logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

   Netzwerk Literaturhaeuser

   arte Kulturpartner
   Incentives

   Bindewerk

kopfgrafik mitte

Elias Hirschl: Hundert schwarze Nähmaschinen.

Roman.
Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2017.
332 S.; gebunden; Euro 24.
ISBN: 978-3-99027-097-4.

Autor

Leseprobe

Präsentation im Literaturhaus am 22.09.17

Krankheit und Unglücksfälle, soziale, psychische und körperliche Devianz, Sucht, Kriminalität und Missbrauch jeder Art, Alter, Verfall und Tod: Mit diesen Lebenswirklichkeiten kommen junge österreichische Männer mit Matura und Studienambitionen oft das erste (und bisweilen auch das einzige) Mal im Zivildienst – beim Roten Kreuz, bei der Bewährungshilfe, im Pflegeheim, in Betreuungseinrichtungen für Drogenabhängige – in Berührung. Im Falle des namenlosen "Zivis", der Hauptfigur in Elias Hirschls Roman "Hundert schwarze Nähmaschinen", ist der Ort dieser Konfrontation mit den und dem Marginalisierten, an den Rand Gedrängten eine Wohngemeinschaft psychisch Erkrankter. Grundlage und zentrales Merkmal dieser Konfrontation ist die tägliche Auseinandersetzung mit dem in der WG omnipräsenten radikal Anderen der "Klientinnen" und "Klienten", mit ihrem sich über die Grenzen der Rationalität ganz selbstverständlich hinwegsetzenden Denken, das sich wiederum in gänzlich nonkonformes Sprechen und Tun übersetzt. Die dieser Auseinandersetzung – die auch ein beide Seiten betreffendes Ausgesetztsein mitumfasst – eingeschriebene Gefahr wird von Berni, einem der hartgesottenen Betreuenden in der WG, gleich zu Beginn des Buches – als Warnung, die fortan nicht nur den Zivi, sondern auch das Lesen begleitet – ausgesprochen: "Da kann man noch so oft behaupten, dass psychische Krankheiten nicht ansteckend sind – es stimmt einfach nicht." (14)

Von dieser Möglichkeit der Übertragung, der Identifikation, der Appropriation des psychisch Devianten und/oder Anderen ausgehend ist Hirschls Roman, im Unterschied etwa zur Antipsychiatriebewegung der 60er und 70er Jahre, weniger an der angeblichen oder tatsächlichen Ununterscheidbarkeit von Wahnsinn und Normalität interessiert als vielmehr an den Ursprüngen psychischer Erkrankungen. Der Zivi erfährt aus den Krankenakten die Lebensgeschichten der WG-Bewohner und -Bewohnerinnen und versucht, in fiktionalen Ätiologieerzählungen biographische Momente nachzuvollziehen, die den Ausbruch der jeweiligen Erkrankung bewirkt oder zumindest entscheidend dazu beigetragen haben. Diese aus Sicht des jeweiligen WG-Bewohners, der jeweiligen WG-Bewohnerin erzählten Biographiemomente, die als scheinbar retardierende Elemente in den Hauptplot – Arbeit und Leben des Zivis – montiert sind, zählen zu den intensivsten, eindrücklichsten Passagen des Romans. Die darin spürbar werdende Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit verdunkelt insbesondere die (scheinbare) Komik der – sehr überzeugend beschriebenen – Verhaltensweisen der WG-Bewohner und -Bewohnerinnen. Hinter geradezu anarchistisch anmutenden, grotesk-skurrilen Regelverstößen steckt, so scheint es, hohe individuelle Tragik.

