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Rosemarie Poiarkov: Aussichten sind überschätzt.

Roman.
Salzburg, Wien: Residenz Verlag, 2017.
272 Seiten; Hardcover; EUR 22,00.
ISBN: 9783701716777.

Autorin

Leseprobe

Die Liebe zu einem Tonarchivar bildet den Auftakt. Für ihn kauft Luise in Mexiko eine Walze aus Wachs, auf der Tonaufnahmen aus dem Jahr 1903 gespeichert sind. Der Wunsch zu entschlüsseln, was da gesagt wird, führt die Figuren des Romans zusammen: Alle lauschen konzentriert. Wieder und wieder wird die kurze Tonspur – in ein digitales File verwandelt – abgespielt. Das Lachen, in das die Aufnahme mündet, ist ansteckend. Wer lacht so? "Es spricht das Luberl. Praterstraße 64", steht auf dem Karton. Luberl ist eine Frau, glaubt Luise. Was aber sagt sie? Was bringt sie zu diesem unwiderstehlichen Lachen?
Die Sprache und ihre Doppelfunktion: verständlich machen und verhüllen stellt sich als eigentliche Protagonistin des Romans heraus. Während Luises Freunde und Verwandte versuchen, der Erosion der vor hundert Jahren gesagten Sätze durch genaues Hinhören entgegen zu wirken, erlebt sie als Lehrerin für Deutsch-als-Fremdsprache, wie hinderlich Sprache für die Verständigung zwischen sich im selben Raum befindlichen Menschen sein kann.

Mehr als die Lernschwierigkeiten ihrer Schüler beschäftigen sie die Kommunikationsschwierigkeiten unter den Mitarbeitern der Sprachschule, für die sie arbeitet – und die zwischen den Mitarbeitern und den Chefs. Wie viel Prekariat will sie sich zumuten, wenn sie sich dafür ihre Arbeitszeit frei einteilen kann? Welche beruflichen Möglichkeiten gibt es für eine Germanistin mit abgeschlossenem Studium? Supermarktverkäuferin? Luise unterrichtet gerne, zugleich fühlt sie sich ausgenützt, ohne direkt angeben zu können von wem. Ausgerechnet die schlecht bezahlten Unterrichtsstunden schaffen Raum für eine Utopie:
"Im Deutschkurs, wenn bis zu 15 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten in einem Raum saßen, passierte oft, worüber draußen auf der Straße, in Gaststuben, Büros, auf Symposien, im Parlament nur diskutiert wurde. Die einen unterstützten die anderen, Freundschaften zwischen Angehörigen verfeindeter Staaten wurden geschlossen; Reich oder Arm, Gebildet oder Ungebildet hob sich in diesen Stunden auf. Manchmal standen mir Tränen in den Augen, weil ich mich fragte, warum im Klassenraum möglich war, was draußen in der Welt undenkbar zu sein schien."

Rosemarie Poiarkov hat ein feines Gehör. Sie versteht es, den Lesern ihre Ohren anzuspitzen. Und sie weiß ihre Erzählung geschickt mit Dialogen voranzutreiben, die einem die Beteiligten sehr nahe bringen: Emil, der Archivar, der Töne umso anziehender findet, je schwerer sie sich aufnehmen lassen, Luises Freundin Julia, deren Sohn Felix, die Mütter der beiden Freundinnen, Luises Vater Josef Grasl, der ehemalige Schulkollege Milan, der seit einem Hochzeitsfest in Novi Sad in Zorica verliebt ist, die er dort kennengelernt, seither aber nicht mehr wiedergesehen hat. Jede einzelne Stimme liegt der Autorin am Herzen, dadurch gelingt es ihr, sie auch der Leserin, dem Leser ans Herz zu legen.
Milan, der zurückhaltende Counterpart Luises, darf sich – im Gegensatz zu ihr – Schwärmerei und Romantik erlauben. Als zeitloser Don Quichotte, der das Schöne will, nämlich Zorica, kommt er immer wieder zwischen die Fronten seiner eigenen Gedanken. Bis auch er an der Reihe ist, der Walze zuzuhören.

Die Treffen zum gemeinsamen Lauschen nehmen dem Alltag unversehens die Brisanz, die er gerade aufgrund seiner Alltäglichkeit für diejenigen hat, die ihn leben. Eltern sterben, Kinder gehen zur Schule, an der Straßenecke sitzt eine Frau mit bloßen Brüsten – wie viel Freiraum zur Gestaltung ihres Lebens kann sich eine 39-Jährige von heute nehmen? "Julia hat mir erzählt, sie schmeiße hin und wieder Geschirr an die Wand, wenn sie ihre Wut nicht mehr ertrage. Ganz alleine mache sie das. Dann kehre sie die Scherben zusammen und sei wieder gelassen."
Das seelische Gleichgewicht bewahrend
bedeutet das Wort "gelassen" laut Duden. Ein Aufruf zur Gelassenheit ist der Roman nicht. Aber, und das macht ihn für mich zur Rarität, er ist geduldig und macht geduldig. Wo Reden nicht hilft, tut vielleicht der Schweiß das seine.
Auch das ist heutiges Leben hierzulande: langsam durch die Hitze radeln, dabei überlegen, welche Flüssigkeit einem die Beine hinunterrinnt.

Andrea Grill
20. Juni 2017

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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