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Kirstin Breitenfellner: Bevor die Welt unterging.

Textproben:

Es wurde aufgerüstet. Osten und Westen, Gleichheit und Freiheit, standen einander unversöhnlich gegenuüber, der Osten stolz und starr wie Beton, der Westen überheblich und flink, auf der Überholspur seiner selbst. Bald wollte der Wald sterben. Kurze Zeit später sollten ihre jungen Lehrer sie hohnlachen. Obwohl sie im Jahrzehnt der sexuellen Befreiung geboren worden waren, sollte es für sie vorbei sein mit der wilden Liebe.
Eine Seuche stand am Horizont, ein Loch tat sich auf im Himmel, durch das die Sonne ungefiltert in ihre Haut brannte. »Make love, not war« wurde heruntergebrochen auf »Petting statt Pershing«. Sie schützten sich mit Sonnencreme. Sie waren nicht mehr immun gegen Kritik, so wie ihre jungen, wütenden Lehrer.
Sie waren geschwächt. Sie waren frei, aber sie wussten nicht mehr, wozu. »No Future« wurde zu ihrem Slogan. Aber wer keine Zukunft hat, hat auch keine Gegenwart.
(S. 10)

Die nächste schriftliche Abiturprüfung war Englisch. Judith hatte sich gezwungen, George Orwells »1984« endlich zu Ende zu lesen, um sich darauf vorzubereiten. »Krieg ist Frieden«, »Freiheit ist Sklaverei« und »Unwissenheit ist Stärke« lauteten die Parolen in Newspeak, die Judith so wütend machten. Es war schlimm, unterdrückt zu werden. Aber wenn jemand versuchte, in die Köpfe zu regieren, war das nur noch gemein. Bei der Klausur zog sie das Thema »The American Dream« der Shakespeare-Frage vor. Der amerikanische Traum von Fleiß und Aufstieg, Villa und Jacht und der Macht des Geldes war auch eine Gehirnwäsche, aber immerhin eine freiweillige. Ihr Vater hatte sie verwirklicht, nur nicht in Amerika, sondern in Deutschland. Nur nicht mit Jacht, sondern mit Mercedes-Benz und Skiurlaub in St. Anton am Arlberg. Sie mussten die Wörter zählen. Tausendzweihundertneunzig zählte Judith, sie hätte noch mehr schreiben wollen, aber die Zeit war um, und sie wankte mit verkrampftem Rücken und benebeltem Riesenschädel hinaus auf die Straße. Zwei Tage später ging es mit Deutsch weiter. Sie konnte sich noch nicht vorstellen, nie mehr in die Schule zu gehen, so wie sie es sich am Anfang nicht hatte vorstellen können, nun dreizehn Jahre zur Schule und neun Jahre auf genau dieses Gymnasium zu gehen. Auch Ewigkeiten hatten ein Ende. Aber noch war es nicht so weit. Nach den Osterferien sollten sie noch sehr reguläre Klausuren schreiben, die mündliche Abiprüfung in Mathe und Biologie war für den zweiten Juni festgelegt.
(S. 137)


© 2017 Picus Verlag, Wien

 

 

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