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Robert Prosser: Phantome.

Roman.
Berlin: Ullstein fünf, 2017.
336 Seiten; gebunden; Euro 26,-.
ISBN: 978-3-96101-009-7.

Autor

Leseprobe

Literaturhaus-Präsentation am 05.10.2017

Selten erfüllt mich ein Glücksgefühl nach der Lektüre eines jungen deutschsprachigen Gegenwartsautors. Das kommt für einen professionellen Leser alle Jubeljahre vor. Etwa bei Büchern von Arno Camenisch, Christoph Szalay und Benedict Wells. Das Glücksgefühl speist sich nicht nur daraus, dass ich einen hervorragenden, vielschichtigen und formvollendeten Text gelesen habe, sondern auch daraus, vom Debüt an auf den "Richtigen" gesetzt zu haben. Und es freut mich ungemein, wenn der Autor von Text zu Text sich weiterentwickelt, gar – das höchste der Gefühle – Quantensprünge vollzieht. Letzteres gilt insbesondere beim Grazer Dichter Szalay.
Zu dieser Best-of-Aufzählung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gehört unbedingt auch der aus Alpbach in Tirol stammende Autor Robert Prosser dazu. Erst recht mit seinem neuen Roman "Phantome", der beim Berliner Verlag Ullstein fünf in diesen Tagen erschienen ist und bereits auf die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde. Zu Recht, wie wir bald sehen werden.

Doch zunächst zum Inhaltlichen, zum Plot: Im Kern geht es um die verhinderte Liebesgeschichte von Anisa und Jovan, die durch den Bosnienkrieg auseinander gerissen werden. Die Bosniakin Anisa ist bei Ausbruch des Krieges 1992 Anfang zwanzig und studiert Sozialwissenschaften in Sarajevo. Ihr serbisch-bosnischer Freund Jovan, etwa gleichaltrig, wird just vor Kriegsausbruch in die jugoslawische Nationalarmee eingezogen. Bis dahin erlebt das Paar alles in allem glückliche Tage, kein Gedanke an einen Krieg.
Bei Kriegsausbruch kann sich Anisa gerade noch vor serbischen Schergen retten. Sie kommt nach einer traumatischen Flucht durch den Wald in eine feindlich besetzte Stadt, von dort nach Wien in ein Flüchtlingslager. Eine ihrer kleinen Rettungen sind die von einer Betreuerin organisierten Besuche im Kunsthistorischen Museum. Dort lernt sie einen Österreicher kennen und trifft sich öfters mit ihm. Allerdings wird sie deswegen im Lager bald als "Schlampe" tituliert und bricht die Beziehung daraufhin ab. Anisa glaubt jedoch grundsätzlich an einen Neuanfang, der mit dem Umzug in eine WG eingeläutet wird. Sie befreundet sich erneut mit einem Österreicher – zunächst gegen ihre eigenen Überzeugungen.
Auf der anderen Seite lesen wir die Entwicklung von Jovan: Kurz nachdem er zum ersten Mal einen Feind gesehen und tot aufgefunden, ihn vielleicht sogar selbst erschossen hat, desertiert er bei seinem ersten Heimaturlaub. Er taucht in den Hochhaussiedlungen in Novi Beograd unter, bis er außerhalb des Verstecks Heroin ausprobiert und von der Militärpolizei schlafend auf einer Parkbank erwischt wird. Er muss nun an einem abgelegenen Frontposten Wache schieben. Jovan versucht zwar auch von dort zu fliehen, doch eine Militäraktion holt ihn wieder ein. Seine Absicht bleibt in der blutigen Offensive unbemerkt, doch werden bosniakische Gefangene gemacht und Jovan dem Erschießungskommando zugeteilt. Seine Feuertaufe, ein traumatisches Erlebnis, das als Bild in seinem Kopf immer präsent bleibt.

Diese im Jahr 1992 erlebten Geschichten werden im großen Hauptteil des Romans erzählt. Demgegenüber wird der erste Teil von einem namenlosen Ich-Erzähler, einem Graffiti-Sprayer in Wien, geschildert. Er ist der Freund von Anisas Tochter Sara. Wir sind im Jahre 2015 – kurz bevor der Protagonist eine Sprayaktion in einem Wiener U-Bahnhof durchführt, denkt er über die vergangenen Jahre nach: Wie er und Sara in Bosnien waren, dort die Proteste der meist jungen Erwachsenen erlebt haben, die 2014 in größeren Zentren entbrannt sind; den Zorn auf hohe Arbeitslosigkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse sowie Korruption. Verwundert stellt er zudem fest, dass viele über den Krieg nicht reden wollen: "Ständig dasselbe: Erwähn nicht den Krieg, der ist vorbei, bedeutungslos". Nach ihrer Rückkehr erzählt Anisa ein wenig von ihrem Leben vor und während des Krieges, doch nicht sehr tiefgehend, was die zwei Liebenden nicht begreifen.
Um das Bild zu vervollständigen, wird im dritten Teil die Geschichte von Jovan weitererzählt, der kurz vor der Freilassung aus dem Gefängnis Stein in Niederösterreich steht. Hier sind wir erneut im Jahr 2015. Jovan war vier Jahre im Bosnienkrieg, versuchte sich anschließend als Straßenkünstler in Budapest und Paris, ehe er nach Belgrad geht, um nocheinmal den Krieg zu erleben: Belgrad wird nun von der NATO zerbombt; der Kosovokrieg ist im Gange. Danach fährt er nach Wien, lernt dort eine Frau kennen und führt ein ruhiges Leben, bis ein ehemaliger Frontkamerad ihm einen kleinen "Job" vermittelt ...

