Literatur und Politik: Neueste Texte ... und Fundstücke aus der Literaturhaus-Bibliothek

"Was haben wir getan?" – Königs- und Wahlkampfdramen 2017

Elfriede Jelinek: "On the Royal Road: The Burgher King". © Segal Center New York

Elfriede Jelinek:
Am Königsweg. Theaterstück.
Uraufführung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, 28.10.2017.

Viele Namen trägt der gerade erwählte König, doch wie er wirklich heißt, wird nie direkt ausgesprochen: Donald J. Trump ist Anlass, aber nicht Essenz des neuen Stückes von Elfriede Jelinek. Sie stellt sich grundsätzlichere Fragen wie: Wieso treten Rechtspopulismus und Superkapitalismus stets gemeinsam auf? Bedeutet der Sieg dieses Königs nicht die gespenstische Rückkehr des "Alten", "historisch Überlieferten, auch wenn damals Millionen daran krepiert sind"? Und wieso steht der Verblendung der neuen Rechten keine Hellsicht der Gegner gegenüber? Wieso sind in diesem Schauspiel alle blind? (Schauspielhaus Hamburg)

"Am Königsweg" wurde von Bayern2 als Hörspiel produziert und ist auf der Webseite des Senders abrufbar, außerdem ist die Produktion als CD-Edition im Belleville-Verlag erhältlich. Die CD-Edition ist auch in unserem Tonarchiv vorhanden.

© Marija Magdalena Kanizaj

Marlene Streeruwitz:
Die letzten Tage der 2. Republik.

Drama in 3 Akten mit alles verändernden Folgen.

Ab 14. September wird jeden Donnerstag um 19.00 Uhr, in Erinnerung an die Donnerstagswandertage des Jahres 2000 gegen die schwarz-blaue Regierung, ein Akt des Dramas auf die Homepage gestellt.
Ankündigung
:
Lind. Lau. Und pastellfarbig. So tritt der Wahlherbst 2017 in Österreich auf. Alles ist Oberfläche. Grundstrukturen wie Demokratie oder Sozialpartnerschaft werden in der Art selbstverständlich genommen, in der auf facebook grundlegende technische Veränderungen von allen fraglos nachvollzogen werden. Da ist es dann schon interessant, daß im bürgerlichen Lager einmal parteiintern der Staatsstreich gegen das Demokratische geübt worden ist. Während die Prognosen den nächsten Finanzcrash voraussagen, wird eine dirndltürkise Staatsidylle entworfen, in der "die Leute" mehr haben sollen, ohne sagen zu müssen, wovon dieses Mehr denn sein soll.

(www.marlenestreeruwitz.at, 03.09.2017)

Romane zur Lage der Nation, Europas und der Welt

Robert Menasse:
Die Hauptstadt. Roman.
Berlin: Suhrkamp Verlag, 2017.

In Brüssel laufen die Fäden zusammen – und ein Schwein durch die Straßen.
Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europaischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das fur Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. (...) In seinem neuen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen. Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen – für das Schwein, das durch die Straßen läuft. (Suhrkamp Verlag)

Robert Prosser:
Phantome.
Roman.
Berlin: Ullstein, 2017.
Robert Prosser schildert intensiv ein fast vergessenes Kapitel der jüngeren Geschichte: Der Jugoslawienkrieg, der die letzte große innereuropäische Flüchtlingswelle in den 1990ern auslöste, dessen drastische Verbrechen bis heute nicht aufgearbeitet sind und weit in die Generation der Kinder der Geflüchteten nachwirken. Anisa flüchtet 1992 aus Sarajewo nach Wien. In den beginnenden ethnischen Säuberungen hat sie ihren Vater zurückgelassen – und wird ihn nie wiedersehen. Auch von ihrem Freund Jovan, einem bosnischen Serben, der zum Militärdienst eingezogen wurde, konnte sie sich nicht verabschieden. Jahrzehnte später reist Anisas Tochter Sara auf den Spuren ihrer Mutter nach Bosnien-Herzegowina. (Ullstein Verlag)

Doron Rabinovici:
Die Außerirdischen. Roman.
Berlin: Suhrkamp, 2017.

Erschreckend die Nachricht, die eines Morgens von sämtlichen Sendern gemeldet wird: Eine extraterrestrische Macht hat über Nacht die Erde erobert. Nach der ersten allgemeinen Panik sickern Neuigkeiten durch: Die Außerirdischen sind sanftmütig; sie meiden scheu jeden Kontakt; sie bringen Aufschwung und Frieden. Da ist nur ein kleiner Haken – sie bitten um Menschenopfer auf freiwilliger Basis. Überall werden Spiele ausgerichtet, um die Auserwählten zu bestimmen. Wer mitmacht, dem winken enorme finanzielle Vorteile. Am Ende bleibt die Frage: Wer ist mitschuldig, wer profitiert, wer begehrt auf?
Eine hochaktuelle Parabel. (Suhrkamp Verlag)

Eva Rossmann:
Patrioten. Roman.
Wien, Bozen: Folio Verlag, 2017.

