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Timo Brandt: Enterhilfe fürs Universum.

Gedichte.
Dortmund: edition offenes feld, 2017.

Hardcover mit SU, 104 S., 16,50  €
ISBN 9783743192287.

Autor

Leseprobe

In seinem Debüt "Enterhilfe fürs Universum" tanzt der junge Lyriker Timo Brandt artistisch auf dem schmalen Grat der stimmungsvollen Romantik, äußerst selten droht ihm das sanfte Abrutschen in den Kitsch. Der vorliegende Band ist jedoch viel mehr als eine Gratwanderung. Es ist ein leidenschaftlicher Versuch einen Kosmos zu zeichnen, eine Hilfestellung und ein Angebot ihn zu ergründen.

Den Band eröffnet der Zyklus "Von den Wäldern", dem ein Zitat von Francis Ponge vorausgeht. "Immer wieder zurückkommen auf das Objekt selbst", heißt es darin. Immer wieder zurückkommen aus dem Außen, nah heran an kleinste Bestandteile. Alles wie eines, eines wie alles. Diese wechselnden Perspektiven sind eine bezeichnende Eigenschaft des Zyklus, wie auch des ganzen Werkes. So heißt es zum Beispiel im fünften Abschnitt: "Die Stille der Welt vor Bach. Die Stille der Welt vor den Bäumen. Die Stille der Welt vor Nadeln, Blättern, Laubgebläsen, und Steuerämtern und dem Archaeopteryx". Oder im "Seegedicht": "Wie seltsam kümmert sich das Wasser um alles und doch um nichts."

Obwohl Brandt durchwegs mit großen, absolut anmutenden Begriffen wie etwa "Welt", "Leben" und nicht zuletzt "Universum" jongliert, will "Enterhilfe fürs Universum" jedoch keine Deutungshoheit für sich beanspruchen. Wie ein roter Faden ziehen sich die raschen Wechsel vom Mikro- in den Makrokosmos durch den Band, die als gemeinsamen Nenner eine Sehnsucht nach dem allumfassenden Bild lediglich andeuten, sie nie konkret formulieren. Darauf aufmerksam machen unter anderem immer wieder geschickt platzierte Aphorismen, um Lesende an die Rolle der Enterhilfe zu erinnern, die keine Anleitung sein will: "Ich würde es gern schreiben wie es ist. Aber ich schreibe es immer so, wie es sich schreiben lässt".
An verschiedenen Stellen im Band schimmert diese sehr sympathische Zurückhaltung durch, die schlussendlich auf das Objekt selbst zurückführt: "Das Weltall ist schwarz, ich verbringe mich darin, äußere mich aber nicht dazu."

Die Sprache in "Enterhilfe fürs Universum" ist spielerisch und bildgewaltig, überschlägt sich, fängt sich wieder und ist stets sorgsam gewählt. Als Student am Institut für Sprachkunst der Universität für Angewandte Kunst scheint Brandt sehr gut aufgehoben. Zeitweise wird die Bildgewalt durch besetzte Eigennamen wie Facebook gebrochen, die zwar aus ästhetischer Sicht befremden, sich aber stimmig ins Gesamtkonzept des Werks einfügen. Ein Universum ohne Internet scheint nur noch schwer vorstellbar. Verweise auf meist verstorbene oder mythologische Persönlichkeiten liefern Bodenhaftung und bieten einen angenehmen und abwechslungsreichen Realitätsbezug, droht sich der Band doch streckenweise in der eigenen Vielschichtigkeit zu verlieren. Gleich mehrere Gedichte widmet der Autor Persönlichkeiten wie Lou Reed, eine elegische Variation gilt Lars Gustafsson, in einem Gedicht lässt Brandt die Seele Anne Sextons den im Gras liegenden Prometheus heimsuchen. Letzteres sticht nebenbei ganz besonders aus dem Band heraus.

Es ist ein sehr schön konzipierter Band, den Timo Brandt vorlegt, der viel will und sich dabei doch nicht übernimmt. Ein bunter Kosmos, der mit viel Hingabe und Leidenschaft erschaffen wurde, um menschliche Wahrnehmung und Empfindung auf die Welt, auf alles Große und das Kleinste zu richten. Hinter allem steht trotzdem das Eingeständnis, dass es als Individuum nicht möglich ist das Universum zu entern, dass der Band ein Versuch, eine Annäherung ist.
"Enterhilfe fürs Universum" ist ein Werk, das hervorhebt, wozu Dichtung fähig ist in einer Welt, die stärker denn je in Vollkommenheit denkt und sich ungern mit weniger zufriedengibt.

Julius Handl
16. Juni 2017

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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