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Anna-Elisabeth Mayer: Am Himmel.

Roman.
Frankfurt/M: Schöffling & Co.
201 S; geb.; Eur 21,60.
ISBN 978-3-89561-137-7.

Autorin

Leseprobe

Literaturhaus-Präsentation am 20.09.2017

Erzählkunst, kein Sozialkitsch

Nicht auf das WAS kommt es an beim kunstfertigen Erzählen, sondern auf das WIE. Das hat Anna-Elisabeth Mayer vielleicht beim Klagenfurter Literaturkurs gelernt oder am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Äußerst gekonnt fängt sie die Aufmerksamkeit des Lesers bereits mit dem ersten Satz. "Was will denn der Hüttler da!" Der Förster Eduard Hüttler erschießt auf der ersten Buchseite seinen Dienstgeber, den Gutsbesitzer Baron Johann von Sothen. Mit dem spektakulären Mord beginnt der Roman, das dramatische Ende, auf das er hintreibt, steht also bereits am Anfang da. Wie es zu dem Mord gekommen ist, das erzählt der Roman. Wie er es erzählt, erschließt sich schon aus der Eingangsszene (Leseprobe, S. 7-9). So gekonnt wird erzählt, dass ich das Buch nicht mehr weggelegt, in einem Sitz ausgelesen habe!

Die raffinierte Erzähltechnik zeichnet sich aus durch kurze Sätze, sehr viele Ellipsen, durch ständigen Wechsel der Perspektive, durch ein Erzählen von innen heraus, aus dem inneren Erleben der Figuren. Die Autorin bedient sich der dokumentarischen Methode. Zu Grunde liegen als Quellen für den Prozess die Wiener Zeitungsberichte vom 18./19. Juli 1881. In den vielen Erzählstimmen des Romans sind die befragten Zeugen aus dem Gerichtssaal zu erahnen, diese Spur der historischen Authentizität schimmert durch. Die erzählerische Umsetzung wirkt sehr gelungen, man glaubt der Erzählung, dass die Figuren das alles gerade erleben, was in Wirklichkeit als Aussage vor Gericht in der Zeitung gestanden ist. Die Präsentation des Konflikts nach dem Prinzip des analytischen Dramas ist ein weiterer Wesenszug der Meistererzählung. Zuerst werden der Mord und seine unmittelbaren Folgen geschildert, dann erfolgt ein Rückblick in die Kindheit des Mordopfers, um den Keim einer schuldhaften Verstrickung des Millionärs Sothen aus dem Beginn seiner Bereicherungssucht abzuleiten. Dann wird die Vorgeschichte der Tat erzählt, der Überlebenskampf der Förstersfamilie gegen die permanent demütigende Ausbeutung durch den Dienstherrn und dessen Frau, schließlich der Verlauf des Prozesses. Die Figuren befinden sich in einer geschickt angeordneten Konstellation, die es erlaubt, das Opfer-Täter-Gefälle ständig in der Waage zu halten. Das Ehepaar Sothen, der berechnende und blasierte Schlossherr und seine bigotte, geltungssüchtige Frau Fanny, sie bilden in ihrer Denk- und Fühlweise den Gegenpol zu dem geradlinigen, vom Existenzkampf überforderten Förster und seiner Gefährtin Juliane Paschinger, mit der er vier Kinder hat, die er aber wegen Geldmangels nicht heiraten kann. Das Gesinde im Schloss und in der Meierei fungiert als kollektives erzählendes Wir, mit einer heimlichen Haupt-Narratorin, das ist Berta, eine junge Frau, von einer Hasenscharte verunstaltet, deswegen Außenseiterin, die durch ihr Wissen um das Erfolgsgeheimnis Sothens die Erzählung zusammen hält.

Verraten habe ich nunmehr das Erfolgsgeheimnis von Anna-Elisabeth Mayer bei der Verfertigung eines Romans aus einem historischen Kriminalfall. Philip Kerr lässt grüßen, den die Autorin am Ende des Buches als Gewährsmann nennt, - und noch ein Vorbild, das sie nicht nennt und vielleicht auch nicht kennt, das ist Heinrich von Kleist. Ihn hat sie erreicht mit ihrer Sprache, dieser eindringlichen, atemlosen, eben durch die radikale, aus dem Inneren der Figuren kommenden, im Aufeinanderknallen so unbestechlichen, kunstlos-kunstfertigen Diktion. Das Muster ist Kleists Michael Kohlhaas.

Jemand anderer könnte die Geschichte auch ganz anders lesen, sich einfach von der Spannung mitreißen lassen, die Botschaft verstehen, ein beredtes Plädoyer für Gerechtigkeit. Darüber nachdenken, über die zeitlose Macht und Ohnmacht des Geldes, über oben und unten, über die Frage, wann und wie sich wehren gegen Unterdrückung und Ausbeutung, auch heute. Allen, die das tun wollen, empfehle ich, diese Geschichte zu lesen.

Walter Fanta
12. September 2017

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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