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Bernhard Hüttenegger: Beichte eines alten Narren.

Roman.
Graz: Edition Keiper
, 2017.
Pappband; 149 Seiten; Euro 20,-.
ISBN 978-3-903144-09-5.

Autor

Leseprobe

Unbedingte Einladung, Bernhard Hüttenegger zu lesen

Die Literaturgeschichte wird über Bernhard Hüttenegger mit Bestimmtheit eine Geschichte parat haben, sie wird ihn einen Reisenden in Verlagssachen nennen, zumal kaum ein anderer österreichischer Autor in so vielen Verlagen seine Spuren hinterlassen hat, und zwar von Droschl über die Pfaffenweiler Presse bis zum Literatur-Zampano Lojze Wieser in Klagenfurt/Celovec. Dagegen ist so lang nichts einzuwenden, so lang ein Schriftsteller nicht an eine Gesamtausgabe denkt, zumal man für eine solche für gewöhnlich einen sogenannten Hausverlag braucht.
Aber die Literaturwissenschaftler werden über Bernhard Hüttenegger noch eine zweite Geschichte griffbereit haben, sie werden ihn den berühmtesten Unbekannten der österreichischen beziehungsweise deutschsprachigen Literatur nennen, jedoch völlig zu Unrecht, wie ich nicht das erste Mal apodiktisch behaupte. Hütteneggers Fehler ist nicht, dass er gut ist, sondern dass er zu gut ist. In den Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, vor einer halben literarischen Ewigkeit, als er neben Thomas Bernhard, Helmut Eisendle, R. P. Gruber, Peter Handke, Franz Innerhofer, Elfriede Jelinek, Peter Turrini und ein paar anderen die österreichische Literatur ausmachte, sprach er davon, mit den Verlagen Glück gehabt zu haben, weil er sich nie anbiedern musste. Von Residenz wechselte er nicht aus Übermut, Rowohlt warb ihn sozusagen ab. Er ging, weil seine Residenz-Bände nicht einmal in den großen deutschen Städten aufgelegen sind.
Hütteneggers damalige Entscheidung war wahrscheinlich falsch, jedenfalls wollte er weiterkommen: "Ich muss zugeben", meinte er mir gegenüber in einem langen Gespräch für ein Wiener Magazin über das Leben vom Schreiben, "dass ich einen großen Ehrgeiz habe. Ich gebe alles und deshalb will ich auch alles." Dieser exemplarisch österreichische Schriftsteller wollte immer zu einem bundesdeutschen Verlag. Zu einem, dessen ökonomische und werbemäßige Möglichkeiten von Haus aus besser sind als jene eines österreichischen Durchschnittsverlags. Und wegen der besseren Kontakte zu den wichtigen Feuilletons. Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche, Zeit. Um nicht vom Spiegel zu sprechen… Die Leserinnen und Leser wollten es anders. Viele seiner Bücher sind in den letzten zwei Dezennien in Graz, Klagenfurt und Wien herausgekommen, auch sein neuestes Werk, der Roman "Beichte eines alten Narren", der ebenso den Titel "Memoiren eines Verlagsreisenden" tragen könnte, wurde in der ehemaligen "heimlichen Literaturhauptstadt" unseres Landes verlegt.
Sein neuestes Buch ist vielleicht noch autobiografischer als seine früheren Werke aus dem neuen Jahrtausend. Höchstwahrscheinlich auch wegen des nahenden "Siebzigers", zu dem der eine und andere Bilanz zieht. Wenn man Bernhard Hütteneger gelesen hat und ihn gut kennt, erkennt man vieles, das er erlebt und erlitten hat. Der Erzähler der "Beichte" lässt sein Leben in ziemlicher Offenheit Revue passieren. Das Panorama, namentlich das literarische, das er liefert, ist ein provokantes. Viele Bewohner der "heimlichen Hauptstadt der Avantgarde", und dies kann nur eine südostösterreichische Kleinmetropole sein, kriegen ihr Fett ganz gehörig ab, manche noch gewaltiger als andere.
Aus vielen Sätzen lugt freilich Hütteneggers (Lebens-)Enttäuschung über den so benannten Grazer Literaturbetrieb hervor, der einen halbarrivierten Schreiber schnell fallen lässt, wenn der nächste
rising star mit schamloser Präpotenz die Bühne, das heißt meist, das Zentralorgan der Literaturhauptstadt, betritt. Nebenbei bemerkt ist Hüttenegger mittlerweile vom Szenedichter im Grazer Genieeck zum Einsamkeitsapostel in seiner Kärntner Zweitheimat geworden, wie er im Buch zu verstehen gibt.
Genauer gesagt heißt dies in der "Beichte", dass Wolfgang Bauer beim Namen genannt wird, vielleicht weil er bereits ein "toter Dichter" ist, bei Alfred Kolleritsch hingegen muss man erraten, wie ihn der "alte Narr" bezeichnet beziehungsweise umschreibt. Das Rätsel lässt sich jedoch leicht lösen. Die Bezeichnungen lassen den Leser schmunzeln. Und Gert Jonke scheint in diesem Buch eine besonders beliebte Zielscheibe zu sein. Die Geo- und Topographie ist ohnehin nicht verklausuliert. Das Theatercafé ist das Theatercafé und das Hurenhaus, das er mit dem Herrn Professor aufsucht, ist das Hurenhaus.
Als Schlüsselroman bezeichne ich die "Beichte" dennoch nicht, weil man für dieses Buch keinen Schlüssel braucht, man denke an die obige Bemerkung über die Offenheit. Es sind sehr bittere Erinnerungen an den Nabel der österreichischen Gegenwartsliteratur, dem langsam, aber sehr sicher, Wien den Rang abgelaufen hat.
Hüttenegger zieht – in aller Aufrichtig- und Mitteilsamkeit - nicht nur sich selbst aus, er entkleidet auch seine Ehefrau, im Roman Mia genannt, nachdem in jüngeren Grazer Jahren "der Beischlaf (…) die natürliche Fortsetzung eines guten Gesprächs" war. Von der Beschreibung der literarischen Pfade kommt Hüttenegger immer wieder ab, wenn er einerseits die Eroberungsversuche aus der frühen Literaturhauptstadt-Zeit und andererseits die spannungsvolle Beziehung mit seiner Partnerin in den späteren Jahren und bis heute outet.
In der "Beichte" scheint Hüttenegger in seiner Ausdrucksweise konservativer geworden zu sein. Bisher waren seine Bücher gleichsam fragmentarische Lebensläufe, jetzt fügt er die Abschnitte chronologisch genauer zusammen. Er berichtet u.a. auch über Familienstreitigkeiten, die sich naturgemäß um das Erbe drehen. Insgesamt ist es die schonungslose Bestandsaufnahme eines komplizierten Autorenlebens. Es ist Bernhard Hütteneggers reifstes Werk, weshalb ich diesem Schriftsteller, der beileibe kein Narr ist, aber nicht nur gebeichtet, sondern sich ins Gebet genommen hat, viele geneigte Leserinnen und Leser wünsche.

Janko Ferk
24. September 2017

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 


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