Meisterlich verwebt Robert Prosser die drei Erzählungen zu einem großartigen Triptychon, in dem der mittlere Teil den Grundstein legt für die äußeren Flügelbilder. Zum einen passt der Vergleich mit einem Triptychon, weil Prosser im Kernstück des Romans Szenen und Bilder entwirft, die für das Liebespaar Anisa und Jovan das Aus bedeuten, ohne ein späteres Wiedersehen. Die Flügelbilder indes erzählen die Wendungen und Auswirkungen ihres weiteren Lebensweges. Zum anderen funktioniert der Begriff aus der Bildenden Kunst auch auf der Metaebene: Denn es geht um Bilder, Abbilder, Sehnsuchtsbilder, Vorstellungen und Visionen. Im ersten Teil haben wir den namenlosen Sprayer, der Graffitis sprüht. Im letzten den Straßenkünstler Jovan, der im Gefängnis auf sein bisheriges Leben schaut und Szenen daraus wie Spots in Splitterform zeichnet. Und im Hauptteil geht Anisa ins Kunsthistorische Museum und betrachtet dort Gemälde, während Jovan an der Front das Foto von Anisa anschaut, das er bei sich trägt.
Die Kunst spielt in diesem Roman eine wichtige Rolle, denn sie hat nicht nur heilende Wirkung, sondern bedeutet auch selbständig und unabhängig, visionär und aktiv zu sein. Zudem ist die Schöpfung von Kunst ein Akt des Widerstandes: Sowohl das illegale Graffiti als auch die Abbildung des Krieges. Aber auch der Betrachtung von Kunst kommt im Mittelteil eine gewichtige Rolle zu. Verwandeln sich Interpretationen, obwohl sich das Bild nicht geändert hat?

Das Ganze könnte sinnbildlich für Bosnien stehen. Welches Bild von Bosnien wird entworfen? Werden Tatsachen neu bewertet, neu interpretiert? Welche Massaker werden wie und von wem gedacht? Welche Rolle spielen die Medien bei der Übertragung von Bildern – und wie werden diese eingesetzt? Wird der Besuch des serbischen Ministerpräsidenten zum 20jährigen Gedenken des Völkermordes in Srebrenica als ein erster Schritt der Versöhnung bewertet? Wird die Nach-Kriegsgeneration den Krieg ihrer Eltern erforschen und aufarbeiten? Oder verkommen Erzählungen über den Krieg zu einem Akt der Selbsttäuschung, einer verzerrten Wiedergabe dessen, was passiert ist? Mit diesen Reflexionen über Kunst und Krieg steht Prossers Text unter anderem in einer Linie mit dem Roman "Die französische Kunst des Krieges" von Alexis Jenni (2011), der mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde.
Robert Prossers Roman zeigt aber auch, wie stark verwoben der Bosnienkrieg mit Österreich und im Speziellen Wien ist. Wie der Krieg auch die "jugoslawische" Community involviert hat. Wie der Krieg die Community gespalten hat. Wird er je zu Ende sein, wenn man an die Auswirkungen denkt? Sowohl auf sozio-politischer als auch auf persönlicher Ebene? "Der Krieg, er ist nicht tot, er schläft nur.", heißt es in einem Rio-Reiser-Song. Verbirgt sich der Krieg in der Generation der Kinder? Kann er wieder ausbrechen?

Auf sprachlicher und stilistischer Ebene glänzt dieser Roman gleich mehrfach, zum einen mit stets treffsicheren und originellen Vergleichen. Etwa "Imaginäre Bunker, wo unser Alter Ego nonstop Freiheit feiert.", "Von Deck schickte Baskkim ihm SMS wie klitzekleine Popsongs." oder auch "Eigentlich ist es in Bosnien nicht anders als mit Graffiti, beide funktionieren nach strengen Regeln, die für Außenstehende schwer zu durchblicken sind." Unterstützt wird dieser Eindruck von einem sehr präzisen und komprimierten Stil. Zudem entwickelt der Text einen eigenen Rhythmus, der bei Prosser nicht weiter erstaunt: Diese Beat-Begleitung ist ihm eigen seit seinem furiosen Debüt "Strom" (2009).

Fazit: Robert Prosser hat  mit "Phantome" inhaltlich relevante Themen aufgegriffen und es verstanden, diese in eine passende Form zu fassen, noch dazu in einer blendenden Sprache. Dieser Autor hätte einen Platz auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis verdient, ebenso eine Nominierung für den Österreichischen Buchpreis. Denn Prosser hat einen großartigen Roman vorgelegt!

Von Angelo Algieri
12. September 2017

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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