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Leseprobe: Thomas Glavinic - "Wie man leben soll."

Früher hat man ungern geduscht. Den Anblick findet man nicht sehr einnehmend, denn um die Hüften schwabbelt es. Außerdem ist man träge. Doch seit man zu zweit Blümchen pflückt und Sonnenuntergänge bewundert, stellt man sich bei jeder Gelegenheit unter die Brause. In Ovids Ars amandi hat man gelesen, es sei ratsam, die Geliebte nicht mit der Ziege Gemahl zu belästigen, womit der Bocksgeruch unter der Achsel gemeint ist. Während man sich Duschgel auf die Haut schmiert, schmettert man Jumping Jack Flash. Den Originaltext, den man nicht auswendig weiß, ersetzt man wie üblich durch spontane Interpretation. Man ist überzeugt, eine schöne Stimme zu haben und alle Töne zu treffen. Dennoch protestiert Mutter durch Schreie und Schläge gegen die Tür. Man stöhnt auf und verstummt, um kurz darauf wenigstens die Melodie weiterzusummen.
Da die Mutter faul und dem Alkohol ergeben ist, was neben ihrem Hang zur Promiskuität den Vater bewogen hat, das Weite zu suchen, steht auf dem Frühstückstisch nur ein Aschenbecher, aus dem es qualmt. Sie hat vergessen einzukaufen. Oder einen selbst zum Einkaufen zu schicken. Nun redet sie sich heraus, man sei ohnehin schon zu dick und zu pickelig. Je weniger man esse, desto schöner werde die Haut.
Wenn man verliebt ist, sind derartige Pannen, die andernfalls gleich am Morgen zu einer gehässigen Auseinandersetzung geführt hätten, nicht der Rede wert. Ohne Groll gießt man heißes Wasser in den Kaffeefilter vom Vortag.
Wie jeden Morgen legt Mutter einen Geldschein auf den Tisch. Zu kochen hat sie keine Lust. Deshalb ißt man seit Monaten auswärts. An sich würde einen das nicht stören, kocht Mutter schließlich nicht gerade exzeptionell, doch auch die Küche in den umliegenden Gasthäusern verbessert den Ruf des Viertels nicht. Wortlos schiebt man den Schein in die Hosentasche.
Da noch Zeit bleibt, kehrt man in sein Zimmer zurück, dreht den Schlüssel um, legt sich aufs Bett und setzt Kopfhörer auf. Gewöhnlich hört man Hard Rock. An diesem Morgen jedoch gleitet man zu John Lennons Woman in einen jener Tagträume, denen man sich gern hingibt.
Man stellt sich vor, man ist stark, schön und besitzt ein Motorrad. Damit fährt man vor der Schule vor. Alle starren einen bewundernd an. Natürlich trägt man keinen Helm, und an den Oberarmen ist man tätowiert. Lässig steigt man ab. Claudia läuft herbei. Man umarmt und küßt sie. Alle schauen zu. Das Motorrad ist eine Riesenmaschine, wie man sie aus Hippiefilmen kennt. Claudia nimmt auf dem Sozius Platz, man dreht eine Runde, verfolgt von den neidischen Blicken sämtlicher Mädchen der Schule.
Erst wenn die Tür aufgebrochen wird und Mutter gestikulierend im Zimmer steht, merkt man, daß man den Stecker des Kopfhörers falsch angesteckt und somit auch das ganze Haus mit betäubender Lautstärke beschallt hat. Mit einem Hieb schaltet sie die Stereoanlage aus. Einen Blick auf die aus den Angeln gerissene Tür werfend, drückt man sich an Mutter vorbei. Man beeilt sich, zum Bus zu kommen. In der Schule wartet Claudia.

(S. 10f.)

© 2004, Deutscher Taschenbuch Verlag, München.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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