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Lucia Leidenfrost: Mir ist die Zunge so schwer.

Leseprobe:

Das Kind steht auf der Brücke am Geländer. Noch ist es nicht so groß, dass es drüberschauen kann. Das Kind muss noch zwischen dem Geländer durchschauen und die Hände kann es noch nicht auf das Geländer stützen, sondern hält sich damit links und rechts an den Streben fest. Zwischen den Streben steckt es den Kopf durch.
Die Erwachsenen sprechen wieder über etwas, was Marianne nicht hören soll, sie glauben, dass das Kind von den vorbeifahrenden Zügen abgelenkt ist.
Immer sind es die gleichen Geschichten, die das Kind nicht hören soll, und Marianne macht brav mit, spielt das nichts ahnende, nicht lauschende Kind, weil sie Angst davor hat, die schrecklichen und erwachsenen Geschichten nicht mehr zu erfahren, wenn sie zeigt, dass sie sehr wohl hinhört.
So kann das Kind nicht fragen und auch nicht von der Angst erzählen, die es bekommt bei diesen Geschichten. Es sperrt die Ohren noch weiter auf und konzentriert sich auf das Geländer der Brücke. Die Züge fahren vorbei, von den Geschichten ungerührt, wie die Wörter der Erwachsenen ungerührt sind.
Der war einer von denen, sagt die Mutter. Der hat dort oben im Turm Wache gehalten nach seiner Verletzung an der Front, aber er war wenigstens einer von denen, die das Brot genommen und den Häftlingen gegeben haben.
Manchmal riech ich es, sagt die andere Frau, als würden sie heut noch verbrennen. Ich bild mir ein, sie gehen noch immer mit ihren Holzschuhen am Haus vorbei, klack, klack, klack. Einmal im Winter hat ein KZler seinen Holzschuh vor mir verloren. Darunter hat er nichts angehabt, keine Strümpfe. Ich wollt ihm den Schuh wiedergeben. Sie haben ihn einfach vor mir erschossen.
Bei uns haben sie die Blätter von den Obstbäumen gegessen, so hungrig waren sie, erzählt die Mutter. So reden die Erwachsenen und das Kind wünscht sich auch endlich erwachsen zu sein, dass es mithören und so wie die Erwachsenen reagieren darf. Sie stehen da, schauen ernst und wissen noch mehr als das, was gesagt wurde.
Was soll man machen, sagen sie, weitergelebt werden muss, sagen sie und: Jetzt geht es uns ja wieder besser. Das Kind würde gerne wissen, ob es KZs immer noch gibt, ob es noch immer so hungrige Menschen gibt, die Blätter von den Bäumen essen. Ob das satt macht?
Die Mutter liest dem Kind ein Märchen vor. Das Märchen heißt 'Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern'. Das Mädchen verkauft Streichhölzer, es gibt sein letztes Hemd an ein armes Kind und am Ende stirbt es. Es schläft ein, heißt es. Das Kind weiß, was die Erwachsenen meinen, wenn jemand einschläft. Bei anderen war das auch schon so, die sind erstickt und dann hört man nichts mehr von ihnen. Genauso ist das jetzt mit dem Mädchen, man hört nie mehr davon. Das Kind will wissen wie man stirbt, wenn man erfriert und die Mutter sagt: Man schläft ein. Das Kind sagt: Ja, aber erstickt man, weil es so kalt ist oder verblutet man, wie stirbt man denn?
Einschlafen tut man, sagt die Mutter. Da reißt die Marianne das Märchenbuch aus den Händen der Mutter und wirft es gegen die Wand: Wenn ihr mir nicht endlich die Wahrheit sagt, wie das mit dem Sterben ist, dann lest mir keine Märchen mehr vor, lest mir überhaupt nichts mehr vor und erzählt nicht die ganze Zeit diese Geschichten. Ich hasse eure KZs, schreit Marianne und läuft hinaus.
Am Abend legt sich die Mutter zu ihr und wartet, bis Marianne eingeschlafen ist. Ein paar Stunden später sitzt das Kind aufrecht und schreiend im Bett. Marianne steigt aus dem Bett und läuft mit ihren nackten Füßen ins Schlafzimmer der Eltern.
Vielleicht wegen dem Märchen, sagt die Mutter.
Ist auch kein Märchen für Kinder, sagt der Vater.
Ob's nicht doch was gehört hat, da auf der Brücke, was nichts für Kinder war? Die Eltern nehmen das Kind in die Mitte. Jetzt endlich traut es sich zu fragen, ob's noch Menschen gibt, die im KZ eingesperrt sind und verhungern müssen. Der Vater dreht die Frage ab mit einem: Hat's nie gegeben und was soll das denn sein, ein KZ? Er wartet keine Antwort ab, sondern dreht sich weg. Die Mutter seufzt, Marianne stellt sich schlafend. Was habt ihr denn geredet dort auf der Brücke?
Vom Verhungern war dort nicht die Rede. Was machen wir denn jetzt?
Das sind keine Sachen, die Kinder wissen sollten.
Dann ist es still im Schlafzimmer.

(S. 115-117)

© 2017 Kremayr & Scheriau, Wien

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