Nationalismus, Terror, Hass. Die Angst geht um in Europa.
Der Vorsitzende der Patriotisch Sozialen wird ans Kreuz genagelt. Den Nationalisten gibt das noch mehr Aufwind. Christliches Abendland gegen Islam. Was sind schon Fakten?
Hautnah erleben sie es mit: Frau Klein, die im Zweiten Weltkrieg ein Kind war. Herr Pribil, immer im Widerstand und plötzlich verliebt. Die Syrerin Sina, deren Mann verschwunden ist. Wech, David, Jennifer … ES hetzt in den sozialen Medien. Kann uns nur mehr ein neuer Führer retten? Der Spannungsroman über Europa am Scheideweg. (Folio Verlag)


Über ein Lebenswerk

Karl-Markus Gauß:
Von der Produktivkraft des Eigensinns.
Hg. von Werner Michler, Klemens Renoldner, Norbert Christian Wolf.
Salzburg: Otto Müller Verlag, 2017.
Eine wichtige Unterscheidung, die ich meinem Verständnis der Welt wie der Literatur zugrundelege, ist etwa die zwischen Realität und Wirklichkeit. Realität, das ist die Welt der recherchier- und überprüfbaren Fakten; die Wirklichkeit hingegen, unendlich reicher, wird von dieser Realität gebildet, aber zudem auch von den Träumen, den Pänen und Hoffnungen der Menschen und ihrem Wunsch, sich mit der Realität nicht zufriedenzugeben, sondern sie umzuformen, zu verändern, sie menschengemäß zu gestalten. (Karl-Markus Gauß: Kurze Biografie des Autors als Leser, S. 193)

...also Poesie gegen Rechts oder was? Nazis und Goldmund (Webseite)

Miroslava Svolikova: Selbstportrait als Bundesregierung

NAZIS & GOLDMUND
Wir sind Autor*innen. Also greifen wir zur Sprache und schreiben dagegen an. Gegen die Vereinnahmung der Räume durch nationalistische Gedanken. Gegen den Verlust von Möglichkeiten durch den Aufbau von Zäunen. Gegen die Spaltung von Gesellschaften durch Kapital und Rassismus. Gegen geschichtsblinde Burschen und ihr Testosteron. Gegen Allianzen der Vereinfachung und das Ausblenden eines Zusammenhangs. Gegen demokratischen Verfall. Gegen die Verschiebung Europas, nach rechts. (Webseite/Über uns)

Literarische Fundstücke


Gustav Ernst:
Die Frau des Kanzlers.
Eine Rede.
Sonderzahl Verlag, Wien 2002.
Paul Jandl würdigt in der NZZ/03.09.2002 die "ehrliche Wut", die in diesem literarischen Pamphlet auf die österreichische Regierung steckt. Ein Buch über die Kanzlergattin, das "die Stunde der wahren Empfindung" offenbare.

Josef Haslinger:
Klasse Burschen. Essays.

S. Fischer Verlag, 2001.
Klasse Burschen, die Österreicher. Fröhlich verkünden sie den Glauben an das Gute in der Welt und zeigen stolz ihre Berge, Burgen und Barockkirchen her. Ein verantwortlicher Umgang mit seiner Geschichte aber fällt dem Land schwer. "Obszöner hat ein Land in Zeiten des Friedens noch nicht ausgesehen. "Zu dieser Überzeugung gelangt Josef Haslinger in seinen Essays, in denen er die gesellschaftliche und politische Lage Österreichs analysiert. (S. Fischer)

Gerhard Roth:
Der See. Roman.

Taschenbuch. Frankfurt/M.: Fischer Verlag, 1995.

Paul Eck wird von seinem Vater überraschend an den Neusiedler See eingeladen. Als er dort eintrifft, verschwindet sein Vater jedoch spurlos. Man vermutet einen Bootsunfall. Paul beginnt mit genaueren Nachforschungen, stößt bald auf dunkle Geschäfte und gerät aber selbst in Verdacht, seinen Vater beseitigt zu haben. Mit den Elementen der klassischen Detektivgeschichte porträtiert Roth eine durch Verbrechen und Korruption aus den Fugen geratene Gesellschaft.
(Fischer Verlag)

Gerhard Ruiss:
Kanzlergedichte. 2000-2005.

Wien/Krems: Edition Aramo, 2006.
Die "Kanzlergedichte" sind an lebenden Vorbildern orientiert, und sie lehnen sich an Ereignisse und Entwicklungen in Österreich, den angrenzenden Ländern, Europa und den USA in den Jahren 2000-2005 an. (Gerhard Ruiss)

Druckfrisch:
Kanzlernachfolgegedichte. 2006-2017.
Wien/Krems: Edition Aramo, 2017.
mit einem Personenverzeichnis und 75 Marginalien.
Zwölf Jahre nach den "Kanzlergedichten" setzt Gerhard Ruiss seine literarische Beschäftigung mit den österreichischen und internationalen politischen Entwicklungen und Verhältnissen fort. In den "Kanzlergedichten" sollten vor allem die handelnden Personen, Aktivitäten und Unterlassungen der österreichischen Mitte-Rechts-Regierungen dieser Jahre literarisch zu Wort kommen, in den "Kanzlernachfolgegedichten" reden alle, ungefragt oder -gebeten. Die "Kanzlernachfolgegedichte" sind, außer dass sie Gedichte sind, auch ein Personensuchspiel. (Vorbemerkung von Gerhard Ruiss)

