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Irene Diwiak: Liebwies.

Roman.
Wien: Deuticke im Paul Zsolnay Verlag.
335 Seiten; geb.; Euro 22,-.
ISBN 978-3-552-06347-1.

Autorin

Leseprobe

Schönheit kann sich in vielerlei Gestalt zeigen – oder verstecken: Sie umhüllt vorübergehend so manches Gesicht und manchen Körper und versteckt sich in der Stimme eines unscheinbaren Mädchens, das gleichermaßen von innen zu leuchten beginnt, wenn es singt. Sie tritt zu Tage, wenn sich jemand für etwas begeistern kann, und sie liegt nicht selten ganz im Auge des Betrachters oder der Bewunderin. Es soll auch vorkommen, dass sie in anderen nichts als Neid und Hass weckt. Und das verheißt in der Regel nichts Gutes. Irene Diwiak hat mit "Liebwies" einen Roman über die Schönheit geschrieben, und zwar einen richtig schön boshaften.

In Liebwies, einem kleinen Dorf in der Zwischenkriegszeit, wohnt Gisela Liebwies, ein junges Mädchen, ebenso hübsch wie naiv. Beides wird sie nicht auf Dauer bleiben. In Liebwies, einem abgelegenen Nest, findet ein kriegsversehrter Gymnasiallehrer eine neue Stelle in der örtlichen Volksschule und an der Kirchenorgel. In Liebwies, einem Kaff, in dem die Zeit stehen geblieben ist, nimmt die Geschichte ihren Anfang. Der Ort ist wie ein Symbol der Unschuld, für immer verloren, wenn man oder frau sich ins Leben stürzt.

Im Leben ist schnell nichts mehr ganz so, wie es scheint. Ein Möchtegern-Komponist und Wagner-Fan stiehlt seiner Frau die Komposition und wird damit berühmt. Ein Mäzen fördert Gisela Liebwies nicht wegen der Schönheit ihrer Stimme (sie kann gar nicht wirklich singen), sondern wegen der Schönheit ihres Körpers – und weil sie ihn an seine verstorbene Frau erinnert. Ihre Schwester mit der schönen Stimme und dem unscheinbaren Äußeren bleibt im Dorf und wird vergessen. Ebenso wie die von ihrem Mann beklaute Ida Padinsky, die heimlich komponiert, weil sie es nicht lassen kann, weil sie ihr Leben der Musik gewidmet hat, und manchmal auch der Liebe zu einer Frau. Gisela Liebwies, die junge Sängerin, ist derweil verliebt in sich selbst und ihren Anblick im Spiegel, ebenso wie der falsche Komponist in seinen echten Ruhm.

Gnadenlos unbeteiligt schildert eine anonyme auktoriale Erzählstimme die Eifersucht der Eitlen und Skrupellosen auf das Glück, das im Verborgenen blüht. Es passt gut dazu, dass sich im Hintergrund das Dritte Reich etabliert. Irene Diwiak skizziert treffend die Schwächen ihrer Figuren, schält diese mit der Präzision eines Seziermessers aus den Rollen, in denen sie sich zu verbergen versuchen und gönnt ihnen zwischendurch aber doch immer wieder auch ein bisschen ganz echtes, ernst gemeintes Glück – das aber nie von Dauer ist, vielleicht weil sowieso alles im Leben einmal enden muss. Und das Leben verfährt recht schonungslos mit den Figuren und hält die eine oder andere unangenehme Überraschung bereit.

Der Roman ist gekonnt und nachgerade "klassisch" erzählt, mit jedem neuen Teilstück wird aus leicht verschobener Perspektive weitergemacht, die Roman-Perspektiven schieben sich übereinander zu einem plastischen Ganzen. Die achselzuckende Ironie, mit der die bessere (und weniger gute) Gesellschaft der Zwischenkriegszeit geschildert wird, erinnert dabei ansatzweise an Downton Abbey, die bissige Genauigkeit der Formulierungen an Heimito von Doderer. Und das ist – aus Leser*innen-Perspektive – eine äußerst vergnügliche Kombination.

Sabine Dengscherz
27. Juli 2017

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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