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Mario Schlembach: Dichtersgattin.

Leseprobe:

Jeden Abend sind wir ins Burgtheater gegangen, Hubert, um dich in meine Welt einzuführen, aber manchmal ist es mir vorgekommen, als würdest du nur ins Burgtheater gehen, um zu schlafen. Sobald du auf dem roten Samtsitz Platz genommen hast, bist du sofort eingeschlafen und ich musste dich alle zehn Minuten anstoßen. Hubert, was ich mich geniert habe wegen dir, und dann hast du auch noch zu schnarchen begonnen. So als hättest du es mir zu Fleiß gemacht, drang bei den ruhigsten Stellen im Stück dein Schnarchlärm aus dir heraus, der eine jede Szene der Stille zerstört hat. Es war nicht auszuhalten. Der Burgtheatersamtsessel, der eigentlich der unbequemste überhaupt ist, war der einzige Ort, wo du ohne Übergang gleich in die Tiefschlafphase gekommen bist. Manchmal hast du noch vor dem ersten Wort, sobald die Lichter ausgingen, in die Stille hineingeschnarcht. Wie viele Uraufführungen alleine mit einem Schnarchen begonnen haben, Hubert, kann ich gar nicht sagen.
Ich bin kein einziges Mal im Burgtheater eingenickt, nicht einmal bei einem Handke-Stück, weil ich mich stets akribisch vorbereitet habe. Ein Burgtheaterabend braucht Tage, je nach Stück sogar Wochen an Vorbereitung, in der ich alles lese. Die gezielte Lektüre ist das Wichtigste, Hubert. Gehe ich nicht ernsthaft ins Burgtheater, dann brauche ich erst gar nicht das Haus zu betreten, und das Geschehen auf der Bühne verkommt zur bloßen Unterhaltung. Aber leider war das Burgtheater auch davor nicht zu retten. So viele Stücke, die offensichtlich nur dazu gemacht wurden, um dem Herrn und der Frau Direktor irgendeiner Bank oder sonstiger Institutionen einen schönen Abend zu ermöglichen, damit ja das Geldbörserl weiterhin locker sitzen bleibt.
Ein Burgtheaterabend ist nicht nur das Stück, die Inszenierung selbst, sondern alles Drumherum. Das Kostüm, mit dem man ins Theater geht, ist zum Beispiel von zentraler Bedeutung, und natürlich auch die Frisur, Hubert. Wie viele Frauen ohne Theaterverstand habe ich erlebt, die mit einer Hochsteckfrisur im Parkett des Burgtheaters Platz genommen haben. In einer Loge lässt sich eine Hochsteckfrisur rechtfertigen, aber nicht im Parkett oder im Parterre. Furchtbar! Und die zehn oder zwanzig Menschen dahinter sehen statt Hamlet die Stecknadel der Frau Direktor. Es herrscht seit jeher ein Theaterungeist und sie laufen alle ohne Theaterbewusstsein zu jeder Vorstellung. Alleine die unerträglichen Parfums haben mich unzählige Theaterabende gekostet. Sie verpesten die gute, geistreiche Luft des Burgtheaters und benebeln mir alle Sinne. Wenn ich ein stinkendes Parfum, in meinem hochkonzentrierten Zustand, in dem ich das Burgtheater betrete, auch nur von zehn Metern Entfernung rieche, dann ist der Abend für mich ruiniert. Sie stellen sich zu Hause in eine Parfumwolke, in die sie aus Gewohnheit eintauchen, und begreifen nicht, wie sie damit ihre ganze Umwelt verpesten. Diese Gerüche im Theater sind furchtbar und potenzieren sich ins Unerträgliche, wenn Dorfpomeranzen das Haus betreten, die vielleicht alle zehn Jahre einmal ins Burgtheater gehen, alle paar Jahre überhaupt einmal aus ihrem Dorf herauskommen und sich in den wirklich billigen Parfums aus dem Supermarkt baden, weil sie glauben, in der großen Stadt muss man riechen, und versuchen damit von ihrem Gestank abzulenken, der sich bereits so in alle ihre Poren gefressen hat, dass im kleinsten Schweißausbruch das Burgtheater wie ein Schweinestall zu stinken beginnt.

(S. 45-47)

© 2017 Otto Müller Verlag, Salzburg

 

 

 

 

 

 

 

 

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