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Wolfgang Millendorfer: Kein Platz in der Stadt.

Roman.
Wien: Löcker Verlag, 2017.
(edition pen Bd. 59)
300 Seiten; geb.; Euro 22,-.
ISBN 978-3-85409-843-0.

Autor

Leseprobe

Karl ist ein Pendler, der - anders als andere - nicht in die Stadt zum Arbeiten fährt, sondern aus der Stadt hinaus. Jeden Tag nimmt er den Zug in sein Amt, wo er Akten mit Selbstmorden bearbeiten muss. Mittags geht er gern etwas trinken und unterhält sich mit den Kellnerinnen. "Der Nachmittag im Amt ist dem Vormittag im Amt nicht unähnlich", denkt sich Karl, manchmal. Abends fährt er nach Hause. Manchmal trifft er im Zug alte Bekannte. Claudia zum Beispiel. Die "Gazelle". So haben sie sie früher genannt, aber dann ist sie mit dem Roland zusammen gekommen. Karl gibt nicht gerne Trinkgeld und wartet geduldig auf die Herausgabe des Wechselgeldes, auch wenn die Verkäufer das gerne hinauszögern. Manchmal stellt er sich eine Kamera vor, eine Karl-Kamera, die über alles wacht und ihn filmt. Alles ist jeden Tag gleich, bis er sich eines Abends auf einer Sauftour mit seinen Freunden Günter und Paul am Bein verletzt und in den Krankenstand geht. Oder bis er eines Tages seine Nachbarin kennenlernt, das Escortgirl Fanny. "Kopf und Fuß pochen gemeinsam im Takt der Uhr.", bemerkt Karl im Krankenstand. Ob das wegen Fanny ist?

Einsam auf einer Swingerparty

Minutiös beschreibt Wolfgang Millendorfer was Karl im Krankenstand macht, kommentiert jede Bewegung, jedes Mittag- oder Abendessen. Kalte Pizza schmeckt nur am selben Tag gut, am Tag danach sei alles "vollgesogen". Er beschreibt wie die Tage mit Fernsehen und Leute auf der Straße beobachten zäh vorbeigehen und einmal - in einem Fiebertraum - Fanny in seine Wohnung einbricht, sich auf ihn draufsetzt und sich "vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück, vor und dann ist es erledigt" bewegt. An einer anderen Stelle hängt Günter seine Luftgitarre an die Hand, wie Millendorfer in einem gekonnten Understatement bemerkt, denn Günter hatte die Bewegung ja wirklich angedeutet. Auf einer Swingerparty seines Schauspielerfreundes Phil (Günter) schlägt Karl die Zeit mit Beobachtungen tot, die er lieber nicht gemacht hätte. An anderen Tagen fährt er gerne mit der Straßenbahn ans Ende der Linie, um dort auszusteigen und in die Landschaft zu schauen. Karl ist ein kauziger Einzelgänger, aber er weiß das nicht, denn er hat ja Freunde. "Er hat für sich selbst noch keine Definition festgelegt, in all den Jahren". Die Beschreibung eines Dorffestes ist so treffend abstoßend gelungen, dass man fast Mitleid mit Karl bekommt. Aber plötzlich verschwindet der Protagonist und der Autor muss sich selbst auf die Suche nach seinem Karl machen und in seinen Schuhen stecken.

Autor sucht Protagonisten

Wolfgang Millendorfer bietet in "Kein Platz in der Stadt" insgesamt drei Teile (Kapitel) und gleich vier mal ein "Ende" an. Eines davon endet in Italien am Meer, wo Karl vorher noch nie gewesen ist. "Alle guten Geschichten beginnen irgendwo anders und enden im Nichts". Ob er damit das Meer meint? Oder Fanny? Der Autor hat seinen Roman zu drei Viertel in der dritten Person geschrieben, "er", da er Karl beschreibt, doch im letzten Viertel wird die Geschichte aus der Sicht des Autors in der Ich-Form weitererzählt, was aber nicht heißt, dass die beiden verschmelzen. Denn ein Roman ist niemals autobiographisch, mitnichten. Eine Geschichte in der Geschichte also, stets im historischen Präsens gehalten und mit einigen witzigen Dialogen, die zeigen, dass sich Karl trotz der Kommunikation mit anderen Menschen sehr einsam fühlt. Sein Job im Amt gefällt ihm nicht, er kennt einige seiner Mitarbeiter nur nach ihren äußeren Merkmalen ("Glatzkopf", "der Lange", "der Dünne"), nicht aber nach ihren Namen. Nachnamen gibt es ohnehin keine, auch keine von seinen Freunden. Aber hat Karl überhaupt Freunde?

Im Rücken: der Wahnsinn

Es hat schon einmal einen "Herrn Karl" – auch ohne Nachnamen - in der österreichischen Literaturgeschichte gegeben, aber vielleicht ist die Namensgleichheit auch unbeabsichtigt und reiner Zufall. Wolfgang Millendorfer wurde durch "Doppelgänger", die Literatur-Performance "ich gegen mich" und "Millendorfer Zirkus Show" bekannt und er hat das Match gegen sich selbst in "Kein Platz in der Stadt" um ein weiteres Spiel verlängert, indem er den Autor gegen seinen Protagonisten antreten lässt, ein literarisches Experiment, das wir schon von Jasper Fforde oder Reinhard Kleist kennen, das aber bei Millendorfer noch extrapoliert wird. Am Ende gibt es aber doch ein Happy End für Karl und Fanny: "Dann sehen beide aufs Meer hinaus, was immer noch besser ist, als den Wahnsinn zu sehen, der sich hinter ihrem Rücken abspielt." Aus dem versuchten Ausbruch wird wie so oft ein Urlaub. Den Wahnsinn im Rücken. Ist das das versprochene Glück?

Jürgen Weber
26. September 2017

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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