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Anna-Elisabeth Mayer: Am Himmel.

Leseprobe

Was will der Hüttler da!«, rief Sothen durch das offene Fenster, »Was will der Hüttler da!« Eduard am Vorplatz. Sothen wandte sich wieder der Prüfung von Rechnungen zu. »Wie krieg ich den nur los«, versuchte er nicht aufzublicken. Eduard verharrte, starrte. »Sitzt da, als wär nichts«, dachte er, die eine Hand am Riemen. »Alles ist besprochen!« »Als wär nichts«, dachte Eduard. Sothen sprang auf, schritt Richtung Vorzimmer. Eduards Auge zuckte. Sothen riss die Tür auf. Da nahm Eduard das Gewehr von der Schulter. »Aber Hüttler, du wirst doch nicht!« Sothen stolperte in die Kanzlei zurück. Eduard folgte mit dem Gewehr. Sothen stürzte durch das Vorzimmer, sein Herz schlug. »Ins Büro, ins Büro«, er warf die Tür zu, es schepperte. Durch die Milchglasscheibe Sothens Umriss. Eduard drückte ab. Dann ging er in den Hof, lehnte sich an die Mauer beim Türeingang, sein Herz schlug.

Sothen krümmte sich, es fröstelte ihn, »Hilfe!«, er versuchte sich aufzurichten, er fiel ins Vorzimmer, schleppte sich zur nächsten Tür, Schweißperlen waren auf der Stirn, »Hilfe!«, er schaffte es, sich noch einmal aufzurichten, »Wasser!«, trat hinaus in den Hof, schwankte einige Schritte auf die Wirtschaftsküche schräg gegenüber zu. Eduard lehnte noch immer an der Wand, der Lederriemen hing in den Staub. Er sah Sothen zu, sah Bluttropfen in den Staub fallen, »als wär nichts«. Er atmete ein und aus, nach Hause hatte er gehen wollen. Sothen brach in den Armen einer Kuhmagd, die unter der Tür herausgekommen war, zusammen. Eduard sah Marie den schweren Körper kaum halten können, er atmete ein und aus – und schoss Sothen in den Rücken. Sothen sackte zusammen, sank der Kuhmagd aus den Armen auf den Boden. Sie hob fassungslos den Kopf, erkannte Eduard an der Wand, die Augen kreuzten sich, er ging.

Aus der Küche und den übrigen Meiereigebäuden kamen Dienstleute gelaufen. »Einen Arzt!«, schrie Marie, »einen Arzt für den Sothen!« Radda, der Ziegelbrenner, stieg schon auf ein Pferd, um ihn zu holen. Man bückte sich nach Sothen. »Der Hüttler«, schüttelte Marie ungläubig den Kopf, »Vielleicht zwölf Schritte von hier hat er auf ihn gefeuert!« Sie war völlig unverletzt geblieben. Bald hatte sich das gesamte Gesinde um Sothen und Marie versammelt, nur Berta bewegte sich nicht vom Fleck, starrte im Taubenschlag mit einer Handvoll Körner in den Hof. »Die Frau Sothen müsst auf dem Weg zurück sein von der Stadt –«, hörte sie, und Zeisel, der Tischler, saß bereits im Sattel und drückte die Sporen in den Pferdeleib. Die Nachricht, die er überbringen musste, fühlte sich wie Sporen an.

Jetzt rannte Eduard. Er rannte Richtung Wald, seinen Wald, stolperte, rappelte sich wieder auf, rannte weiter, stolperte über die nächste Wurzel, riss sich die Hose auf, er kam erneut auf die Beine, er lief schneller, bei einer Quelle sank er Atem ringend ins Moos. Er hob das klare Wasser in überkreuzten Händen an den Mund. Er starrte auf die Hand, die abgedrückt hatte. Eduard trank schnell, sprang auf, lief weiter durch das Unterholz, den Ästen ausweichend. Zwei eingedrückte Moosstellen blieben zurück. An einem Dornengestrüpp schürfte sich Eduard den Handrücken auf. Ein Tier da hinten. Weiter, weiter. Eduard war im eigenen Revier der Gejagte. Im Wald hing die Dämmerung. Die Baumwipfel ragten über ihn in den Himmel. Eduard lief und lief. Vor ihm tauchte die Lichtung auf. Ein Hase hob im Zwielicht den Kopf, um ihn herum das junigrüne Gras, fast bläulich. Ein weiterer in der Nähe der Baumstämme, die Eduard noch letzte Woche gefällt hatte. Auch seine Löffel aufgestellt, die Nase in den Wind gehalten. Eduard am Rand der Lichtung. Die Hasen suchten schon mit schnellen Sprüngen Deckung, ihre Blumen verschwanden. Eduard lief an seinem alten Leben vorbei, verschwand wie es im Dickicht. Die Hasen drückten sich in ihre Sasse, legten die Ohren an. »Was will denn der Hüttler da!«, hörte Eduard. Es wurde immer dunkler. Eduard schlug einen Haken. Ein Ast traf Eduard im Gesicht, Blutstropfen traten aus dem Striemen, leuchteten wie die Tieraugen im Unterholz auf der Wange. Er rannte weiter. Er musste, musste ans Licht.

© 2017 Schöffling & Co, Frankfurt/M.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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