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Radek Knapp: Der Mann, der Luft zum Frühstück aß.

Leseprobe:

 

Ich kann unmöglich sagen, warum bei Ihnen die Dinge aus dem Lot geraten sind, aber bei diesem Walerian weiß ich es genau. Er lebte zuerst in einem ruhigen Städtchen in Polen mit seinen Großeltern. Haben Sie mal ein Märchen von den Brüdern Grimm gelesen? So war es dort. Die Leute hatten es nie eilig, und der Ort war so klein, dass man dort nur zu Fuß ging. Aber dann wurde er ohne Vorwarnung von seiner kindischen Mutter nach Wien entführt, und alles brach zusammen. Die Sprache war fremd und rau, die Leute hatten keine Seele, und er musste in Lichtgeschwindigkeit erwachsen werden. Aber das größte Problem war die Sehnsucht nach seinen Großeltern und dem Garten in dem kleinen Ort, in dem er aufgewachsen war. Er hatte nie vorher oder nachher einen derart bohrenden Schmerz erlebt. Das allein hätte schon ein Dutzend Männer unter die Erde gebracht, und bei Walerian war es nicht anders. Daher hatte er immer mehr das Gefühl, dass alles um ihn herum sich in Luft verwandelte. Die Leute auf der Straße wurden von Tag zu Tag durchsichtiger, die Gegenstände wurden immer leichter, und zu alldem ertappte er sich immer öfter dabei, dass er beim Frühstück statt Müsli nur noch Luft aus dem Teller löffelte. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er massive Selbstmordgedanken bekam.

(S. 113)

© 2017, Deuticke Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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