Daniel Zipfel:
Eine Handvoll Rosinen. Roman.
Wien: Kremayr & Scheriau, 2015.
Daniel Zipfel ist seit vielen Jahren Asylrechtsberater. Dementsprechend realistisch zeichnet er in seinem beeindruckenden Romandebüt das bizarre Bild einer untragbaren und hochaktuellen Situation, die alle Beteiligten an ihre Grenzen führt. Fernab jeglichen Klischees zeigt er ambivalente Figuren, die ein klares Urteil unmöglich machen. (Kremayr & Scheriau)

 

 

Sammelbände, Dokumentationen


Im Herzen der Demokratie.

Wiederbelebung einer gefährdeten Idee.
Hg. von Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf.
Wien: Brandstätter Verlag, 2017.
In diesem Buch reflektieren acht SchriftstellerInnen über den Zustand unserer Demokratie: Wenn Christine Nöstlinger vor der Wiederkehr faschistischer Strukturen warnt, Paulus Hochgatterer ein Flüchtlingskind im Auffanglager Krumpendorf singen lässt und Juli Zeh von einem Ende der Käpt'n-Ego-Mentalität träumt, wird deutlich, dass Demokratie das Handeln eines jeden Einzelnen braucht. (Brandstätter Verlag)

mitsprache.
Reden zur Situation.
DVD mit 16 Seiten Booklet.
Wien: Klever Verlag, 2012.

2012 wurden zehn österreichische Autorinnen und Autoren eingeladen, Reden zur Situation in gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, künstlerischen, politischen oder individuellen Bereichen zu verfassen, um diese am österreichischen Nationalfeiertag an öffentlichen Orten vorzutragen. (Klever Verlag)

Die beschämte Republik.
10 Jahre nach Schwarz-Blau in Österreich.
Hg. von Frederick Baker, Petra Herczeg.
Wien: Czernin Verlag, 2010.
Sich für etwas „schämen“ ist ein aktiver Akt. Und wer sich der Scham nicht stellt, der kann sich auch nicht mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen. Die Regierungsmitglieder gingen im Jahr 2000 unterirdisch zu ihrer Angelobung, das Gesicht des damaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil war versteinert – zwei Bilder einer beginnenden Etappe. (Czernin Verlag)

... bis sie gehen. 4 Jahre Widerstandslesungen. Ein Lesebuch.
Hg. von El Awadalla und Traude Korosa.
Klagenfurt: Sisyphus Verlag, 2004
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Als am 4.2.2000 die blau/schwarze Regierung angelobt wird, ist dies der Auftakt zu einer Protestbewegung, die in Österreich bis dahin ohne Beispiel war: Ausländische Medienvertreter pilgern nach Österreich, am Ballhausplatz protestieren tausende DemonstrantInnen, „bewaffnet" mit Eiern und Tomaten, die sie gegen die Schutzschilder vor allem der WEGA-Einheiten werfen. (Sisyphus Verlag)

Wiener Wandertage. Eine Dokumentation.
Hg. von Frederick Baker und Elisabeth Boyer.
Klagenfurt: Wieser Verlag, 2002.
Mit zahlreichen Fotos, Kreuzworträtsel, Statistiken, Internetadressen und Raum für Notizen.
Der BBC-Journalist und Filmemacher Frederick Baker und die Journalistin Elisabeth Boyer haben vielfältige Reaktionen, Geschehnisse, Emotionen, Meinungen und Positionen rund um die Proteste gegen die schwarz-blaube Regierung breit dokumentiert.

 

 

"Nicht literarisches Engagement" als Archiv-Schlagwort:

SchriftstellerInnen nehmen immer wieder öffentlich Stellung zu gesellschaftspolitischen Fragen.
Deshalb ist "Nicht literarisches Engagement" von AutorInnen seit den 1970er Jahren ein Schwerpunkt unserer Sammlungen im Literaturhaus. Sie finden bei uns über 50 Mappen mit Zeitungsausschnitten zum Thema, dazu kommen mehr als 4.000 Pressemeldungen in unserem digitalen Archiv zum Schlagwort "Gesellschaftliches / Politische Engagment" - und natürlich jede Menge Bücher: Bibliothek & Sammlungen

Neueste Literatur- und Sachbuch-Rezensionen in unserem Online-Buchmagazin:

3000 Rezensionen zur österreichischen Gegenwartsliteratur, Sachbuchrezensionen zur Germanistik, Hörbuchrezensionen und zahlreiche Links zu Verlagen, die österreichische Literatur publizieren.
Die AUFTRITTE präsentieren junge AutorInnen in Wort, Bild und Video und das Projekt "Incentives – Austrian Literature in Translation" stellt in Kooperation mit der IG ÜbersetzerInnen ausgewählte Buchmagazin-Rezensionen in fünf Sprachen vor: Buchmagazin