da die Wahl schwerfällt, beschließt die Erzählerin, sich auf keinen von beiden festzulegen, was dadurch erleichtert wird, daß schließlich noch ein recht attraktiver Staatsanwalt die Szene betritt. Daß am Schluß die Spannung der Geschichte etwas nachläßt, liegt an Grills erzählerischer Redlichkeit: Sie beläßt die Situation der Protagonistin völlig offen, deutet Möglichkeiten an, aber kein Happy End.

Evelyn Grill, die in Deutschland lebt, wird hierzulande gröblich unterschätzt - ähnlich wie Christine Grän, mit der sie außerdem Intelligenz, Witz und Unverfrorenheit gemein hat. Aus Grills neuer Erzählung erfährt man immerhin auch, daß der Unterschied zwischen Steyr und New York gar nicht so groß ist. "Welchen Beruf, sag mir, soll ich mir für ein Techtelmechtel zulegen. Kindergärtnerin? Volksschullehrerin? Friseurin?" - Daß die Auskunft "Anwältin" auf flirtende Männer sehr abschreckend wirken kann, kommt uns doch aus "Sex and the City" bekannt vor.

 

Daniela Strigl
4. Juni 2003

Originalbeitrag

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