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Patricia Brooks: Der Flügelschlag einer Möwe.

Leseproben:

Tatiana greift nach ihrer Handtasche, die sie neben dem Stuhl am Boden abgestellt hat, legt sie auf ihren Schoß und überlegt einen Augenblick. "Wissen Sie" sagt sie dann, "das, was mir wirklich zu schaffen macht, ist, dass ein zufälliges Ereignis, nämlich die Tatsache, dass ich an diesem Abend im Juli 1980 am Heimweg ausgerechnet zu dem Zeitpunkt an der Tankstelle vorbeigegangen bin, als ein Mann einen anderen umgebracht hat, alles verändert hat. Wir konnten nicht mehr das Leben leben, das wir gelebt hätten, wäre ich an diesem Abend eine Stunde früher nach Hause gegangen. Oder eine Stunde später. So viele Dinge wären anders gewesen, hätten einen anderen Verlauf genommen. Ich hätte in Wien studiert, wäre mit Stefan zusammengeblieben, Charlotte hätte kein Kind von ihm bekommen, Fred und Isabel wären einander wahrscheinlich nicht so nahe gekommen, und wer weiß, was sonst noch alles anders gewesen wäre. Ein paar Minuten, die so viele Lebensverläufe abgezweigt und in eine andere Bahn gedrängt haben. Das ist es, womit ich mich so schwer abfinden kann.

(S. 198)

Katrin beschleunigt wieder das Tempo beim Laufen. Der Sommer damals, sie braucht nur einen Augenblick lang an diesen Sommer zu denken, und er kommt zurück. Wie ein Flashback. Sie spürt ihn, riecht die Hitze, die aus der Erde steigt, das Meer und Isabels Opium-Parfum, das sie sich auslieh und später in Wien auch gekauft hat. Sie erinnert sich an die Verliebtheit, die Sehnsucht nach Giovanni, die alles andere rund um sie in einem Dunstschleier verschwinden ließ, selbst das Drama, als Tati den vermeintlichen Mord beobachtet hatte.
Als sie beim Radio anfing, spielte sie mit dem Gedanken, daraus eine kleine Geschichte zu machen. Eine junge Frau, die Zeugin einer Auseinandersetzung wird, ein Täter, der flüchtet, eine Leiche, die verschwunden ist, sobald die Frau mit der Polizei an den Tatort zurückkehrt, die Polizei, die nicht daran glaubt, dass es überhaupt eine Leiche gegeben hat, bloß einen heftigen Streit, der in ein Handgemenge ausartete. Sie stellte ein paar Recherchen in Italien an. Aber viel war dabei nicht herauszufinden gewesen. Genau genommen brachte sie bei der Polizei nur in Erfahrung, dass zum fraglichen Zeitpunkt und in einem angemessenen Zeitrahmen danach zwischen Triest und Venedig keine männliche Leiche gefunden und keine männliche Person als vermisst gemeldet worden war. Es deutete alles darauf hin, dass Tati sich möglicherweise doch geirrt hatte. Katrin hätte nicht sagen können, was ihr perfider vorkam. Eine Leiche oder keine Leiche. Tatis Leben hatte nach diesem Ereignis eine andere Wendung genommen, vielleicht sogar auch ihr eigenes. Nachdem die Hälfte der Freunde vorzeitig abgereist war, hatte Katrin die verbleibenden Tage mit Giovanni verbracht, hatte noch eine weitere Woche drangehängt und war mit ihm nach Venedig und Pisa gefahren.
Der Flügelschlag einer Möwe fällt Katrin ein. Auch darüber hat sie einmal ein Feature gemacht, über den Meteorologen Edward Lorenz, der in den sechziger Jahren durch Computerberechnungen herausgefunden hat, dass der Flügelschlag einer Möwe, oder, wie er später sagte, eines Schmetterlings, am anderen Ende der Welt einen Tornado auslösen, ja sogar den Verlauf des Wetters für immer ändern kann. Dieser Gedanke ist igendwie unheimlich, findet Katrin.

(S. 262f)

© 2107 Verlag Wortreich, Wien

 

 

 

 



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