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Jürgen Bauer: Ein guter Mensch.

Leseprobe:

 

"Beruhig dich", sagt Marko. "Wir haben sie nicht erwischt."
Um ihren Hals hat die Frau ein Tuch geschwungen, an den Füßen trägt sie Sandalen, ihre Unterschenkel hat sie zum Schutz vor der Sonne mit Erde eingerieben, wie die Obdachlosen im Park. Um ihren Oberkörper schlingt sich der Riemen einer Tasche. Marko schafft es nicht, sich aus dem Fahrersitz zu heben. Er drückt immer und immer wieder auf die Hupe, doch ohne Erfolg.
"Ich habe sie schon einmal gesehen", sagt Berger schließlich.
Marko zeigt auf die Gestalt auf der Straße, die noch immer regungslos verharrt: "Du kennst die Irre?"
"Sie steht manchmal bei den Durstigen im Stadtpark. Ich habe mal ein paar Worte mit ihr geredet."
"Was machst du bei den Durstigen?"
Langsam lehnt die Frau den Oberkörper nach vorne, doch bevor sie umkippt, reißt sie die Beine nach oben und springt ein paar Schritte auf den Tankwagen zu, fährt mit den Fingern über ihr Gesicht, schiebt die gelbliche Haut über der Stirn zusammen. Ihre Augen sitzen tief in den Höhlen, die Hände sind zerstochen. Mit einem Sprung steht sie vor dem Wagen und donnert mit beiden Händen auf die Motorhaube. Tok, tok, tok. Immer und immer wieder. Wie ein Beben spürt Marko die Schläge als Zittern in der ganzen Fahrerkabine. Ganz schön viel Kraft, denkt er.
Berger lässt das Funkgerät klicken, doch Marko nimmt es ihm sofort aus der Hand. In der Zentrale sitzt nur Kowalski, und es hat keinen Sinn, ausgerechnet Kowalski um Hilfe zu bitten. Der würde nur auf das Gaspedal drücken und losbrausen: Mission erfüllt.
"Dann eben keine Verstärkung", bafft Berger. "Aber irgendwie müssen wir sie wohl von der Straße kriegen. Komm, lass mich mit ihr reden."
"Spinnst du?" Marko hält Berger zurück, noch bevor dieser die Tür öffnen kann. "Mit Worten brauchst du so jemand erst gar nicht zu kommen." Ei n paar Mal steigt er auf das Gaspedal, ohne einen Gang einzulegen. Der Motor heult auf, doch die Frau lässt sich davon nicht beeindrucken.
"Funktioniert ja wunderbar", ätzt Berger.
Marko spürt Wut wie Magensäure in sich aufsteigen. Sie kriecht tief aus seinem Körper nach oben, durch die Speiseröhre bis in seinen Mund. Doch er schluckt sie einfach hinunter.
"Água", schreit die Frau schließlich, und noch einige anderer Wörter, doch Marko versteht nur dieses eine:Água. Natürlich will sie Wasser, was sonst? Ihre Stimme ist rau und brüchig, aber sie röhrt wie ein verletztes Tier.
Makro blickt sich um. Dürres Gestrüpp säumt die Straße, die sich Richtung Zentrale windet, weiter nichts. Keine Rückzugsmöglichkeiten. Nur freie Flächen, kilometerweit keine Häuser, in einiger Entfernung die ersten Überreste von Fabriken. Nirgends ein Hinweis auf Komplizen, keine Habseligkeiten, die auf eine Gruppe Durstiger hinweisen. Die Frau ist alleine. Dumm, denkt Marko. Sehr dumm. Alleine hast du keine Chance, alleine bist du verloren. Die Überfälle der letzten Monate wurden von Gruppen ausgeführt, mehrere Mann starken Verbänden. Sie hatten nur Erfolg, wenn sie organisiert vorgingen.
"Das ist doch lächerlich", sagt er. "Kompletter Wahnsinn."
"Sieht eher nach Verzweiflung aus", antwortet Berger.
Wie als Beweis dafür zieht die Frau mit einer schnellen Bewegung ein Messer aus der Gürtelschlaufe. Eine kleine Klinge, die im Licht glänzt. Marko zuckt mit seiner Hand nach oben, doch anstatt endlich auf die Motorhaube einzustechen. Das stumpfe Messer prallt auf das Metall. Es reicht, denkt Marko. Bis hierher und nicht weiter. Er öffnet das Sicherheitsschloss der Fahrertür, obwohl Berger ihn zurückhält, ihm das Funkgerät in die Hand drückt, doch für Verstärkung ist keine Zeit. Marko sieht auch keine Notwendigkeit dafür. Noch nicht. Während er aus der Kabine nach unten springt, zieht er seinen Taser aus der Seitentasche. Seine Füße wirbeln eine kleine Wolke Staub auf. Er hält den Taser nach oben, sodass er im Abendlicht wie ein Schmuckstück blitzt.
Zwing mich bloß nicht, das Ding zu benutzen.
"Blöde Idee", ruft er der Frau zu. "Can you hear me? Think twice." Er hält den Taser zwischen Daumen und Zeigefinger.
Die Frau zieht das Messer ganz nah an ihren Körper, macht keinen Schritt von Marko weg. Reglos steht sie vor ihm. Ein paar Kratzer, mehr Schaden hat das Messer nicht angerichtet. Die Klinge hätte auch den Wassertank niemals durchstoßen.
"This ends here and now, you understand?" sagt er mit Nachdruck.
Doch die Frau stammelt nur "Água."
"Ich kann dir nichts geben."
"One bottle. Nur eine Flasche."
"Keine Chance. No chance. Water is not for you."
Die Frau zieht eine zerquetschte Flasche hervor und hält sie Marko entgegen: "Obregado. Era só uma garrafa de água, se faz favor!"
Das bisschen Wasser, denkt Marko. Könnte im Tank verdunstet sein. Aber nicht so. Nicht für dich. Es gibt genug Menschen, die es ebenso dringend brauchen. Die es sich verdient haben. Denen ich jeden Tropfen gönne.
Die Frau wiegt den Kopf hin und her, reißt den Hals nach hinten und stößt einen Schrei aus. Im Augenwinkel sieht Marko wie Berger in der Fahrerkabine zusammenzuckt. Die Arme der Frau fliegen nach oben, sie verzieht den Mund zu einem Grinsen. Ihr ganzer Körper ruft: Na gut, dann eben anders, dann eben so. Blitzschnell reißt sie die Haut ihrer Unterarme mit dem Messer auf. Zuerst links, dann rechts. Die stumpfe Klinge schafft keinen klaren Schnitt, vom Handgelenk aufwärts bis zur Armbeuge hängt die Haut in Fetzen am Fleisch. Sofort schießt Blut aus den Venen. Dickes kirschrotes Blut.

(S. 30-34)

© 2017 Septime Verlag, Wien

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