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Gertraud Klemm: Erbsenzählen.

Leseperobe:

 

Mein Krankenhausbesuch war nachmittags, ich hatte zwei Stunden bei Alfred eingeplant, nach dreißig Minuten wussten wir schon nicht mehr, was wir reden sollten. Wie fragil der menschliche Körper ist, so eine kleine Ader und so ein Riesentheater, und gleich so nahe am Tod. Da ging die Tür auf und Valerie kam herein, in einem edlen, schwarzen Wollmantel, der so sehr Alfreds Geschmack entspricht, dass ich augenblicklich wusste, Alfred hat ihn ihr gekauft. Er sah neu aus, ganz flauschig und weich, ich hätte ihn gerne berührt. Sie rauschte auf Alfreds Bett zu, der Duft nach Pfirsichshampoo hüllte uns alle drei ein. Sie war aufgebracht, besorgt, sie begrüßte mich nur mit einem angedeuteten Lächeln. Was der Arzt gesagt hätte. Wie dieser Wert und jener Wert aktuell stünden. Sie war viel besser informiert als ich, und Alfred ließ sich wieder ein bisschen in sein Kissen, in sein Leid zurücksinken, er suhlte sich in der Fürsorglichkeit, auf die er scheinbar gewartet hatte. Valerie exerzierte mir vor, wie das geht, das da sein. Man soll nicht einfach dasitzen und präsent sein, man muss empathisch sein, hineinkriechen in den anderen. Ich fürchte, das habe ich nie gelernt. Valerie und Alfred können das, sie sind eine Familie. Elies hat sie zur Familie gemacht, er hat sie so zusammengeschweißt, dass keine Scheidung, kein Vergehen, keine Verfehlung die beiden auseinander bringen kann. Nicht Alfreds zerstreuter Egoismus, seine Gedankenlosigkeiten, seine schwierigen Dienstpläne, nicht die Sache mit der Erbschaft, die er gemacht hat und in das Wochenendhaus investierte statt in eine größere Wohnung in Wien, und die Valerie offiziell als Scheidungsgrund artikuliert hat, nichts, was in der Zukunft passieren wird. Elias ist ihre gemeinsame Zukunft. Valerie berührte Alfred an der Schläfe, um eine Staubfluse zu entfernen, genau dort, wo ich ihn selbst so gerne berühre. Kein Haar passte zwischen die beiden, und schon gar keine Annika. Eine Welle der Enttäuschung brach über mich herein, ein zäher Strudel im Magen, etwas wurde abgesaugt, mir wurde flau. Ich stand auf, sie sahen mich jetzt beide an, erschrocken, aber verschworen, ich musste mich schnell verabschieden, Valerie drückte mir ihre samtige Wange auf, erst rechts, dann links, diese affige Begrüßungs- und Abschiedsküsserei, wie ich sie hasse. Ich muss, sagte ich, ohne Angabe von Gründen, so ist es am besten, dann küsste ich Alfred auf den Mund, vorsichtig und demonstrativ.

(S.93ff.)

© 2107 Literaturverlag Droschl, Graz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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