Hirschl belässt es in "Hundert schwarze Nähmaschinen" aber nicht bei diesem auf eindeutigen Kausalitäten beruhenden Erklärungsmodell, das ja letztlich auch impliziert, dass es einen Grund – wenn nicht gar einen Sinn – hinter psychischen Erkrankungen gibt und vielleicht sogar Heilung möglich ist. So lässt er den Sozialbetreuer Berni, der die Aufzeichnungen des Zivis liest und aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen mit den Kranken eine gewisse (durch allerlei wirre alkoholbedingte Aussagen allerdings etwas in Frage gestellte) Autorität in Anspruch nehmen kann, eine gänzlich gegenteilige Position einnehmen: "Du lässt es so aussehen, als ob da Logik hinter den Krankheiten stecken würde. Dabei sind es einfach nur Krankheiten." (228) Und weiter: "Du kannst genauso gut ein Psychopath werden, wenn du eine sehr schöne Kindheit hattest." (229) Für Berni ist das Sichheranschreiben des Zivis an die psychisch Kranken der Versuch, das unabänderlich Irrationale zu rationalisieren, das rein Willkürliche in einen Sinnzusammenhang zu pressen.

Der Zivi ist nun im Hinblick auf die den Diskurshorizont des Romans bestimmenden Psychotheorien und -dynamiken keineswegs nur Chronist, sondern vielmehr Protagonist und (literarischer) Proband in einem. Die gesamte Ambivalenz von Kausalität und Zufälligkeit, von Begründung und Ergründung psychischer Erkrankungen verdichtet sich in ihm. Familiäre Herkunft (der Vater des Zivis ist Psychologe) wie die durch dauernde Psychospielchen zerbrechende Beziehung des Zivis bilden den Rahmen, der Zivildienst selbst das Zentrum der (im doppelten Sinne) Psychomotivik. Die Klientenerzählungen des Zivis sind als Spiegelbilder ihres fiktiven Autors lesbar, aus ihrer wird seine Geschichte und aus seiner Geschichte wiederum, auf einer anderen Erzählebene, der Roman. Dabei funktioniert "Hundert schwarze Nähmaschinen" als literarische Versuchsanordnung – was passiert mit einem intellektuell ambitionierten und sensiblen jungen Mann in einer psychosoziale Normsetzungen permanent unterlaufenden Umgebung – ebenso wie als Spekulation über das Wesen nicht nur psychischer Krankheiten, sondern des Psychischen selbst. Ohne schlichte Lösungsansätze zu bieten, verweist jenes fragile Netz aus Verweisen und Brüchen, Andeutungen und Zurücknahmen, das Elias Hirschls großartigen Roman ausmacht, dabei letztlich auch auf das in literarischen Verfahrensweisen liegende Potential, Erkenntnis als widersprüchlichen, unabschließbaren und dennoch oder gerade deswegen lohnenden Prozess zu zeigen und verstehbar zu machen.

Gerald Lind
31. August 2017

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Suche in den Webseiten  
Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Verleihung des Reinhard-Priessnitz-Preises an Hanno Millesi

Mo, 23.10.2017, 19.00 Uhr Preisverleihung & Lesung "Hanno Millesi ist Meister darin,...

Nahaufnahme Österreichische Autor/inn/en im Gespräch: Erwin Einzinger

Di, 24.10.2017, 19.00 Uhr Lesung & Gespräch Im Zentrum des Gesprächs mit Erwin Einzinger...

Ausstellung
Sabine Groschup – AUGEN SPRECHEN TRÄNEN REDEN* 101 Taschentücher der Tränen und ausgewählte Installationen *F. M. gewidmet

Mit AUGEN SPRECHEN TRÄNEN REDEN präsentiert das Literaturhaus Wien textspezifische Arbeiten sowie...

Tipp
flugschrift Nr. 19 von KIKKI KOLNIKOFF aka MIROSLAVA SVOLIKOVA

Beim Auffalten der flugschrift Nr. 19 wird man umgehend konfrontiert mit einem ständigen...

Incentives – Austrian Literature in Translation

Neue Beiträge zu Clemens Berger, Sabine Gruber, Peter Henisch, Reinhard Kaiser-Mühlecker, Barbi...