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Leseprobe: Johannes Gelich - "Die Spur des Bibliothekars."

Vor der Reform war es in der Bücherei wie zu Hause bei den Tanten. Wenn ich am Vormittag kam, wartete Frau Pschibyll mit dem Kaffee auf mich. Nie gab es ein Wort, wenn ich zu spät kam. Wir waren wie eine Familie. Wenn ich nicht kam, rief Frau Pschibyll mich an und fragte, was mir fehle und ob sie vorbeikommen solle. Entschuldigungen waren ihr peinlich. Die Katalogisierung konnte warten. Es stellte sich nie die Frage, wozu wir arbeiteten. Wir waren an diesem Ort zusammengewürfelt und lebten wie in einem Dorf aus Büchern. Und wir kannten die Bücher, die wir archivierten. Wir kannten auch die Vorlieben untereinander. Diese Celan-Stelle für die Kollegin Oberascher. Dieses Conrad-Zitat für den Kollegen Cerny. Es ging eigentlich nicht um Bücher. Wenn man über einem Buch eingenickt war, wurde man in Ruhe gelassen. Man musste die Bücher ja auch verdauen. Frau Pschibyll hielt ihre Schar zusammen. Sie legte größten Wert auf Vollzähligkeit beim Nachmittagskaffee um halb vier. Man plauderte über Neuigkeiten. Wir mussten ihr berichten, was wir am Vortag gegessen hatten. Denn sie machte sich viele Gedanken über richtige Ernährung. Bei mir war sie besonders streng gewesen. Man sah mir schon damals an, dass ich gerne fett aß. Wenn ich kein Obst oder Gemüse gegessen hatte, erfand ich welches. Ich wollte sie nicht kränken. Dann klagte sie immer öfter über Kopfschmerzen. Es folgten Herr Seeger und die Wende. Herr Seeger war ein Herold der neuen Wenderegierung, die ein Jahr später dreißig Jahre sozialdemokratischer Hegemonie beendetet. Das war zur Jahrtausendwende. Seeger bemühte sich um eine Verwaltungsreform. Mein Leben veränderte sich schlagartig. Herr Seeger war jünger als ich. Und dynamisch. Sein Ehrgeiz galt der Digitalisierung. Er wollte Resultate sehen. Wer sein Quantum nicht erfüllte, musste länger bleiben - oder gehen. Die meisten warfen das Handtuch. Es war vorbei mit unserem Kleinod, das niemanden tangierte oder belästigte. Jemand wollte etwas werden. Ich hielt Herrn Seeger nicht den Steigbügel und erfand meine Krankheit immer neu. Der Darmverschluss war unberechenbar. Und irgendwann hatten sie es aufgegeben, mich offiziell hinauszuekeln. Die schrägen Blicke waren deprimierend genug. Dann versuchten sie es durch die Hintertür.
(S. 52 ff.)

© 2003, Otto Müller, Salzburg.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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