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Andreas Kurz: Der Blick von unten durch die Baumkrone in den Himmel.

Eine Umschreibung.
Graz: Literaturverlag Droschl, 2017.
261 S.; geb.; EUR 20.-.

ISBN 978-3-85420-986-7.

Autor

Leseprobe

Auf der Homepage des Autors Andreas Kurz ist unter der Rubrik "Kramuri (m./f./n.): Kram, Gerümpel" als erstes der kurze Film einer Fahrt durch chinesisches Hochland zu sehen. Fast eine Minute lang der Blick durch die Windschutzscheibe eines Autos auf die Straße, die dem Betrachter entgegenkommt, weit hinten schneebedecktes Gebirge, mal Büffel, dann eine große Schafherde am Straßenrand. Zwischendurch schwenkt die Kamera und undeutlich ist eine Person am Steuer, dann eine Frau mit einer Kappe zu erahnen. Gegen Ende dann ist die Kamera im Freien, auf einem Grat, schwenkt über einen buddhistischen Tempel, schneeige Hänge, die Sonne blendet, eine Frau läuft weiter hinten durchs Bild. Dazu Geigenmusik, Gegenlicht, dann ist der Clip vorüber.
Als ich nach der Lektüre von Kurz' Debütroman "Der Blick von unten durch die Baumkrone in den Himmel", im Untertitel "Eine Umschreibung" genannt, dieses einfache und doch poetische Video sah, war mir einen Moment lang, als sähe ich einen Teaser oder eine in eine andere Zeitzone verlegte Zusammenfassung des Buches als Film: Die Fahrt/Wanderung; eine Frau; wer schaut? Nur die historisch-politische Betrachtung der Umgebung respektive des Landes entfällt in dem Film. Das Video ist zwar in der Gerümpel-Abteilung gebloggt worden, Andreas Kurz ist neben seiner Lehrtätigkeit aber auch Regisseur und Filmemacher.
Eigentlich wollte ich die Besprechung dieses Buches, von dem nach Lektüre des Klappentextes vermutet werden kann, es sei ein Reisebuch, ein Wanderbericht Wien-Budapest, mit einem Hinweis auf Kamera- bzw. Schnittarbeit eröffnen (da wusste ich noch nicht, dass der Autor auch Filme macht), nämlich auf den Unterschied einer Kamerafahrt von A nach B zu einer Montage, bei der zuerst A und dann B zu sehen ist. Während man bei der Fahrt die Distanz, die zwischen A und B liegt, verdeutlicht, diese mitunter entfernter wirkt allein durch die Tatsache, dass sie gezeigt und zurückgelegt wird, verbirgt die Montage diese Entfernung. Genau dies ist das Prinzip des Romans, der Erzähler macht es am Anfang deutlich: "Von Wien nach Budapest. Nicht um Verbindungen herzustellen, sondern, im Gegenteil, um die beiden Städte zu trennen und mir die Entfernung anschaulich zu machen" (S.27). Ob ihm dies gelingt? In einzelnen Strängen bestimmt, aber was die eigene Existenz am Weg und in beiden Städten, als Österreicher und Bewohner Ungarns betrifft, erscheint es letztlich doch nicht möglich, wohl auch nicht sinnvoll.

