Leseprobe:

 

Die Anica hat den Zigeunern gerne zugeschaut, wie sie klein gewesen ist. Sie hat versucht sich vorzustellen, wie es sich angefühlt hätte, wenn sie wirklich eine von ihnen gewesen wäre. Ob sie dann mit den anderen Zigeunerkindern gespielt hätte? Ob sie auch so lustige Kleider getragen hätte wie sie? Vielleicht wäre sie glücklicher gewesen als Zigeunerin. Vielleicht hätten sie die Zigeuner nicht geschnitten, so wie die Leute im Dorf, nur weil sie nicht zu jenen gehört hat und auch nicht zu diesen. Vielleicht hätten sie sie sein lassen, ohne ihr aus dem Weg zu gehen. Vielleicht. Doch das ist auch so eine Sache gewesen, über die nachzudenken keinen Sinn gehabt hat. Geändert hat es doch nichts.

Der Vater ist gut ausgekommen mit den Zigeunern. Das hat man gewusst im Dorf. Ab und zu hat er ihnen Eier gegeben und Milch von der alten Kuh, die damals noch gelebt hat. Dafür haben sie ihm geholfen mit seinen Aufträgen. Das Schmieden ist ein zigeunerisches Handwerk gewesen, hat der Vater gesagt, und so ist man als Schmied ganz von selbst zum Zigeuner geworden, ob man das wollen hat oder nicht. Dem Vater ist es recht gewesen. Er hat ohnehin nicht gerne mit den Menschen geredet, zumindest nicht mit denen im Dorf, und so hat es ihm nichts ausgemacht, dass sie ihm aus dem Weg gegangen sind.

(S. 38)

© 2017 Picus Verlag, Wien