Petra Piuk: Toni und Moni. Oder: Anleitung zum Heimatroman.

Leseprobe:

 

Im Heimatroman braucht es eine klare Grenze zwischen Gut und Böse. Eine Grenze aus Stacheldraht. Oder eine Mauer. Suchen Sie sich ihre persönliche Lieblingsgrenze aus. Bisher haben wir nur die Guten kennengelernt. Sie mögen einwenden, dass auch Toni ein unfolgsames Kind ist, das sich bei Tisch nicht zu benehmen weiß. Toni ist jedoch ein Guter, weil er erstens der Held der Geschichte ist, sich zweitens bessern will und auch schon erste Fortschritte macht (ein Romanheld muss eine Entwicklung durchmachen, das geht nicht von Seite 1 auf Seite 2), und drittens als heimatverbundener und stolzer Schöngrabener von Natur aus DAS HERZ AM RECHTEN FLECK trägt. Häufig ist eine Zuordnung von Gut und Böse nicht einfach, das geben wir ehrlich zu. Es gibt zum Beispiel sowohl gute als auch böse Dichter. Die bösen Dichter machen sich mit unseren Steuergeldern ein gutes Leben, was es zu verhindern gilt. Wir haben bereits einen dementsprechenden Gesetzesentwurf (keine Förderung von Texten ohne glückliches Ende) bei der Gerichtsstelle für gefällige Heimatliteratur eingebracht. Die guten Dichter hingegen schreiben über die schöne Heimat und können gut reimen.

(S. 69-70)

© 2017 Kremayr & Scheriau, Wien