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Elfriede Kern: Das Nesselhemd.

Leseprobe:

In deinem Bettchen schlafen, von deinem Tellerchen essen, aus deinem Becherchen trinken, hat Sam gesagt und mir einen durchtriebenen Blick zugeworfen, habe ich geschrieben und den Stift ein wenig fester aufgedrückt. Nesselhemd, schwarzer Rabe, langes Warten, Moritz von Schwind, hat er gesagt und mir in großformatigen Büchern befremdliche Abbildungen gezeigt. Eine Frau mit langen Haaren ist nähend in einem hohlen Baumstumpf gesessen, ich habe Sam angesehen, was hält sie in der Hand?, habe ich gefragt, eine Nadel, hat er gesagt. Siehst du, woran sie näht?, hat er gefragt, keine Ahnung, habe ich achselzuckend gesagt, an einem Nesselhemd, hat er gesagt, habe ich geschrieben. Ich habe den Stift weggelegt und eine Weile aus dem Fenster hinaus auf die sonnenbeschienene Lichtung geschaut. Ich habe mir gedacht, dass ich alles in allem Glück gehabt habe. Hier kann ich in Ruhe und völliger Abgeschiedenheit wieder zu Kräften kommen. Bis auf das ständige Schaben und Scharren an meiner Hauswand stört nichts die Idylle. Es ist aber bloß Ezra. Das bedauernswerte Geschöpf möchte, dass ich es hereinlasse und in meiner Nähe dulde, aber daraus wird nichts. Ich habe die beiden vor mir liegenden Schulhefte betrachtet, in Alices nur, was tatsächlich stattgefunden hat, in Sams alles, was sich vielleicht zutragen wird, habe ich mir gedacht und seufzen müssen. Jetzt führt er schon wieder etwas im Schilde, ich kenne die Anzeichen mittlerweile, habe ich in Alices Heft geschrieben und Sams hämischen Blick deutlich vor Augen gehabt. Empfiehlt er mir einen Tapetenwechsel, hat er bereits einen ausgeklügelten Plan. Wenn du mal ein wenig länger wegbliebest, wäre uns allen geholfen, sagt er, habe ich geschrieben, und dass er sich in meiner Abwesenheit um alles kümmern will, um das Haus, den Garten, um alles. Aber so schnell lasse ich mich nicht überreden, habe ich geschrieben und beschrieben, wie ich ihn noch eine ganze Weile zappeln habe lassen. Dann, plötzlich, ohne äußeren Anlass, bin ich seinem Plan doch nähergetreten. Er hat vor Freu- de die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und sogleich angekündigt, eine detaillierte Reiseroute für mich erstellen zu wollen. Meine Einwände hat er mit einer Handbewegung beiseitegeschoben. Wir sollten alles so schnell wie möglich unter Dach und Fach bringen, hat er gesagt, habe ich geschrieben, die kalte Jahreszeit steht vor der Tür.

(S. 5f)

© 2017 Jung und Jung, Salzburg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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