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Irene Diwiak: Liebwies.

Leseprobe:

 

Die wahre Geschichte beginnt nämlich nicht mit der zauberhaften Gisela und auch nicht mit der langweiligen Ida. Die Geschichte beginnt mit einem alten Lehrer namens Walther Köck, der im großen Krieg nicht nur den letzten Batzen Patriotismus, sondern auch die linke Hälfte seiner Nase verloren hatte, alles und jeden hasste und in das kleine Dorf Liebwies kam, um dort an der Volksschule zu unterrichten. Das war ein katastrophaler Abstieg für einen, der einst an einem privaten Bubengymnasium in der Großstadt Musik unterrichtet hatte, und es wäre auch für weniger feine Herrschaften ein katastrophaler Abstieg gewesen.

Welcher Teufel Köck geritten hatte, als er sich ausgerechnet nach Liebwies und somit zu Gisela verirrte, muss derselbe Teufel gewesen sein, der auch die Zügel in seinen Klauen gehalten hatte, als Köck sich als Freiwilliger zum Armeedienst meldete. Er hatte niemals zuvor patriotische Gefühle gehegt, aber als der Krieg nun einmal da war, hatte er gerufen: "Unsere Zeit erfordert Enthusiasmus und Einigkeit zu unserer Errettung!"Damit könnte er recht gehabt haben oder auch nicht, in jedem Fall konnte er die Zeit trotz seinem tapfer durchgestandenen Kriegsdienst nicht vor Veränderungen bewahren.Köck war aus dem Krieg heimgekehrt, als er schon als hoffnungslos verschollen gegolten hatte. Seine Ankunft war eine unangenehme Überraschung für alle Beteiligten: Seine Frau hatte sich bereits um Ersatz gekümmert (einen jungen Offizier, dessen Nase unverschämt ganz geblieben war).Köcks Vorgesetzter, der Direktor des Bubengymnasiums, befand sich in der peinlichen Situation, umständlich erklären zu müssen, dass das Fach Musikerziehung ebenso wie der dazugehörige Lehrerposten gestrichen worden war. "Der finanzielle Engpass und Ihr angeblicher Tod haben sich da wunderbar getroffen, nun, nicht gar so wunderbar, da Sie ja noch leben …"Köck fühlte sich verraten.

(S. 11f)

© 2017 Deuticke Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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