Der Erzähler, ein Deutschlektor in Budapest, verbringt seine Ferien auf Wanderschaft, er bricht in Wien auf, seine aktuelle Heimatstadt ist sein Ziel. Er wandert nur anfangs und gegen Ende wieder an der Donau entlang. Vom Sehen und Gehen berichtet er, allerdings nicht in Reise- oder Wanderführermanier. Es sind kurze Ausschnitte, die wir erzählt/gezeigt bekommen, häufig werden ganze Abschnitte, aber vor allem die Abschlüsse kleiner Erlebnisse ausgespart, was aus Begegnungen und Unwägbarkeiten literarische Sequenzen werden lässt, die sich schließlich zu einer, ja vielleicht, Umschreibung des Wegs, der Strecke, der Wanderung fügen, die mehr ist als ein Bericht, nämlich Literatur.
Poetische Betrachtungen der Landschaft, Natur, Schönheiten (zu denen immer wieder Distanz aufgebaut wird, dann wieder Hingabe) werden in nüchternen Aufzählungen ("Obstgärten/Asphaltstraßen/Windrädern/Maisfeldern/Gartenzäunen/Eisenbahntrassen/Vogelgezwitscher/Morgenluft/Gehen also./Gehen und Gehen.", S.29) geliefert, in Satzkonstruktionen, die wie ein Wechselschritt im Gehen, ein Hopser mitten im Satz wirken: "Dort saß an einem Biertisch zwischen den Stellagen in dieser, vermutlich: Garage ein dunkelhaariger Mann und putzte Eierschwammerl.", S.37). Auch wird in einzelnen Episoden immer wieder die Chronologie des Erzählten durchbrochen, was einen überraschenden, erfrischenden Effekt hat, lässig und doch auch genau.
"Der Blick von unten…" erzählt die Beziehungsgeschichte von Irma und dem namenlosen Ich-Erzähler. Die beiden lernen einander im Zug kennen. Ein Leben in Subsistenz, Nachhaltigkeit, Selbständigkeit sind für die junge Frau existenzielles Thema, das der Erzähler mehr und mehr übernimmt, zu seinem werden lässt, indem er den gemeinsamen Garten bestellt, während sie für ein Auslandssemester in Irland ist. Dass die beiden kein Paar mehr sind, ist schnell klar und es wirkt wie eine (etwas zu konstruierte) Erscheinung, wenn eine Kurzzeitgefährtin auf der Wanderung den anagrammatischen Namen Mira trägt, um zu verdeutlichen, wie es sein hätte können, wenn es anders gelaufen wäre mit Irma. (Eleganter und glaubwürdiger wirkt dagegen später die Begegnung mit dem Vater einer Freundin, den er zusammen mit anderen am Balaton besucht: "Apa Imre", die respekteinflößende und kindsköpfige, auch ein wenig verlorene Vaterfigur – auch für den Erzähler.) Vor allem Bäume sind das Symbol für diese Liebschaft und das richtige Leben, im Text stehen sie für eine neue Wahrnehmung, sowohl was das große Ganze betrifft als auch den eigenen Standpunkt, die Position, die man selbst einnimmt. Anhand dieses Blickes – den der Erzähler, so scheint ihm – erst als 28-Jähriger von seiner Freundin Irma kennengelernt, erfahren hat – wird immer wieder gefragt, wozu Wahrnehmung imstande ist und wessen Blick es überhaupt ist, an den sich der Erzähler erinnert. Einesteils verschwimmen ihm immer wieder die Grenzen zwischen der ehemaligen Geliebten und sich selbst, andererseits blickt er Irma distanziert und geradezu fragmentierend an, wenn etwa seine Überraschung über ihren radikalen Kurzhaarschnitt und eine einzelne Bewegung ihn fragen lassen, wie er sie je schön finden konnte. Der Blick durch die Baumkrone ist auch immer wieder Indiz für die Unschärfen und Unsicherheiten – aber auch Freizügigkeit – der Erinnerung.

Der Erzähler wird bei den zahlreichen zufälligen Begegnungen unmittelbar als "Österreicher" identifiziert. Die Ungarn erkennen ihn am Akzent, anerkennen aber auch, dass er sich die Mühe macht, ihre Sprache zu erlernen.
Immer wieder referiert Andreas Kurz über die Geschichte Ungarns: Von den Ereignissen im Oktober 1956 über Stephan I. bis zum Pannonischen Frühstück im Jahr 1989, er stellt sehr grundsätzliche, wenn nicht sogar existenzielle Fragen das heutige Ungarn betreffend, wenn er attestiert, dass dieses Land nicht in der Trauer, sondern durch die Trauer Trost und Selbstgewissweit finden mag. Er setzt sich mit den (großteils erst kürzlich errichteten) Mahn- und Denkmälern auseinander, die sich ihm quasi in den Weg stellen und ihn ebenso befremden wie die uniformtragenden Männer in verschiedenen Konstellationen – dies alles führt schließlich zu einer Betrachtung der Schlägertruppen der Jobbik-Partei, die sich in Anlehnung an Revolutionskämper von 1848 benannt hatten und nach einem Verbot neu gründeten. Von wo der Erzähler (mittlerweile schon angekommen, die Wanderschaft-Existenz liegt hinter ihm, was wehmütig zu realisieren ist) auf die Wiener Ringstraße und die Auseinandersetzungen zwischen der Wiener Polizei und gegen faschistische Besucher des Akademikerballs Demonstrierende gelangt. Wenngleich mitunter ein wenig belehrend und mit kaum vermeidbaren Unschärfen behaftet, gelingt dem Erzähler hier, was er sich offenbar vornahm: Distanzen verdeutlichen, aber auch Verbindungen schaffen.

Zurück in der Wohnung, in einem seßhaften Leben, Begegnungen mit anderen Wandernden (sehr schön die Episode, wenn der Erzähler im städtischen Bus auf eine Frau trifft, mit ihr ein Bier am Kiosk trinkt, eine Weile durch die Straßen streift), mit beeindruckenden Beispielen, wie Wandern die eigene Zeitgenossenschaft aushebeln kann (Messner und Fuchs auf ihrer Südpolwanderung während die Berliner Mauer fiel und sich die Weltordnung vollkommen änderte), ist der allerletzte Blick in diesem bemerkenswert anderen Buch, das aufwühlt wider alle Erwartung, jener, der auf den Erzähler geworfen wird. Eine feine Irritation, die neugierig macht auf Weiteres.

Angelika Reitzer
12. Juni 2017

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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