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Verena Moritz: 1917. Österreichische Stimmen zur Russischen Revolution

Mit einem Beitrag von Wolfgang Maderthaner.
Salzburg, Wien: Residenz Verlag 2017.
288 S.; geb.; EUR 24,00.
ISBN 978-3-701-73408-5.

746 Treffer ergibt die Suche nach deutschsprachiger Forschungsliteratur zum Stichwort "Russische Revolution" im Katalog des Österreichischen Bibliothekenverbunds. Angesichts einer solch großen Anzahl an Arbeiten zu einem Thema erwartet man, in der Einleitung eines weiteren Beitrags zum betreffenden Bereich irgendwann auf den Topos der unüberblickbaren Masse an Forschungsliteratur zu treffen. Nicht so hier. Verena Moritz spricht unbeschwert von der "überaus umtriebigen Russland-Forschung der vergangenen Jahre", ohne zu spezifizieren, ob sie damit die deutschsprachige, die in ihren Augen relevante oder gar die internationale "Russland-Forschung" meint. Zugleich gibt sie in der zweiten Fußnote des Buches konkrete bibliographische Hinweise auf zwei Beiträge, die "die diesbezüglichen Forschungen" zusammenfassen würden (einer der beiden Beiträge stammt von ihr). Leider wird nicht klar, was mit "diesbezüglich" gemeint ist, das Fußnotenzeichen ist vor den Doppelpunkt in folgendem Satz platziert: "Ungeachtet der Frage, wie man sich zu den Ereignissen des Jahres 1917 in Russland stellt oder sie bewertet, dürfte eines wohl außer Streit stehen: Die Russische Revolution ist in globalen Maßstäben zu denken." Meint das nun die Forschungsliteratur zu den "Ereignissen des Jahres 1917 in Russland" oder auf die notwendige, angeblich außer Streit stehende globale Perspektive? Und wie können diese zwei Beiträge die weltweite Forschung ("global") zu einem so großen Thema "zusammenfassen"?

Das ist nur ein Beispiel der Ungenauigkeiten in den einleitenden Kapiteln. Es fehlt an einer einleitenden Klärung, welchen Revolutionsbegriff Moritz anwenden möchte, sie erklärt dem mit historiograpischen Diskursen nicht vertrauten Leser nicht, was unter "Autokratie" im Zusammenhang mit der Russischen Revolution verstanden werden soll, der Begriff "Umsturz" wird unkommentiert (synonym mit ,Revolution‘?) verwendet. Hinzu kommt die wenig noble Geste von Verena Moritz, ihre eigenen Beiträge in der "Auswahlbibliographie" unverhältnismäßig auszubreiten, neben ihren 13 Beiträgen kommen von international renommierten Russisten und Historikern meist nur ein, zwei Einträge zu stehen.

Die Ungenauigkeiten sind offensichtlich Grundlegendem geschuldet: Zum einen will Moritz nicht wissenschaftlich trocken sein, keinen langweiligen Forschungsbericht abliefern und sich nicht mit szientifischen Definitionsfechtereien aufhalten. Das ist ein legitimer Ansatz, aber ohne eine genau und konzis ausgearbeitete, auf der Forschung beruhende Basis, gerade im Begrifflichen, von der aus man dann "Lockerheit" walten lassen kann, kommt man auch im seriösen populären Sachbuch nicht aus, das zeigen uns etwa die von Moritz ebenfalls herangezogenen Angloamerikaner. Zum anderen scheint das Buchkonzept der Exaktheit nicht zuträglich zu sein, die Publikation ist ein Hybrid, eine Mischung: Das beginnt beim Titel, der mit "Stimmen" eine – in diesem Fall – schwammige Metapher heranzieht, die auf die große Bandbreite der von Moritz herangezogenen historischen Quellen anwendbar sein soll. Wobei "herangezogen" nur zum Teil richtig ist, denn im Zentrum des Buches stehen die Stimmen selbst, auf hundert Seiten werden Dokumente diplomatischer oder militärischer Quellen, vornehmlich aus dem Staatsarchiv, wiedergegeben, ergänzt durch Ausschnitte aus Kriegstagebüchern und Zeitungsberichten.

Aber Verena Moritz ist am Cover nicht als Herausgeberin tituliert. Das liegt daran, dass sie diesen dokumentarischen Kern mit eigenen Ausführungen umrahmt – die genaue Rolle der Autorinherausgeberin bleibt also in einem Dazwischen. Dass das Hybride, die "Mischform aus Dokumenten und erläuterndem Text" zum Programm erhoben wird, macht die Unklarheiten nicht wett. Unklar bleibt nämlich auch die genaue Auswahl der zentralen "Dokumente". Ausschnitte aus Zeitzeugnissen wie Schilderungen von Kriegsgefangenen und Diplomatenpost, beides auf die Jahre 1917 und 1918 beschränkt, stehen im Mittelpunkt. Und darin findet sich viel Aufschlussreiches und höchst Interessantes zu den verschiedenen österreichischen Einschätzungen der verworrenen, sich täglich ändernden politischen Lage in Russland, zu den Österreichern in der Roten Garde und zu den Bedenken etwa der Heeresleitung gegenüber den Russlandheimkehrern, von denen sich viele "mit revolutionären Ideen vollgesogen" hätten. Verena Moritz mag sich aber nicht mit der Wiedergabe der bislang unveröffentlichten Dokumente aus dem Staatsarchiv begnügen, sie will eine "eigenständige ,Narration‘ des Dokumententeils" herstellen (warum "Narration" unter Anführungszeichen?), sie will also die aristotelische Trennung von Historiograph und Erzähler auflösen. Dazu scheint sie zeitgenössische Zeitungsberichte zu benötigen, die sie chronologisch zwischen die "Dokumente" einflicht. Aber auch hier gilt: Die Auswahl wird nicht kommentiert, die ideologisch entgegengesetzten Blätter "Arbeiter-Zeitung" und "Reichspost" stehen nebeneinander. Damit werden aber Augenzeugenberichte und diplomatische Einschätzungen mit journalistischer Meinung und Analyse vermengt.

Bedingt durch das Hybride der Publikation kann der Vorsatz, diese Epoche "lebendig werden zu lassen" (Klappentext), nicht gelingen. Es wäre zielführender gewesen, sich drei verschiedene Veröffentlichungen vorzunehmen: eine Präsentation und Kommentierung der unveröffentlichten Dokumente aus dem Staatsarchiv (ohne Presseberichte, mit Scans der Originale) auf einer Website; der Leiter des Staatsarchivs, Wolfgang Maderthaner, hätte seinen Aufsatz zu Otto Bauer und der Russischen Revolution eigenständig publizieren können, in diesem Buch wird er zum hineingepresst wirkenden Appendix, dann hätte Maderthaner mehr Raum gehabt und auch auf die Zusammenhänge zu Bauers großer Arbeit zur "Österreichischen Revolution" (1923) eingehen können; und schließlich hätte die Russland-Spezialistin Verena Moritz ein eigenes Buch zur Russischen Revolution und ihren Widerhall in der österreichisch-ungarischen Monarchie schreiben können. Das hat sie in Teilen hier ohnehin getan, und über weite Strecken auch in erzählerischer, nicht wissenschaftlich trockener Manier. Schade, dass man das Heil im Hybriden gesucht hat.

Wolfgang Straub
22. August 2017

 


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