Eva Rossmann: Patrioten.

Roman.
Wien und Bozen: Folio Verlag, 2017.
368 S., geb.; 22 Euro.
ISBN 978-3-
85256-725-9.

Autorin

Leseprobe

Mögest Du in interessanten Zeiten leben! Damit wünschten die alten Chinesen einst das genaue Gegenteil einem Anderen an den Hals, Chaos nämlich und Unordnung, Leid und noch mehr Leid.
Leben wir nun heute, zwischen Weißem Haus und Kreml, zwischen Nordkorea und Venezuela, zwischen Brexit und Katalonien, nicht tatsächlich in interessanten Zeiten, interessanteren als seit Langem? Zumindest für eine Renaissance des politischen Romans sorgt die Gegenwart. Beispiele hierfür sind Howard Jacobsens "Pussy", Salman Rushdies "Golden House" oder Ali Smiths Roman "Autumn". Man könnte auch A. L. Kennedys "Serious Sweet" dazu nehmen, das Porträt zweier desperat depressiver Londoner an einem Tag in der Stadt an der Themse, oder Ta-Nehisi Coates' gesellschaftliche Essaybefunde, Yaa Gyasis "Heimkehren" oder Colson Whiteheads "Underground Railroad".

Wessen bedarf es, um auch hierzulande hart entlang des Schlagzeilensalats und des Wahlkampfgetöses engagierte Literatur zu schreiben, die die Zeit einfängt und sanft satirisch, also bis zur eigentlichen Kenntlichkeit, verzerrt? Es braucht Chuzpe, um aus einem erfolgreichen Genremuster auszusteigen, es braucht Mut. Könnte doch ein Teil der Leserschaft sich verweigern, und ein anderer sich gelangweilt abwenden. Eva Rossmann ist nun dieses Wagnis eingegangen. Mit Aplomb. Und mit Erfolg. Die studierte Juristin, die im Weinviertel lebt, legt mit "Patrioten" einen aufregenden Roman vor, dem der Verlag ein raffiniertes Umschlagcover mit auf den Weg gegeben hat, eine grafische Demontage ideologisch wie religiös aufgeladener Bildelemente und Symbole, die zerschlagen anmuten.
Der Führer der rechtspopulistischen Patriotisch Sozialen, Julius Sessler, wird nahe Wien tot aufgefunden. Er wurde ans Kreuz genagelt. Was zugleich stark metaphorisch ist. Ist also der Attentäter ein radikaler Islamist, handelt es sich um einen verschwundenen Asylwerber? Dessen Familie wird von der verwitweten Frau Klein betreut, deren Mann einst beim ORF Karriere machte. In ihrer Pfarre hat Frau Klein, die gleich auf der ersten Romanseite ihren 83. Geburtstag begeht, die Betreuung einer Flüchtlingsfamilie aus Syrien übernommen, von Sina, ihrem Mann Rami und dem gemeinsamen kleinen Kind. Und dann ist plötzlich am selben Tag, an dem Sessler tot aufgefunden wird, Rami, der so Zuverlässige, so Treue, spurlos verschwunden. Kann es sein, dass er der Attentäter war, dass es sich bei ihm um einen Schläfer handelt? Und kann es tatsächlich sein, dass die so ehrliche Sina gelogen hat, was ihren Mann angeht? Frau Kleins Enkel David, ein Journalist, ist in Sina verliebt, ohne sich dies selber einzugestehen. David ist technikaffin und stellt für Sina Internetverbindungen in ihr Heimatland her.
Er verfolgt andererseits mit großer Aufmerksamkeit das Treiben eines gebildeten, durchaus intellektuellen Users in den sozialen Medien, der sich den im Lande Sigmund Freuds außerordentlich sinnreichen Namen "ES" gibt. Dieser "ES" betreibt extremnationalistische Agitation: gegen Flüchtlinge und für ein Österreich, für welches er bestimmte Werte und eine ganz bestimmte Kultur reklamiert. Alles dient in den sozialen Medien als Argumentationsmaterial, um die wüstesten Spekulationen in Umlauf zu bringen: Gerüchte, haltlose Verdächtigungen, tumbes Viertelwissen und eine Flut von Falschmeldungen.
Zusammen mit ihrem 92-jährigem Galan Richard Pribil, der für sein fortgeschrittenes Alter noch bemerkenswert fit ist und über eine ebenso klare wie entschiedene politische Meinung verfügt, und ihrem Enkel David deckt Frau Klein eine Verschwörung auf, die sie bis nach Brüssel führt, direkt ins Europaparlament.

Eva Rossmann, die Erfinderin von Mira Valensky und Vesna Krajner und seit 20 Jahren eine der beliebtesten österreichischen Krimiautorinnen, zeigt sich hier ganz auf der Höhe der Politthriller-Kunst. Und ganz nah am Puls der Zeit. Rasant wechseln Perspektive und Tonfall einschließlich fiktiver Internet-postings. Kunstvoll sind alle Elemente miteinander verschränkt. Dies sowie zahlreiche Dialoge machen diesen Roman so lebendig. Und so erschreckend. Weil Eva Rossmann den Ton der Hetzer, des unter nicknames ausgelebten Hasses so präzise trifft, so peinigend genau, dass es schmerzhaft ist. Denn auch den Ausweis der Dummheit und der Unbildung, die grotesk fehlerhafte Orthografie, die zugleich dem Schulsystem ein ungenügendes Zeugnis ausstellt, baut sie geradezu anstrengungsfrei nach.
Immer wird eingefordert, dass so genannte Spannungsliteratur auch gesellschaftlich erhellend sein soll. Einst, bei Per Wahlöö und Maj Sjöwall, in den 1970-er Jahren, war sie das noch. Selten, viel zu selten ist sie das heute, zu oft kapriziert sie sich neuerdings auf ungustiös Psychopathisches.
Mit "Patrioten" legt jetzt Eva Rossmann Aufklärung in Reinkultur vor, die auch noch unterhaltsam ist. Aufklärung über Europa heute, über Österreich heute, und darüber, wer die eigentlichen Patrioten sind: Jene, die sich so nennen, oder jene, die sich den Werten der Aufklärung eines liberalen Westens zutiefst verpflichtet fühlen.

Alexander Kluy
03. Oktober 2017

Originalbeitrag.
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